Simon erwachte unter einem Morgenhimmel wie dünner Haferschleim, mit Nase und Ohren, die sich über Nacht wie durch Zauber in Eis verwandelt hatten. Er hockte sich an das kleine Feuer und kaute Brot und Käse, die Binabik ausgeteilt hatte. Sludig kam und setzte sich neben ihn. Die Wangen des jungen Rimmersmannes waren vom scharfen Wind rotglänzend.
»Ein Wetter wie bei uns zu Hause im Vorfrühling«, grinste er, spießte einen Brotkanten auf die lange Klinge seines Messers und hielt ihn über die Flammen. »Das macht schnell einen Mann aus dir, du wirst schon sehen.«
»Ich hoffe, es gibt noch andere Arten, ein Mann zu werden, als sich zu Tode zu frieren«, brummte Simon und rieb sich die Hände.
»Du kannst auch einen Bären mit dem Speer töten«, meinte Sludig. »Das machen wir auch.«
Simon war sich nicht sicher, ob das ein Scherz sein sollte.
Binabik, der gerade Qantaqa zum Jagen fortgeschickt hatte, trat zu ihnen und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen hin.
»Nun, ihr beiden, seid ihr bereit zu einem harten Ritt heute?« fragte der Troll. Simon antwortete nicht, weil er den Mund voller Brot hatte; als Sludig einen Moment später auch noch nichts erwidert hatte, schaute Simon auf. Der Rimmersmann starrte stur geradeaus ins Feuer. Sein Mund bildete eine feste, waagrechte Linie. Das Schweigen war ungemütlich.
Simon schluckte. »Ich denke schon, Binabik«, sagte er rasch. »Haben wir einen weiten Weg?«
Binabik lächelte so heiter, als sei das Schweigen des Rimmersmannes völlig natürlich. »Wir werden so weit reiten, wie wir es wünschen. Heute scheint es gut zu sein, wenn man lange reitet, denn der Himmel ist klar. Schneller als es uns lieb ist, finden uns vielleicht Regen und Schnee.«
»Kennst du denn unser Ziel?«
»Zum Teil, Freund Simon.« Binabik nahm ein Stück Zweig vom Rand der Feuergrube und zog damit Striche in die feuchte Erde. »Hier erhebt sich Naglimund«, erklärte er und malte einen ungefähren Kreis. Dann zog er eine Reihe von Muschelbögen, die sich, von der rechten Seite des Kreises ausgehend, ein gutes Stück weiter nach oben erstreckten. »Das hier ist der Weldhelm. Dieses Kreuz sind wir, hier an dieser Stelle.« Er machte ein Zeichen unweit des Kreises. Dann zeichnete er in schneller Folge ein großes Oval nahe der anderen Seite des Gebirges, ein paar kleinere, um es herum verstreute Kreise, und dahinter etwas, das wie eine weitere Bergkette aussah.
»Nun also«, meinte er dann und kauerte sich dicht vor sein durchfurchtes Stück Erde. »Bald werden wir uns diesem See nähern«, er deutete auf die große, elliptische Form, »den man Drorshull nennt.«
Sludig, der sich anscheinend widerwillig herübergebeugt und zugeschaut hatte, richtete sich auf. »Drorshullvenn – Torshammersee.« Er runzelte die Stirn und beugte sich nochmals nach unten, um mit dem Finger einen Punkt am Westufer des Sees zu bezeichnen. »Dort liegt Vestvennby – das Thanland dieses Verräters Storfot. Ich würde dort liebend gern nachts vorbeireiten.« Er wischte die Brotkrumen von der Klinge seines Dolches und hielt den Stahl in das schwache Licht des Feuers.
»Wir werden aber nicht dorthin kommen«, erklärte Binabik streng, »und du wirst deine Rache abwarten müssen. Wir nehmen die andere Seite, an Hullnir vorbei nach Haethstad, weiter in Richtung der Abtei von Sankt Skendi und dann höchstwahrscheinlich den Weg über die nördliche Ebene hinauf zu den Bergen. Kein vorheriges Anhalten zum Halsabschneiden.« Er schob den Stock über den See weiter, auf die Reihe der runden Bögen zu.
»Das liegt daran, daß ihr Trolle nicht wißt, was Ehre ist«, bemerkte Sludig bitter und starrte Binabik unter seinen dichten blonden Augenbrauen an.
»Sludig«, begann Simon bittend, aber Binabik nahm die Herausforderung des anderen gelassen hin.
»Wir haben einen Auftrag zu erfüllen«, erwiderte der Troll ruhig. »Isgrimnur, dein Herzog, wünscht es, und seinem Willen ist nicht mit Treue gedient, wenn man sich zur Nachtzeit fortschleicht, um Storfot die Kehle aufzuschlitzen. Das ist kein Mangel an Ehre bei einem Troll, Sludig.«
Der Rimmersmann warf ihm einen kurzen, scharfen Blick zu und schüttelte dann den Kopf. »Du hast recht.« Zu Simons Erstaunen lag in seiner Stimme kein Groll mehr. »Ich bin zornig und habe meine Worte schlecht gewählt.« Er stand auf und ging zu Grimmric und Haestan hinüber, die damit beschäftigt waren, die Pferde wieder zu beladen. Im Gehen bewegte er die geschmeidigen, muskulösen Schultern, als wollte er Knoten darin lösen. Simon und der Troll starrten ihm einen Augenblick nach.
»Er hat sich entschuldigt«, sagte Simon überrascht.
»Nicht alle Rimmersmänner sind wie dieser kalte Einskaldir«, bemerkte sein kleiner Freund. »Aber es sind auch – andererseits – nicht alle Trolle wie Binabik.«
Es war ein sehr langer Tagesritt, immer im Schutz der Bäume die Flanke des Gebirges hinauf. Als sie endlich anhielten, um ihre Abendmahlzeit einzunehmen, wußte Simon längst, wie zutreffend Haestans Warnungen gewesen waren: Obwohl sein Pferd langsam gegangen war und der Weg durch leichtes Gelände geführt hatte, brannten ihm Beine und Schritt, als hätte er den ganzen Tag auf irgendeinem schrecklichen Foltergerät gesessen. Haestan, nicht ohne Grinsen, erläuterte ihm liebenswürdig, das Schlimmste komme erst noch, wenn er morgens steif von der Nacht wäre; dann bot er ihm soviel aus dem Weinschlauch an, wie er nur trinken mochte.
Als Simon sich an diesem Abend endlich zwischen den buckligen, bemoosten Wurzeln einer fast entlaubten Eiche zusammenrollte, fühlte er sich etwas besser, obwohl der Wein ihm vorgaukelte, er höre Stimmen im Wind, die seltsame Lieder sangen.
Als er am Morgen aufwachte, mußte er feststellen, daß nicht nur alles, was Haestan prophezeit hatte, zehnfach eingetroffen war, sondern daß auch noch Schnee herunterwirbelte und über Weldhelmberge und Reisende eine gleichmäßig kalte, fest an ihnen haftende weiße Decke breitete. Zitternd im matten Yuven-Tageslicht konnte er noch immer die Windstimmen vernehmen. Was sie sagten, war klar: Sie verspotteten den Kalender und machten sich lustig über Reisende, die da meinten, sie könnten ungestraft durch das neue Königreich des Winters ziehen.
Die ersten anderthalb Tage waren sie sehr schnell geritten und hatten die keuchenden Pferde der Herrin Vara bis ans Ende ihrer Kräfte getrieben; bis sie an seiner oberen Gabelung den Grünwate-Fluß erreicht und überquert hatten, etwa fünfundzwanzig Meilen südwestlich von Naglimund. Danach hatten sie die Geschwindigkeit verringert, damit die Pferde sich ausruhen konnten; immerhin war es möglich, daß sie noch einmal eilig davonreiten mußten.
Prinzessin Miriamel ritt gut im Herrensitz, wie es sich für die Kleidung, die sie trug, gehörte: Hosen und Wams, die ihr schon bei ihrer Flucht aus dem Hochhorst als Verkleidung gedient hatten. Ihr kurzgeschnittenes Haar war neuerlich schwarzgefärbt, obwohl unter der Reisekapuze, die sie ebenso vor Kälte wie auch vor Entdeckung schützen sollte, kaum etwas davon zu sehen war. Bruder Cadrach, der in seinem vom Reisestaub schmutzigen grauen Habit neben ihr ritt, wirkte unauffällig wie sie. Ohnehin waren bei dem abschreckenden Wetter und den gefährlichen Zeiten kaum andere Reisende auf der Flußuferstraße unterwegs. Die Prinzessin wurde langsam zuversichtlich, daß ihre Flucht gelungen war.
Seit der Mitte des Vortages waren sie auf der Deichstraße dem breiten, angeschwollenen Fluß gefolgt, in den Ohren das Schmettern ferner Trompeten, schriller, aufdringlicher Stimmen, die selbst das Stöhnen des regenschweren Windes übertönten. Zuerst hatte sie Angst gehabt, weil der Lärm das Gespenst einer rächenden Schar ihres Onkels oder ihres Vaters, ihnen dicht auf den Fersen, weckte. Aber es stellte sich bald heraus, daß Cadrach und sie sich der Quelle des Lärmes näherten, anstatt vor ihr zu fliehen. Und an diesem Morgen hatten sie dann zum ersten Mal die Handschrift der Schlacht gesehen: einsame Linien aus schwarzem Rauch, in den ruhig gewordenen Himmel hineingemalt wie mit Tinte.