»Elysia, Mutter Gottes!« rief Miriamel und rannte auf ihn zu.
»Lebt er noch?«
Cadrach band rasch die Pferde an eine der gekrümmten Eichenwurzeln und trat dann zu ihr. »Das ist unwahrscheinlich.«
»Aber es ist so!« sagte die Prinzessin. »Hört doch … er atmet.«
Der Mönch kniete nieder, um den Mann zu untersuchen, dessen Atem tatsächlich schwach aus der Höhlung des halbgeöffneten Helms drang. Cadrach klappte die Maske unter dem Flügelkamm nach oben und enthüllte ein schnurrbärtiges, unter Rinnsalen angetrockneten Blutes kaum noch kenntliches Gesicht.
»O Hunde des Himmels«, seufzte Cadrach, »es ist Arthpreas – der Graf von Cuimhne.«
»Ihr kennt ihn?« fragte Miriamel, die dabei war, in der Satteltasche nach dem Wasserschlauch zu suchen. Sie fand ihn und befeuchtete ein Stück Stoff mit dem Wasser.
»Ich weiß, wer er ist, mehr nicht«, antwortete Cadrach und zeigte auf die beiden auf den zerfetzten Wappenrock des Ritters gestickten Vögel. »Er ist der Inhaber des Lehens von Cuimhne, das in der Nähe von Nad Mullagh liegt. Sein Zeichen sind die Zwillings-Wiesenlerchen.«
Miriamel tupfte Arthpreas das Gesicht ab, während der Mönch vorsichtig die blutigen Risse in der Rüstung prüfte. Die Lider des Ritters zuckten.
»Er wacht auf!« rief die Prinzessin und zog scharf den Atem ein. »Cadrach, ich glaube, er bleibt am Leben!«
»Nicht lange, Herrin«, erwiderte der kleine Mann ruhig. »Er hat eine Bauchwunde, so breit wie meine Hand. Laßt mich die letzten Worte für ihn sprechen, dann kann er in Frieden sterben.«
Der Graf stöhnte. Ein wenig Blut rann über den Rand seiner Lippen. Miriamel wischte es ihm liebevoll vom Kinn. Seine Augen flatterten auf.
»E gundhain sluith, ma connalbehn…«, murmelte der Ritter auf Hernystiri. Er hustete schwach, und neue Blutblasen traten auf seine Lippen. »Guter … guter Junge. Haben sie … den Hirsch?«
»Was meint er?« wisperte Miriamel. Cadrach deutete auf das zerrissene Banner im Gras unter dem Arm des Grafen.
Ihr habt ihn gerettet, Graf Arthpreas«, sagte sie und näherte ihr Gesicht dem seinen. »Es ist in Sicherheit. Was ist geschehen?«
»Skalis Rabenkrieger … sie waren überall.« Ein langer Hustenanfall, und die Augen des Ritters öffneten sich weit. »Und meine tapferen Burschen … tot, alle tot … zerhackt wie … wie…« Arthpreas stieß ein schmerzhaftes, trockenes Schluchzen aus. Seine Augen starrten in den Himmel, langsam wandernd, als folgten sie dem Lauf der Wolken.
»Und wo ist der König?« fuhr er endlich fort. »Wo ist unser tapferer alter König? Die goirach Nordmänner waren überall um ihn herum, Brynioch verderbe sie, Brynioch naferth ub … ub strocinh…«
»Der König?« flüsterte Miriamel. »Er muß Lluth meinen.«
Plötzlich fiel der Blick des Grafen auf Cadrach und flammte sekundenlang auf, als finge ein Funken darin Feuer. »Padreic?« fragte er und hob die zitternde, blutige Hand, um sie dem Mönch auf den Arm zu legen. Cadrach zuckte zusammen, als wollte er ihm ausweichen, aber seine Augen waren wie gefangen und schimmerten in seltsamem Glanz. »Bist du es, Padreic feir? Bist du … zurückgekommen?«
Der Ritter erstarrte und stieß ein langes, rasselndes Husten aus, das die rote Flut hervorschießen ließ wie einen unterirdischen Quell. Gleich darauf rollten die Augen unter den dunklen Wimpern nach oben.
»Tot«, sagte Cadrach wenig später, und seine Stimme klang rauh. »Möge Usires ihn erlösen und Gott seine Seele trösten.« Er schlug das Zeichen des Baumes über Arthpreas' regloser Brust und stand auf.
»Er nannte Euch Padreic«, bemerkte Miriamel und starrte geistesabwesend auf das Tuch in ihrer Hand, das jetzt durch und durch tiefrot war.
»Er hat mich verwechselt«, entgegnete der Mönch. »Ein Sterbender, der nach einem alten Freund Ausschau hielt. Kommt! Wir haben keine Schaufeln, um ihm ein Grab zu graben. Wenigstens wollen wir Steine suchen und ihn damit bedecken. Er war … es heißt, er war ein guter Mann.«
Während Cadrach über die Lichtung davonging, zog Miriamel vorsichtig den Panzerhandschuh von Arthpreas' Hand und wickelte ihn in das zerfetzte grüne Banner.
»Bitte kommt und helft mir, Herrin!« rief Cadrach. »Wir können uns hier nicht lange aufhalten.«
»Ich komme gleich«, antwortete sie und steckte das Bündel in ihre Satteltasche. »Soviel Zeit haben wir.«
Simon und seine Gefährten legten langsam den weiten Weg rund um den See zurück. Sie folgten einer mit hohen Bäumen bestandenen Halbinsel voller Schneewehen. Zur Linken lag der gefrorene Spiegel des Drorshull; die weißen Schultern des oberen Weldhelms ragten rechts von ihnen auf. Der Gesang des Windes war so laut, daß er jede Unterhaltung, die leiser war als ein kräftiger Ruf, erstickte. Simon ritt und sah auf Haestans breiten, dunklen Rücken, der vor ihm herschwankte, und es kam ihm vor, als seien sie alle einsame Inseln in einem kalten Meer: stets einer in des anderen Blickfeld, doch voneinander getrennt durch unbekannte Weiten. Er merkte, wie seine Gedanken sich nach innen wandten, eingelullt vom gleichmäßigen Vorwärtsstapfen seines Pferdes.
Merkwürdigerweise erschien vor seinem geistigen Auge Naglimund, das sie gerade erst verlassen hatten, bereits so verschwommen wie eine Erinnerung aus fernster Kinderzeit. Sogar Miriamels und Josuas Gesichter konnte er sich kaum noch vorstellen – es war, als versuchte er sich die Züge von Fremden zu vergegenwärtigen, deren Bedeutung man erst bemerkte, als sie schon lange nicht mehr da waren. Statt dessen erwachten lebhafte Erinnerungen an den Hochhorst – an lange Sommerabende auf dem Burganger, juckend von gemähtem Gras und von Insekten, oder an windige Frühlingsnachmittage, an denen er auf die Mauern geklettert war und der schwere Duft der Rosenhecken im Hof an ihm gezupft hatte wie warme Hände. Als er sich an den etwas feuchten Geruch der Wände erinnerte, die sein kleines Bett umgaben, hineingestopft in einen Winkel des Dienstbotenflügels, fühlte er sich wie ein verbannter König, der seinen Palast an einen fremden Eroberer verloren hat – und so war es ja in gewisser Weise auch.
Die anderen schienen genauso tief in ihre eigenen Gedanken versunken; abgesehen von Grimmrics Pfeifen – einer dünnen, trillernden Melodie, die nur ab und zu den Wind übertönte, sich aber dennoch stetig fortzusetzen schien – fand der Ritt um den Drorshullsee in tiefem Schweigen statt.
Simon kam es manchmal, wenn er sie im Schneegestöber erkennen konnte, so vor, als sehe er die Wölfin stehenbleiben und den Kopf schief legen, als würde sie lauschen. Als sie am Abend endlich ihr Lager aufschlugen und der größte Teil des Sees südwestlich hinter ihnen lag, fragte er danach.
»Hört Qantaqa etwas, Binabik? Ist irgend jemand vor uns?«
Der Troll schüttelte den Kopf und streckte die Hände näher ans Feuer. Die Handschuhe hatte er ausgezogen. »Vielleicht. Aber etwas, das vor uns liegt, selbst in solchem Wetter, würde Qantaqa riechen. Außerdem reiten wir mit dem Wind. Wahrscheinlicher ist es, daß sie ein Geräusch hinter uns oder von der Seite vernimmt.«
Simon überlegte einen Augenblick. Sicher war, daß ihnen aus dem verödeten Hullnir, in dem es nicht einmal mehr Vögel gab, nichts gefolgt war.
»Jemand soll hinter uns sein?« fragte er ungläubig.
»Ich bezweifle es. Wer? Und warum?«
Aber auch Sludig, der die Nachhut bildete, hatte gemerkt, daß die Wölfin unruhig schien. Obwohl er sich in Binabiks Gesellschaft noch immer nicht recht wohl fühlte und ganz und gar nicht bereit war, auch noch Qantaqa Vertrauen zu schenken – zum Schlafen rollte er seinen Mantel immer auf der von ihr am weitesten entfernten Stelle des Lagers zusammen –, zweifelte er nicht an den scharfen Sinnen der grauen Jägerin. Während die anderen dasaßen und an Hartbrot und getrocknetem Wildfleisch kauten, hatte er den Wetzstein hervorgeholt, um seine Handbeile zu schärfen.