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Und dann war Simon frei, keuchend und schluchzend. Binabik und Hengfisk hielten den zuckenden Mönch, bis er endlich aufhörte, um sich zu schlagen. Die Stille des dunklen Waldes kehrte zurück und umgab das kleine Lagerfeuer, so wie die Abgründe der Nacht einen sterbenden Stern umarmen.

XX

Der Schatten des Rades

Er stand auf der offenen Ebene im Mittelpunkt einer ungeheuren, flachen Grassenke, ein Fleckchen bleichen, aufrechten Lebens inmitten eines endlosen grünen Tumultes. Nie hatte sich Simon so entblößt, so nackt unter dem Himmel gefühlt. Ringsum stiegen die Felder an und entfernten sich von ihm; die Horizonte an allen Seiten siegelten Gras und steingrauen Himmel fest zusammen.

Nach einer Weile, die in dieser unpersönlichen, festgeschriebenen Zeitlosigkeit Augenblicke oder Jahre gedauert haben konnte, brach der Horizont auf.

Mit dem gewichtigen Ächzen eines Kriegsschiffes bei starkem Wind erschien über dem Rand, der die äußerste Grenze von Simons Gesichtsfeld bildete, etwas Dunkles. Immer weiter stieg es empor, unfaßlich groß, bis sein Schatten über Simon fiel, tief unten im Tal – das Fallen des Schattens war so jäh, daß er fast ein Echo zu erzeugen schien, als er aufschlug – ein tiefes, hallendes Summen, das Simon erschütterte.

Die gewaltige Masse des Dinges zeichnete sich klar vor dem Himmel ab, als es einen langen Augenblick am Rand des Tales verharrte. Es war ein Rad, ein ungeheures, schwarzes Rad, hoch wie ein Turm. Im Dämmerlicht des Schattens, den es warf, konnte Simon nur mit weit aufgerissenen Augen Zusehen, wie es sich mit quälender Zielsicherheit zu drehen und langsam den langen, grünen Hang hinunterzurollen begann; abgerissene, geschundene Erdsoden spritzten hinter ihm auf. Simon stand wie erstarrt mitten in seinem gräßlichen Weg, auf dem es mahlend weiterrollte, unerbittlich wie die Mühlsteine der Hölle.

Nun war es über ihm, den Rand voran, ein schwarzer Rumpf, der bis ans Firmament reichte, nach allen Richtungen Erde regnend. Unter Simons Füßen senkte sich der Boden, als das Gewicht des Rades die Grundfesten der Erde zum Einstürzen brachte. Er stolperte, und noch während er um sein Gleichgewicht kämpfte, ragte der schwarze Rand vor ihm auf. Stumm und entsetzt starrte er ihn an, als ein grauer Schatten an seinem Blick vorüberhuschte, ein grauer Schatten mit blitzendem Kern … ein Sperling, der wie ein Verrückter vorbeiflog, etwas Glänzendes fest im gebogenen Griff. Der Junge blinzelte, um ihm nachzusehen, und als hätte ihm der Vogel beim schnellen Vorüberfliegen ans Herz gegriffen, warf Simon sich hinter ihm her, außer Reichweite des Rades, das auf ihn einstürzte …

Doch noch während er sprang und der mauerbreite Rand herunterdonnerte, verfing sich Simons Hosenbein in einem brennendkalten Nagel, der am äußeren Rand des riesigen Rades hervorstand. Der Sperling, nur ein paar Zoll vor ihm, flog frei davon und kreiste wirbelnd, grau in grau, vor dem Schieferhimmel nach oben wie ein Schmetterling. Seine glitzernde Bürde verschwand mit ihm in der Dämmerung.

Eine gewaltige Stimme sprach: Du bist gezeichnet.

Das Rad faßte Simon und wirbelte ihn herum, schüttelte ihn wie ein Hund, der einer Ratte das Genick bricht. Dann rollte es weiter und riß ihn hoch hinauf in die Luft. Baumelnd wurde er in den Himmel gezerrt, und unter seinem Kopf schaukelte die Erde wie ein wogendes, grünes Meer. Der Fahrtwind des Rades umwehte ihn auf allen Seiten, als er nach oben stieg und dem Scheitelpunkt zukreiste. In seinen Ohren sang das Blut.

Simon wühlte mit der Hand in dem Gras und dem Lehm, die den breiten Rand verkrusteten, und richtete sich mühsam auf; er ritt auf dem Rad wie auf dem Rücken eines wolkenhohen Tieres. Immer näher kam er dem gewölbten Himmel.

Dann war er ganz oben und saß einen Augenblick auf dem höchsten Punkt der Welt. Hinter dem Rand des Tales waren alle die weithin verstreuten Felder von Osten Ard zu sehen. Das Sonnenlicht durchbohrte den Himmel und fiel auf die Zinnen einer Burg und eine wunderschöne schimmernde Turmspitze, das einzige auf der Welt, das so hoch zu sein schien wie das schwarze Rad. Er blinzelte, erkannte etwas Vertrautes im aufstrebenden Umriß, aber gerade, als es deutlicher zu werden begann, rollte das Rad weiter, stieß ihn vom Gipfel herunter und zog ihn rasch wieder auf den tief unter ihm liegenden Boden hinunter.

Er kämpfte mit dem Nagel, zerrte an seinem Hosenbein, um sich zu befreien. Aber irgendwie waren er und der Nagel eins, er konnte sich nicht losreißen. Der Boden sprang ihm entgegen. Die beiden, Simon und die jungfräuliche Erde, rasten mit einem Getöse wie die Posaunen des Jüngsten Tages, die durch das Tal dröhnten, aufeinander zu. Er schlug auf – die beiden prallten zusammen –, und Wind und Licht und Musik erloschen wie eine Kerzenflamme.

Plötzlich:

Simon befand sich im Dunkeln, tief in der Erde, die sich vor ihm teilte wie Wasser. Ringsum ertönten Stimmen, langsame, zögernde Stimmen aus Mündern voll erstickenden Staubes.

Wer tritt in unser Haus? Wer kommt, unseren Schlaf, unseren langen Schlaf zu stören? Sie wollen uns bestehlen! Die Diebe wollen uns unsere stillen, dunklen Betten nehmen. Sie wollen uns wieder nach oben schleppen, durch das Helle Tor…

Als die klagenden Stimmen so riefen, fühlte Simon Hände, die ihn umklammerten, Hände, kalt und trocken wie Gebein oder naß und weich wie Wurzeln, die sich in die Tiefe senken, ausgestreckte, verschlungene Finger, die nach ihm griffen, um ihn an leere Brüste zu drücken … doch sie konnten ihn nicht aufhalten. Das Rad rollte und rollte, mahlte ihn nach unten, immer weiter, bis die Stimmen hinter ihm erstarben und er durch eiskalte, schweigende Finsternis glitt.

Finsternis…

Wo bist du, Junge? Träumst du? Ich kann dich fast berühren.

Es war Pryrates' Stimme, die da plötzlich sprach, und er spürte das bösartige Gewicht der Gedanken des Alchimisten dahinter. Ich weiß jetzt, wer du bist – Morgenes' Schüler, ein Küchenjunge, der sich in alles einmischt. Du hast Dinge gesehen, die nicht für dich bestimmt waren, Küchenjunge – du hast mit Dingen gespielt, die über dich hinausgehen. Du weißt viel zu viel. Ich werde dich suchen.

Wo bist du?

Und dann die tiefere Dunkelheit, ein Schatten unter dem Schatten des Rades, und tief in diesem Schatten zwei rotglühende Feuer, Augen, die aus einem Schädel starren mußten, der ein Grauen und voller Flammen war.

Nein, Sterblicher, sagte eine Stimme, und in Simons Kopf klang sie wie Asche und Erde und das stumme, unausgesprochene Ende aller Dinge. Nein, dieser ist nicht für dich. Die Augen loderten auf, voller Neugier und Vergnügen. Wir werden ihn nehmen, Priester.

Simon fühlte, wie Pryrates' Griff sich lockerte und die Macht des Alchimisten vor dem dunklen Wesen zusammenschrumpfte.

Willkommen, sagte es. Hier ist das Haus des Sturmkönigs, jenseits des Dunkelsten Tores. – Wie … ist … dein … Name?

Und die Augen sanken ein wie zerfallende Glut, und die Leere hinter ihnen brannte kälter als Eis, heißer als jedes Feuer … und dunkler als alle Schatten…

»Nein!« Simon dachte, er schrie es, aber auch sein Mund war voller Erde. »Ich sage ihn nicht!«

Vielleicht werden wir dir einen Namen geben … du mußt einen Namen haben, kleine Fliege, kleines Staubkorn … damit wir dich erkennen, wenn wir dir begegnen … wir müssen dich zeichnen …

»Nein!« Er versuchte sich loszureißen, aber das Gewicht von tausend Jahren Erde und Stein lastete auf ihm. »Ich will keinen Namen! Ich will keinen Namen! Ich will keinen…«