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»… Namen von dir!« Noch während sein letzter Aufschrei durch die Bäume gellte, war Binabik bei ihm, aufrichtige Bestürzung im Gesicht. Das schwache Licht der Morgensonne, ohne Ursprung und Richtung, erfüllte die Lichtung.

»Einen Verrückten und einen dem Tode Nahen habe ich schon zu pflegen«, bemerkte Binabik, als Simon sich aufsetzte, »und nun mußt du auch noch anfangen, im Schlaf zu schreien?« Der Troll hatte einen Scherz machen wollen, aber der Morgen war zu kalt und dünn für den Versuch. Simon zitterte am ganzen Leib.

»Ach, Binabik, ich…« Er fühlte, wie ein bebendes, unsicheres Lächeln auf sein Gesicht trat, erzwungen von der einfachen Tatsache, daß er sich im Licht befand, über der Erde. »Ich hatte einen ganz, ganz schrecklichen Traum.«

»Das überrascht mich nicht weiter«, erwiderte der Troll und quetschte Simons Schulter. »Ein schrecklicher Tag wie gestern führt nicht zufällig zu einem weniger als ruhigen Schlaf.«

Der kleine Mann richtete sich auf. »Wenn du willst, sei willkommen, dir in meinem Rucksack etwas zu essen zu suchen. Ich bin mit dem Pflegen der beiden Mönche beschäftigt.« Er wies auf die dunklen Gestalten auf der anderen Seite des Lagerfeuers. Der ihm näher Liegende, den Simon für Langrian hielt, war in einen dunkelgrünen Mantel gewickelt.

»Wo ist…«, nach ein paar Sekunden erinnerte Simon sich an den Namen, »… Hengfisk?« Sein Kopf dröhnte, und seine Kiefer schmerzten, als hätte er mit den Zähnen Nüsse geknackt.

»Der unangenehme Rimmersmann – der, man muß es der Gerechtigkeit wegen erwähnen, immerhin seinen Mantel gegeben hat, um Langrian zu wärmen – ist fortgegangen, um in seinem verwüsteten Heim nach Nahrung und Ähnlichem zu suchen. Ich muß nun wieder zu meinen Pfleglingen, Simon – sofern du dich besser fühlst?«

»Ja, natürlich. Wie geht es ihnen?«

»Langrian, kann ich mit Vergnügen erwähnen, geht es wesentlich besser.« Binabik zeigte ein kleines befriedigtes Nicken. »Er hat eine recht lange Zeit friedlich geschlafen – etwas, das du von dir nicht behaupten kannst, hmmm?« Der Troll lächelte. »Bruder Dochais ist bedauerlicherweise meiner Hilfe nicht zugänglich, aber er ist außer in seinen schrecklichen Gedanken nicht krank. Auch ihm habe ich etwas gegeben, das ihm schlafen hilft. Nun aber vergib mir, denn ich muß nach Bruder Langrians Verband sehen.«

Binabik stand auf und stampfte um die Feuergrube herum, wobei er über Qantaqa hinwegstieg, die schlafend neben den warmen Steinen lag. Simon hatte ihren Rücken zunächst auch für einen großen Stein gehalten.

Der Wind fächelte mit leichten Fingern die Blätter des Eichbaumes über seinem Kopf, als Simon Binabiks Rucksack durchsuchte. Er holte ein kleines Säckchen heraus, das sich anfühlte, als könne Frühstück darin sein; aber noch bevor er es öffnete, verriet ihm ein klapperndes Geräusch, daß es die seltsamen Knochen enthielt, die er schon gesehen hatte. Weitere Forschungen förderten geräuchertes Dörrfleisch zutage, das in ein grobes Tuch gewickelt war. Kaum aber hatte Simon das Päckchen geöffnet, als ihm klar wurde, daß irgendeine Art Essen in seinen rebellierenden Magen zu stopfen das letzte war, was dieser jetzt wollte.

»Gibt es noch irgendwo Wasser, Binabik? Wo ist dein Schlauch?«

»Besser, Simon!« rief ihm der über Bruder Langrian gebeugte Troll zu. »Es ist ein Bach da, nur ein kurzes Stück dort hinunter.« Er deutete, griff dann nach unten und warf Simon den Schlauch zu. »Diesen zu füllen wird mir hilfreich sein.«

Als Simon den Schlauch aufhob, sah er daneben seine beiden Bündel liegen. Spontan griff er nach dem in Lumpen gewickelten Manuskript und nahm es mit, als er sich auf den Weg zum Bach machte.

Der kleine Bach floß träge, und seine Strudel waren mit Zweigen und Blättern verstopft. Simon mußte erst eine Stelle davon befreien, bevor er sich bücken und mit den Händen Wasser schöpfen konnte, um es sich ins Gesicht zu spritzen. Er schrubbte sich kräftig mit den Fingern – es kam ihm vor, als seien Rauch und Blut der verwüsteten Abtei in alle Poren und Falten eingedrungen. Danach trank er ein paar tiefe Züge und füllte Binabiks Schlauch.

Er setzte sich ans Ufer und dachte über den Traum nach, der, seitdem er aufgestanden war, wie ein feuchter Nebel über seinen Gedanken hing. Wie Bruder Dochais' wirre Worte am Abend zuvor hatte der Traum Schatten des Grauens in Simons Herz wachgerufen, aber das Tageslicht war bereits im Begriff, sie zu verscheuchen wie ruhelose Geister, und nur ein Rest von Furcht blieb zurück. Das einzige, woran er sich erinnerte, war das große, schwere Rad, das auf ihn heruntergerollt war. Alles andere war verschwunden und hatte in seinem Gehirn schwarze, leere Flecken hinterlassen, Türen der Vergeßlichkeit, die er nicht öffnen konnte.

Dennoch wußte er, daß er in etwas hineingeraten war, das mehr war als nur das Ringen königlicher Brüder – mehr sogar als der Tod jenes guten alten Doktors Morgenes oder die Abschlachtung von zwanzig heiligen Männern. Sie alle waren nur Strudel in einer größeren, tieferen Strömung – oder besser gesagt, Kleinigkeiten, zerquetscht von der achtlosen Umdrehung eines mächtigen Rades. Simons Verstand reichte nicht aus, die Bedeutung all dieser Dinge zu fassen, und je mehr er darüber nachdachte, desto flüchtiger wurden die Vorstellungen. Er verstand nur eines, nämlich daß er unter den breiten Schatten des Rades gefallen war und daß er sich, wenn er überleben wollte, gegen seine furchtbaren Umdrehungen verhärten mußte.

Lässig am Ufer hingelagert, wo das dünne Summen der über dem Bach schwirrenden Insekten die Luft erfüllte, wickelte Simon die Seiten von Morgenes' Leben und Regierung König Johan Presbyters aus und begann darin zu blättern. Er hatte schon eine ganze Weile keinen Blick mehr hineingeworfen, wegen der langen Märsche und des frühen Zubettgehens, sobald das Lager aufgeschlagen war. Er löste ein paar Seiten an den Stellen, wo sie zusammenklebten, voneinander, las hier einen Satz, dort eine Handvoll Worte, und achtete weniger auf das, was da geschrieben stand, als daß er sich der tröstlichen Erinnerung an seinen Freund und Lehrmeister hingab. Er betrachtete die Schrift und dachte an die schlanken, blaugeäderten Hände des alten Mannes, die so behende und geschickt gewesen waren wie Vögel beim Nestbau.

Ein Absatz fiel ihm ins Auge. Er stand auf der Seite nach einer groben, handgezeichneten Karte, unter die der Doktor geschrieben hatte: Das Schlachtfeld von Nerulagh. Die Skizze selbst war von geringem Interesse, weil sich der alte Mann aus irgendeinem Grund nicht damit aufgehalten hatte, die Heere oder Landmarken zu bezeichnen oder eine erklärende Überschrift hinzuzufügen. Dafür erregte der darauffolgende Text Simons Aufmerksamkeit, weil er darin eine gewisse Antwort auf Gedanken fand, die ihn seit der schrecklichen Entdeckung des gestrigen Tages plagten.

»Weder Krieg noch gewaltsamer Tod«, hatte Morgenes geschrieben, »haben irgend etwas Erhebendes, und doch sind sie die Kerze, in welche die Menschheit immer wieder hineinfliegt, so ungerührt wie die niedere Motte. Wer je auf einem Schlachtfeld gewesen ist und sich von allgemein verbreiteten Vorstellungen nicht blenden läßt, wird bestätigen, daß die Menschheit auf solchem Boden eine Hölle auf Erden geschaffen hat, und zwar allein aus Ungeduld, anstatt auf die echte Hölle zu warten, wo, wenn denn die Priester recht haben, die meisten von uns am Ende ohnehin landen werden.

Und dennoch ist es das Feld des Krieges, das die Dinge festlegt, die Gott vergessen hat – ob zufällig oder nicht, welcher Sterbliche kann das wissen? –, zu ordnen und in die richtige Reihenfolge zu bringen. Darum ist es oft Schiedsrichter des Göttlichen Willens, und der gewaltsame Tod ist sein Gesetzesschreiber.«

Simon lächelte und trank noch etwas Wasser. Er erinnerte sich sehr gut an Morgenes' Angewohnheit, Dinge mit anderen Dingen zu vergleichen, so wie Menschen mit Käfern und den Tod mit einem runzligen, alten Archivpriester. Normalerweise hatte Simon diese Vergleiche nicht verstehen können, manchmal jedoch, wenn er sich anstrengte, den Drehungen und Windungen der Gedanken des alten Mannes zu folgen, war ihm plötzlich ein Sinn aufgegangen, als hätte man den Vorhang vor einem sonnigen Fenster fortgezogen.