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»Johan Presbyter«, hatte der Doktor an anderer Stelle geschrieben, »war unzweifelhaft einer der größten Krieger seiner Zeit und wäre ohne diese Begabung nie zu seiner Endstellung als König aufgestiegen. Aber es waren nicht seine Schlachten, die ihn zu einem großen König machten, sondern der Gebrauch, den er von den Werkzeugen des Königtums machte, das ihm seine Kriegführung in die Hand legte, seine Staatskunst und das Beispiel, das er dem einfachen Volk gab.

Tatsächlich war das, was im Feld seine größte Stärke darstellte, als Hochkönig seine größte Schwäche. Im Getümmel der Schlacht war er ein furchtloser, lachender Totschläger, ein Mann, der das Leben aller, die sich gegen ihn stellten, mit der heiteren Freude eines Heckenbarons aus Utanyeat vernichtete, der mit seinem gefiederten Pfeil einen Hirsch erlegt.

Als König neigte er manchmal zu vorschnellem Handeln und Sorglosigkeit, und daran lag es auch, daß er die Schlacht im Elvritshalla-Tal um ein Haar verloren hätte und den guten Willen der besiegten Rimmersmänner wirklich verlor.«

Simon runzelte die Stirn, als er diesen Absatz mit dem Finger nachzog. Er konnte fühlen, wie Sonnenlicht durch die Bäume glitt und ihm den Nacken wärmte. Er wußte, daß er eigentlich den Wasserschlauch zu Binabik zurückbringen sollte … aber es war so lange her, daß er in Ruhe irgendwo allein gesessen hatte, und er war höchst neugierig und verwundert darüber, daß Morgenes anscheinend schlecht über den goldenen, unwiderstehlichen Priester Johan sprach, einen Mann, der in so vielen Liedern und Geschichten vorkam, daß einzig Usires Ädons Name auf der Welt noch bekannter war, und das keineswegs mit großem Vorsprung.

»Im Gegensatz dazu«, hieß es in dem Absatz weiter, »war der einzige Mann, der Johan im Felde gleichkam, sein gänzliches Widerspiel. Camaris-sá-Vinitta, letzter Prinz des königlichen Hauses von Nabban und Bruder des damaligen Herzogs, war ein Mensch, für den der Krieg nur eine von vielen Zerstreuungen des Fleisches bedeutete. Auf seinem Roß Atarin, das gewaltige Schwert Dorn in der Hand, war er wohl der tödlichste Mann unserer Welt – und doch fand er kein Vergnügen in der Schlacht, und seine große Gewandtheit bedeutete ihm nichts als eine Last, weil sein machtvoller Ruf viele gegen ihn führte, die eigentlich keinen Grund dazu gehabt hätten, so daß er töten mußte, wo er es gar nicht wollte.

Im Buch Ädon heißt es, daß, als die Priester von Yuvenis kamen, um den Heiligen Usires zu verhaften, er willig mit ihnen ging; aber als sie auch seine Jünger Sutrines und Granis mit sich nehmen wollten, duldete Usires Ädon es nicht und erschlug die Priester mit der Berührung seiner Hand. Er weinte, weil er sie getötet hatte und segnete ihre Leichname.

Genauso verhielt es sich, wenn ein so gotteslästerlicher Vergleich erlaubt ist, mit Camaris. Wenn irgendein Mensch an die furchtbare Macht und allumfassende Liebe heranreicht, die Mutter Kirche Usires zuschreibt, dann Camaris, ein Krieger, der tötete, ohne seine Feinde zu hassen, und dennoch der schrecklichste Kämpfer seiner Zeit war oder wahrscheinlich aller Zeiten…«

»Simon! Willst du bitte schnell kommen! Ich brauche Wasser, und zwar sofort!«

Der Ton in Binabiks Stimme, rauh vor Dringlichkeit, ließ Simon schuldbewußt aufspringen. Er rannte die Uferböschung hinauf nach dem Lager.

Aber Camaris war doch ein großer Kämpfer! Alle Lieder stellten ihn so dar, wie er herzlich lachte, als er den wilden Männern der Thrithinge die Köpfe abhieb. Shem hatte immer so etwas gesungen, wie ging es noch?

Nach rechts und nach links setzt sein Schwert sie in Marsch, er rief und er sang, und sie zeigten den Arsch.
Camaris kam lachend, Camaris kam kämpfend, Camaris kam reitend durch die Thrithinge-Schlacht…

Als er aus dem Gebüsch auftauchte, sah Simon im hellen Sonnenschein – wieso stand die Sonne nur so hoch am Himmel? –, daß Hengfisk wieder da war und sich mit Binabik über die liegende Gestalt von Bruder Langrian beugte.

»Hier, Binabik.« Simon reichte dem knienden Troll den Lederschlauch.

»Es war eine ganz schön lange Zeit, die du…«, begann Binabik, brach ab und schüttelte den Schlauch. »Halbvoll?« fragte er, und der Ausdruck seines Gesichts ließ Simon vor Scham erröten.

»Ich hatte gerade etwas getrunken, als du riefst«, versuchte er zu erklären. Hengfisk musterte ihn mit Reptilaugen und machte eine finstere Miene.

»Nun gut«, bemerkte Binabik und wandte sich wieder Langrian zu, der weit rosiger aussah, als Simon ihn im Gedächtnis hatte. »›Geklettert ist geklettert, abgestürzt ist abgestürzt.‹ Ich glaube, mit unserem Freund hier steht es besser.« Er hob den Schlauch und spritzte Langrian einige Tropfen Wasser in den Mund. Der bewußtlose Mönch hustete und spuckte einen Moment, dann bewegte sich seine Kehle krampfhaft, und er schluckte.

»Siehst du?« meinte Binabik stolz. »Es ist die Wunde auf dem Kopf, von der ich denke, daß ich…«

Noch ehe Binabik jedoch seine Erläuterung beenden konnte, flatterten Langrians Augen auf. Simon hörte, wie Hengfisk scharf den Atem einzog. Langrians Blick wanderte verschwommen über die über ihn geneigten Gesichter, dann fielen ihm die Lider von neuem zu.

»Mehr Wasser, Troll«, zischte Hengfisk.

»Was ich hier tue, ist das, was ich verstehe, Rimmersmann«, entgegnete Binabik mit eisiger Würde. »Du hast bereits deine Pflicht getan, als du ihn aus den Ruinen zogst. Jetzt tue ich die meine und brauche keine Ratschläge.« Während er sprach, tröpfelte der kleine Mann Wasser zwischen Langrians aufgesprungene Lippen. Bald schob sich die durstgeschwollene Zunge des Mönches aus seinem Mund wie ein Bär nach dem Winterschlaf. Binabik feuchtete sie aus dem Schlauch an, machte dann ein Tuch naß und legte es Langrian auf die Stirn, die mit bereits heilenden Schnittwunden übersät war.

Endlich schlug Langrian wieder die Augen auf und schien den Blick auf Hengfisk zu richten. Der Rimmersmann nahm Langrians Hand.

»He … Heng…«, krächzte Langrian. Hengfisk drückte ihm das feuchte Tuch auf die Haut.

»Sprich nicht, Langrian. Ruh dich aus!«

Langrians Augen wanderten langsam von Hengfisk zu Binabik und Simon, dann wieder zurück zu dem Mönch. »Andere …?« brachte er mühsam hervor.

»Ruh dich jetzt aus. Du mußt ruhen!«

»Endlich sind dieser Mann und ich uns in etwas einig.« Binabik lächelte seinen Patienten an. »Du solltest Schlaf haben.«

Langrian schien noch etwas sagen zu wollen, aber bevor er dazu kam, sanken seine Augenlider herunter, als folgten sie dem Rat, und er schlief ein.

Zwei Dinge geschahen an diesem Nachmittag. Das erste ereignete sich, während Simon, der Mönch und der Troll ein karges Mahl einnahmen. Weil Binabik Langrian nicht verlassen wollte, gab es kein frisches Wild; die drei begnügten sich mit getrocknetem Fleisch und dem Ertrag aus Simons und Hengfisks Sammelgängen, Beeren und ein paar grünlichen Nüssen.

Als sie so dasaßen, still vor sich hin kauend und jeder in seine eigenen, höchst unterschiedlichen Gedanken vertieft – Simons eine Mischung aus dem grausigen Traumrad und den triumphierenden Helden des Schlachtfeldes, Johan und Camaris –, starb plötzlich Bruder Dochais.

Eben noch hatte er still dagesessen, wach, wenn auch nicht essend – die Beeren, die ihm von Simon angeboten worden waren, hatte er verweigert und ihn statt dessen wie ein mißtrauisches Tier angestarrt –, und eine Sekunde später rollte er sich zur Seite, das Gesicht nach unten, zuerst unter Zittern, dann in heftigen Zuckungen. Als es den anderen gelang, ihn umzudrehen, hatte er die Augen verdreht, die gespenstisch weiß in seinem staubverschmierten Gesicht standen, und gleich darauf aufgehört zu atmen, obwohl sein Körper steif blieb wie ein Holzstock. So sehr ihn dieser Vorfall auch erschütterte, Simon war sicher, daß er unmittelbar vor dem letzten Aufbäumen gehört hatte, wie Dochais Sturmkönig flüsterte. Das Wort brannte ihm in den Ohren und quälte sein Herz, obwohl er nicht wußte, wieso – falls er das Wort nicht im Traum gehört hatte. Weder Binabik noch der Mönch sagten etwas dazu, aber Simon war sicher, daß sie es auch vernommen hatten.