Zu Simons Erstaunen weinte Hengfisk bitterlich über dem Leichnam; er selbst fühlte sich auf seltsame Weise fast erleichtert, ein sonderbares Gefühl, das er weder verstehen noch unterdrücken konnte. Binabik war undurchschaubar wie Stein.
Das zweite geschah ein paar Stunden später, als Binabik und Hengfisk sich zankten.
»… Und ich stimme dir zu, daß wir helfen werden, aber du sitzt auf der falschen Felskante, wenn du glaubst, mir Befehle erteilen zu können.« Binabik hielt seinen Zorn streng unter Kontrolle, aber seine Augen hatten sich zu schwarzen Schlitzen verengt.
»Aber du willst nur helfen, Dochais zu beerdigen! Willst du die anderen liegenlassen, den Wölfen zum Fraß?« Hengfisk hatte seinen Zorn ganz und gar nicht im Zaum, und seine Augen traten hervor und standen weitaufgerissen und stier in seinem rot angelaufenen Gesicht.
»Ich habe versucht, Dochais zu helfen«, erwiderte der Troll. »Es ist mir nicht gelungen. Wir werden ihn begraben, wenn das dein Wunsch ist. Aber es ist nicht meine Absicht, drei Tage damit zuzubringen, alle deine Brüder zu bestatten. Und es gibt Schlimmeres, zu dem sie dienen könnten, als ›Wolfsfraß‹ – und vielleicht haben sie es getan, als sie noch lebten, einige von ihnen!«
Hengfisk brauchte eine Weile, bis er aus Binabiks verschlungener Rede klug wurde, dann aber wurde seine Farbe, wenn das überhaupt möglich war, noch röter.
»Du … heidnisches Ungeheuer! Wie kannst du Übles über unbegrabene Tote sagen, du … Giftzwerg!«
Binabik lächelte, ein flaches, tödliches Lächeln. »Wenn dein Gott sie so liebt, dann hat er ihre … Seelen, ja? … in den Himmel hinaufgenommen, und das Herumliegen hier wird nur ihren sterblichen Hüllen schaden.«
Bevor ein weiteres Wort fallen konnte, wurden die beiden Kampfhähne durch ein tiefes Grollen Qantaqas aus ihrem Disput aufgeschreckt. Die Wölfin hatte auf der anderen Seite der Feuergrube neben Langrian ein Schläfchen gehalten. Was die Graue erschreckt hatte, zeigte sich gleich darauf.
Es war Langrian, der sprach.
»Jemand … jemand muß den Abt … warnen … Verrat!« Die Stimme des Mönches war ein heiseres Flüstern.
»Bruder!« rief Hengfisk und hinkte eilig zu ihm hinüber. »Spar deine Kraft!«
»Laß ihn reden«, widersprach Binabik. »Vielleicht rettet es uns das Leben, Rimmersmann.«
Bevor Hengfisk etwas erwidern konnte, schlug Langrian die Augen auf. Er starrte zuerst auf Hengfisk, dann auf seine Umgebung und schauderte schließlich, als fröstele ihn, obwohl er in einen dicken Mantel gehüllt war.
»Hengfisk…«, fragte er heiser, »die anderen … sind sie …?«
»Alle tot«, antwortete Binabik ohne Umschweife.
Der Rimmersmann warf ihm einen haßerfüllten Blick zu. »Usires hat sie wieder zu sich geholt, Langrian«, sagte er. »Nur du bist verschont worden.«
»Ich … habe es befürchtet…«
»Kannst du uns sagen, was geschehen ist?« Der Troll beugte sich vor und legte dem Mönch ein frisches feuchtes Tuch auf die Stirn. Simon erkannte zum ersten Mal, daß unter all dem Blut, den Narben und der Krankheit Bruder Langrian noch ganz jung war, kaum zwanzig Jahre alt. »Ermüde dich nicht zu sehr«, fügte Binabik hinzu, »aber sag uns, was du weißt.«
Langrian schloß die Augen, als schliefe er wieder ein, aber er sammelte nur seine Kräfte. »Es war … ungefähr ein Dutzend Männer … die zu uns kamen … eine Unterkunft wollten … von der Straße.« Er leckte sich die Lippen. Binabik brachte den Wasserschlauch. »Wir hatten viele … große Gesellschaften von Reisenden … in diesen Tagen. Wir gaben ihnen zu essen … und Bruder Scenesefa Quartier … in der Halle für Reisende.«
Während er trank und sprach, schien der Mönch langsam kräftiger zu werden. »Sonderbare Leute waren das … kamen abends nicht in die Große Halle … nur ihr Anführer … ein Mann mit fahlen Augen … Er trug einen unheimlichen Helm … und eine dunkle Rüstung … und er fragte … er fragte, ob wir von einer Gruppe von Rimmersmännern gehört hätten … , die auf dem Weg nach Norden wären … von Erchester…«
»Rimmersmänner?« fragte Hengfisk und runzelte die Stirn.
Erchester? dachte Simon und zermarterte sich das Hirn. Wer konnte das sein?
»Abt Quincines erklärte dem Mann, wir wüßten von keiner solchen Gruppe … , und er schien … zufrieden. Der Abt sah beunruhigt aus … aber natürlich teilte er seine Sorgen nicht … mit uns jüngeren Brüdern…
Am nächsten Morgen kam einer der Brüder von den Bergfeldern herunter … er meldete einen Reitertrupp von Süden … Die Fremden schienen sehr interessiert … sagten, es wäre der Rest … ihrer ursprünglichen Reisegesellschaft … der ihnen entgegenkäme. Ihr Anführer … der mit den blassen Augen … führte seine Männer in den großen Hof, um die Neuankömmlinge zu begrüßen – wenigstens dachten wir das…
Gerade als der neue Trupp oben auf dem Rebenhügel angekommen war … und man sie von der Abtei aus sehen konnte … es schien, als zählten sie … nur ein paar Köpfe weniger als unsere schon eingetroffenen Gäste…«
An dieser Stelle mußte Langrian sich einen Augenblick ausruhen. Er keuchte ein wenig. Binabik wollte ihm ein Schlafmittel geben, aber der verletzte Mönch winkte ab.
»Nein … laß … es ist … nicht viel … mehr zu erzählen. Einer der anderen Brüder … sah einen der Gäste … verspätet … aus der Halle für Reisende herausrennen. Er hatte seinen Mantel … noch nicht richtig geschlossen … Sie trugen alle Mäntel, obwohl es ein warmer Morgen war, und darunter blitzte eine Schwertklinge. Der Bruder rannte zum Abt, der etwas Derartiges schon befürchtet hatte. Quincines ging hin und stellte den Anführer zur Rede. Inzwischen konnten wir die Männer den Hügel herunterreiten sehen … es waren alles Rimmersmänner, mit Bärten und Zöpfen. Der Abt sagte dem Anführer, er und seine Männer sollten sich zurückhalten … Sankt Hoderund sei kein Ort für einen Kampf zwischen Räuberbanden. Der Anführer zog sein Schwert … und setzte es Quincines an den Hals.«
»Barmherziger Ädon«, hauchte Hengfisk.
»Gleich darauf hörten wir Hufschlag. Auf einmal rannte Bruder Scenesefa ans Hoftor und rief den herankommenden Fremden eine Warnung zu. Einer der … ›Gäste‹… schoß ihm einen Pfeil in den Rücken, und der Anführer … schnitt unserem Abt die Kehle durch.«
Hengfisk erstickte ein Schluchzen und schlug das Zeichen des Baumes über seinem Herzen, aber Langrians Gesicht war feierlich und verriet keine Empfindungen. Ohne innezuhalten, fuhr er in seiner Erzählung fort.
»Dann gab es ein Gemetzel. Die Fremden stürzten mit Messern und Schwertern auf die Brüder los oder zogen aus Verstecken Bogen und Pfeile hervor. Als die Neuankömmlinge durch das Tor ritten, hatten auch sie die Schwerter gezückt … sie hatten wohl Scenesefas Warnung gehört und gesehen, wie er im Torbogen niedergeschossen wurde.
Ich weiß nicht, was dann geschah … der Wahnsinn herrschte. Einer warf eine Fackel auf das Kapellendach, und es fing Feuer. Ich rannte nach Wasser … die Menschen schrien, und die Pferde schrien und … etwas traf mich am Kopf. Das ist alles.«
»Also weißt du nicht, wer zu diesen beiden kämpfenden Gruppen gehörte?« wollte Binabik wissen. »Kämpften sie gegeneinander, oder waren sie Verbündete?«
Langrian nickte ernst. »Gegeneinander. Die im Hinterhalt hatten weit größere Schwierigkeiten mit ihnen als mit uns unbewaffneten Mönchen. Das ist alles, was ich sagen kann – alles, was ich weiß.«