»Verbrennen sollen sie!« zischte Bruder Hengfisk.
»Das werden sie.« Bruder Langrian seufzte. »Ich glaube, ich muß jetzt wieder schlafen.« Er schloß die Augen, aber sein Atem veränderte sich nicht.
Binabik richtete sich auf. »Ich denke, ich werde ein kleines Stück zu Fuß gehen«, erklärte er. Simon nickte. »Ninit, Qantaqa«, rief er, und die Wölfin sprang auf, streckte sich und folgte ihm. Gleich darauf war er im Wald verschwunden und ließ Simon mit den drei Mönchen zurück, von denen zwei lebten und einer tot war.
Die Trauerfeier für Dochais war kurz und knapp. Hengfisk hatte in den Ruinen der Abtei ein Leichentuch gefunden. Sie wickelten es um Dochais' mageren Körper und ließen ihn in ein Loch hinunter, das die drei Gesunden auf dem Friedhof des Klosters gegraben hatten, während Langrian, von Qantaqa bewacht, im Wald schlief. Das Graben war harte Arbeit gewesen, denn das Feuer in der großen Scheune hatte die Holzgriffe der Schaufeln verzehrt und nur die Metallteile übriggelassen, die man nun mit der Hand führen mußte – eine mühsame, schweißtreibende Beschäftigung. Als Bruder Hengfisk seine leidenschaftlichen Gebete, gepaart mit Verheißungen göttlicher Gerechtigkeit, beendet hatte – wobei er in seinem heiligen Eifer anscheinend vergaß, daß Dochais zu der Zeit, als die Mörder ihr Werk verrichteten, weit von der Abtei entfernt gewesen war –, hatte sich die Sonne bis auf einen hellen Streifen über dem Kamm des Rebenhügels, verabschiedet, und das Gras des Kirchhofs war dunkel und kühl. Binabik und Simon ließen Hengfisk zurück, der, die Glotzaugen im Gebet fest zugekniffen, am Grab kauerte, und machten sich daran, das Abteigelände auf Brauchbares zu untersuchen und zu erkunden.
Obwohl der Troll sorgfältig darauf achtete, den Schauplatz der Tragödie so weit wie möglich zu umgehen, waren die Zeugen doch so verstreut, daß Simon schon bald zu wünschen begann, er wäre ins Lager zurückgekehrt, um dort mit Langrian und Qantaqa zu warten. Ein zweiter heißer Tag hatte nicht dazu beigetragen, den Zustand der Leichen zu mildern: In ihrer aufgeblähten, geschwollenen Rosigkeit stellte Simon eine unangenehme Ähnlichkeit mit dem gebratenen Schwein fest, das zu Hause am Liebfrauentag die Tafel gekrönt hatte. Ein Teil von ihm verachtete diese Schwäche – hatte er nicht in wenigen kurzen Wochen schon gewaltsamen Tod genug gesehen, ein ganzes Schlachtfeld voll? Aber während er weiterging und dabei versuchte, die Augen geradeaus zu richten und den Anblick anderer Augen, glasig und rissig von der Sonne, zu vermeiden, begriff er, daß zumindest für ihn niemals ein Tod dem anderen gleichen würde, auch wenn er ein noch so erfahrener Beobachter werden sollte. Jeder einzelne dieser zerstörten Säcke aus Knochen und Bries war einmal ein Leben gewesen, ein klopfendes Herz, eine Stimme, die klagte oder lachte oder sang.
Eines Tages wird es mir auch so gehen, dachte er, als sie sich einen Weg um die Seite der Kapelle herum suchten, und wer wird sich dann an mich erinnern? Simon konnte keine schnelle Antwort darauf finden, und der Anblick des kleinen Feldes von Grabzeichen, deren Säuberlichkeit die überall umherliegenden Leiber erschlagener Mönche so grausam verhöhnten, bot ihm wenig Trost.
Binabik hatte die verkohlten Überreste der Seitentür der Kapelle gefunden. Stücke unversehrten Holzes schimmerten durch die kohlschwarze Oberfläche wie Streifen frischgeputzten Messings auf einer alten Lampe. Der Troll stocherte an der Tür herum und klopfte verbrannte Bruchstücke herunter, aber der Bau selbst hielt. Er stieß kräftiger mit dem Stock dagegen, aber die Tür blieb geschlossen – ein Posten, der auf seiner Wache gestorben war.
»Gut«, meinte Binabik. »Das deutet darauf hin, daß wir uns hineinwagen können, ohne daß uns der ganze Bau über dem Kopf einstürzt.« Er nahm seinen Stab und steckte ihn in einen Spalt zwischen Tür und Rahmen. Dann benutzte er ihn als Brecheisen, bis mit etwas Nachhilfe von Simon die Tür in einem schwarzen Staubregen aufsprang.
Nachdem sie sich so abgemüht hatten, um Einlaß zu erlangen, kam es ihnen in der Tat komisch vor, als sie eintraten und sahen, daß das Dach verschwunden war und die Kapelle der Luft so offenstand wie eine Truhe ohne Deckel. Simon schaute auf und sah über sich eingerahmt den Himmel, der sich mit dem hereinbrechenden Abend unten rot und oben grau färbte. In der Wand waren die Fenster in ihren Rahmen oben schwarz geworden, und das Bleigitterwerk hatte sich herausgedreht, so daß es sein rußiges Glas verschüttete, als habe eine Riesenhand das Dach abgerissen, durch die Balken nach unten gegriffen und dann mit ungeheuren Fingern jedes Fenster einzeln durchstoßen.
Ein schneller Überblick ergab nichts Nützliches. Die Kapelle war, vielleicht wegen ihrer reichen Vorhänge und Wandteppiche, bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Zerfallene Aschenskulpturen von Bänken, Treppen und Altar standen noch an Ort und Stelle, und die steinernen Altarstufen trugen den Geist eines Blumenkranzes, eine vollkommene, unfaßlich zarte Krone aus papierdünnen Blättern und durchscheinenden, grauen Aschenblumen.
Als nächstes überquerten Simon und Binabik den Klosteranger hinüber nach dem Wohnhaus, einem langen, niedrigen Saal mit winzigen Zellen. Hier hielt sich der Schaden in Grenzen – das eine Ende hatte Feuer gefangen, war aber aus irgendeinem Grunde ausgebrannt, bevor sich die Flammen weiter ausbreiten konnten.
»Blick dich vor allem nach Stiefeln um«, sagte Binabik. »Zwar trugen diese Klostermänner meist Sandalen, aber vielleicht mußten einige von ihnen gelegentlich bei kaltem Wetter reiten oder reisen. Am besten sind solche, die passen, aber im Notfall entscheide dich lieber für zu große als für zu kleine.«
Sie begannen an entgegengesetzten Enden der langen Halle. Die Türen waren sämtlich unverschlossen, aber die kleinen Räume betrüblich kahl, in vielen als einziger Schmuck ein Baum an der Wand. Ein Mönch hatte einen blühenden Ebereschenzweig über seinem harten Lager befestigt; seine Fröhlichkeit in solch karger Umgebung heiterte Simon auf, bis ihm das Schicksal des Bewohners dieser Zelle wieder einfiel.
Im sechsten oder siebten Raum erschrak Simon, denn als er die Zellentür aufzog, ertönte ein zischendes Geräusch, und ein Schatten sauste an seinem Knöchel vorbei. Zuerst dachte er, jemand hätte einen Pfeil auf ihn abgeschossen, aber ein Blick in die winzige leere Zelle bewies die Unmöglichkeit dieses Gedankens. Gleich darauf begriff er, was es gewesen war, und verzog den Mund zu einem halben Lächeln. Einer der Mönche hatte, zweifellos ganz und gar in Widerspruch zu den Klosterregeln, ein Haustier gehalten – eine Katze, so wie die kleine Ratzenkatze, mit der Simon sich auf dem Hochhorst angefreundet hatte. Nach zwei Tagen, die sie, eingesperrt in der Zelle, auf ihren Herrn gewartet hatte, der nie wiederkommen würde, war sie hungrig, erbost und verängstigt gewesen. Simon ging die Halle hinunter, um sie zu suchen, aber das Tier war verschwunden.
Binabik hörte ihn herumpoltern. »Ist alles in Ordnung, Simon?« rief er unsichtbar aus einer der anderen Zellen.
»Ja!« schrie Simon zurück. Das Licht in den winzigen Fenstern über seinem Kopf war bereits ganz grau. Er überlegte, ob er zur Tür gehen und Binabik unterwegs mitnehmen oder zurücklaufen und weitersuchen sollte. Wenigstens wollte er die Zelle des Mönches mit der eingeschmuggelten Katze noch untersuchen. Wenige Augenblicke später wurde Simon an die Schwierigkeiten erinnert, die entstehen, wenn man Tiere zu lange einsperrt. Er mußte sich die Nase zuhalten, während er sich hastig in der Zelle umschaute. Da sah er ein Buch. Es war klein, aber hübsch in Leder gebunden. Auf Zehenspitzen bewegte er sich über den verdächtigen Fußboden, nahm es von einem Haken über dem niedrigen Bett und stelzte wieder hinaus.
Gerade hatte er sich in die nächste Zelle gesetzt, um seine Beute anzuschauen, als Binabik in der Tür erschien.