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»Ich hatte wenig Glück. Und du?« fragte der Troll.

»Keine Stiefel.«

»Nun, es wird schnell Abend. Ich glaube, ich sollte mich noch einmal in der Halle für Reisende umsehen, wo die mörderischen Fremden geschlafen haben. Vielleicht findet sich dort ein Gegenstand, der uns etwas erzählt. Warte hier auf mich, hmmm?«

Simon nickte, und Binabik ging.

Das Buch war, wie Simon vermutet hatte, ein Buch Ädon, wenngleich es für einen armen Mönch sehr kostbar und fein gearbeitet war; Simon hielt es für das Geschenk eines wohlhabenden Verwandten. Der Band selbst enthielt nichts Besonderes – obwohl die Illuminationen ungewöhnlich hübsch waren, soweit Simon das im schwindenden Licht erkennen konnte –, mit einer Ausnahme, die seine Aufmerksamkeit erregte. Auf der ersten Seite, auf die viele Leute ihren Namen oder, falls das Buch als Geschenk gedacht war, ein Grußwort zu setzen pflegten, stand ein Satz, sorgfältig, aber mit zittriger Hand geschrieben:

Ein güldener Dolch durchbohrt mein Herz; das ist Gott. Gottes Herz durchbohrt eine güldene Nadel; das bin ich.

Simon saß da und betrachtete diese Worte, und seine gerade erst neu gewonnene Entschlußkraft wurde auf eine harte Probe gestellt. Er fühlte eine Woge, die ihn fortschwemmte, eine alles niederreißende Flutwelle von Reue und Furcht und ein Gefühl von Dingen, die er nicht sah und die ihm doch davonglitten und ihm dabei das Herz brachen. Mitten in seinem mit weit offenen Augen geträumten Traum steckte Binabik den Kopf durch die Tür und warf ihm mit dumpfem Aufprall ein paar Stiefel vor die Füße. Simon schaute nicht auf.

»Viele interessante Dinge finden sich dort in der Halle für Reisende, nicht das geringste davon deine neuen Stiefel. Aber das Dunkel kommt, und ich kann nur noch einen Augenblick verweilen. Triff mich vor dieser Halle hier, bald.« Und fort war er wieder.

Lange, schweigende Minuten vergingen, nachdem der Troll sich entfernt hatte. Simon legte das Buch hin – er hatte es eigentlich mitnehmen wollen, aber seine Meinung wieder geändert – und versuchte die Stiefel anzuziehen. Bei anderer Gelegenheit hätte er sich gefreut, wie gut sie paßten, jetzt aber ließ er lediglich seine zerfetzten Schuhe auf dem Boden liegen und ging die Halle hinunter zur Vordertür.

Das gedämpfte Licht des Abends hatte sich niedergesenkt. Auf der anderen Seite des Angers stand die Halle für Reisende, der Zwilling des Gebäudes, das er gerade verlassen hatte. Aus irgendeinem Grunde erfüllte ihn der Anblick der gegenüberliegenden Tür, die träge hin- und herschwang, mit unbestimmter Furcht. Wo war der Troll?

Gerade als ihm das schwingende Tor zur Koppel einfiel, das das erste Anzeichen dafür gewesen war, daß in der Abtei nicht alles zum Besten stand, packte ihn zu seinem Entsetzen eine grobe Hand an der Schulter und zerrte ihn rückwärts.

»Binabik!« konnte er eben noch rufen, dann legte sich eine dicke Handfläche auf seinen Mund, und er wurde an einen felsharten Körper gepreßt.

»Vawer es do kunde?« grollte eine Stimme an seinem Ohr in den steinernen Lauten von Rimmersgard.

»Im todsten-grukker!« höhnte eine andere.

In blinder Panik öffnete Simon hinter der verdeckenden Hand die Lippen und biß zu. Ein schmerzliches Grunzen, und eine Sekunde lang war sein Mund frei.

»Hilfe! Binabik!« kreischte er, dann legte sich die Hand, diesmal mit schmerzhaftem Druck, wieder auf ihn, und gleich danach spürte er einen schwarzen Schlag hinter dem Ohr.

Er konnte das Echo seines Aufschreis noch verhallen hören, als die Welt vor seinen Augen zu Wasser wurde. Die Tür der Halle für Reisende schwang im Wind hin und her, und Binabik kam nicht.

XXI

Schwacher Trost

Herzog Isgrimnur von Elvritshalla hatte ein wenig zu stark auf die Klinge gedrückt. Das Messer sprang vom Holz ab und traf ihn in den Daumen. Gerade unter dem Knöchel lief ein plötzlicher Streifen Blut. Isgrimnur stieß einen wilden Fluch aus, ließ das Stück Herzholz zu Boden fallen und steckte den Daumen in den Mund.

Frekke hat recht, dachte er, zum Teufel mit ihm. Ich lerne das nie. Ich weiß noch nicht einmal, warum ich es versuche.

Er wußte es natürlich doch; er hatte den alten Frekke überredet, ihm die Anfangsgründe des Schnitzens beizubringen, solange er auf dem Hochhorst so gut wie gefangen saß. Alles, so hatte er sich überlegt, war besser, als durch die Gänge und über die Zinnen der Burg zu schleichen wie ein in Ketten gelegter Bär.

Der alte Soldat, schon unter Isbeorn, dem Vater des Herzogs, im Dienst, hatte Isgrimnur geduldig gezeigt, wie man das Holz aussuchte, den natürlichen Geist ausspähte, der darin saß, und wie man ihn, Span um Span, aus der Maserung befreite, die ihn gefangenhielt. Wenn Isgrimnur Frekke bei seiner Beschäftigung zusah – die Augen fast geschlossen, die narbigen Lippen zu einem unbewußten Lächeln verzogen –, dann waren ihm die Dämonen und Fische und munteren Tiere, die unter Frekkes Messer lebendig wurden, als unvermeidliche Antworten auf die Fragen der Welt erschienen, wahllose, wirre Fragen in Gestalt eines Baumastes, eines Felsens oder der Willkürlichkeit von Regenwolken.

An seinem verletzten Daumen lutschend, spielte der Herzog unordentlich mit solchen Gedanken herum, denn trotz aller Behauptungen Frekkes fand es Isgrimnur verdammt hart, beim Schnitzen überhaupt an etwas anderes zu denken: Messer und Welt schienen einander feindlich gegenüberzustehen, in einem Schlachtgetümmel, das jeden Augenblick seiner Wachsamkeit entgleiten und zur Tragödie werden konnte.

So wie jetzt, dachte er, sog und schmeckte Blut.

Isgrimnur schob das Messer in die Scheide und stand auf. Ringsum waren seine Männer fleißig bei der Arbeit, nahmen ein paar Kaninchen aus, versorgten das Feuer, bereiteten das Lager für den Abend. Er ging auf das lodernde Feuer zu, drehte sich um und blieb so stehen, die breite Kehrseite den Flammen zugewendet. Seine früheren Gedanken an Gewitterregen kamen ihm wieder in den Sinn, als er zu dem rasch grauer werdenden Himmel aufblickte.

Da haben wir nun Maia-Monat, und wir hocken hier, keine zwanzig Meilen nördlich von Erchester … und woher ist vorhin dieser Wolkenbruch gekommen?

Um diese Zeit, vor etwa drei Stunden, waren Isgrimnur und seine Schar den Räubern, die sie in der Abtei überfallen hatten, hart auf den Fersen gewesen. Der Herzog hatte noch immer keine Ahnung, wer die Männer gewesen waren – einige davon Landsleute, aber kein vertrautes Gesicht – oder warum sie so gehandelt hatten. Anführer war ein Mann mit einem Helm in der Form eines knurrenden Hundegesichts gewesen, aber Isgrimnur hatte nie von einem solchen Wappenzeichen gehört. Er wäre vielleicht gar nicht mehr am Leben, um darüber nachzugrübeln, wenn nicht der schwarzgekleidete Mönch von Sankt Hoderunds Tor eine Warnung geschrien hätte, der gleich darauf mit einem Pfeil zwischen den Schulterblättern hingestürzt war. Es hatte einen verbissenen Kampf gegeben, aber der Tod des Mönches – mochte Gott ihm gnädig sein, wer immer er gewesen war – hatte sie aufmerksam gemacht, und die Männer des Herzogs waren auf den Angriff vorbereitet gewesen. Beim ersten Ansturm hatten sie nur den jungen Hove verloren; Einskaldir war verwundet worden, hatte aber dennoch seinen Mann getötet und einen zweiten dazu. Der Feind war nicht auf einen ehrlichen Kampf aus gewesen, dachte Isgrimnur säuerlich; angesichts Isgrimnurs und seiner Leibwache, alles Kämpfer, die nach Monaten in der Burg nur zu begierig waren, wieder einmal loszuschlagen, waren die Gegner, die sie aus dem Hinterhalt niedermetzeln wollten, über den Klosteranger zu den Ställen geflohen, wo ihre gesattelten Pferde offenbar schon auf sie warteten.

Nach kurzer Untersuchung, bei der die Rimmersmänner keinen der Mönche mehr am Leben oder fähig, ihnen zu berichten, gefunden hatten, waren sie wieder in den Sattel gestiegen und den anderen gefolgt. Es wäre vielleicht eine bessere Politik gewesen, zu bleiben und Hove und die Hoderundianer zu begraben, aber Isgrimnurs Blut kochte. Er wollte wissen, wer ihnen nach dem Leben trachtete, und er wollte wissen, warum.