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»Arctor bezieht Geld aus einer unbekannten Quelle, also geht er auch einer unbekannten Nebentätigkeit nach. Außerdem macht er sich durch seine Aktivitäten offenbar Feinde. Wie lautet Arctors zweiter Vorname?« Hanks Stift schwebte geduldig über dem Papier. Hank erwartete eine klare Antwort.

»Postlethwaite. «

»Wie wird das buchstabiert?«

»Weiß ich nicht. Scheiße noch mal, weiß ich nicht«, sagte Fred.

»Postlethwaite«, sagte Hank und schrieb ein paar Buchstaben hin. »Aus welchem Sprachraum kommt denn das?«

»Walisisch«, sagte Fred kurz. Er konnte kaum noch verstehen, was Hank sagte; in seinen Ohren verschmolz alles zu einem großen Rauschen, und auch seine übrigen Sinne versagten jetzt einer nach dem anderen.

»Sind das nicht die Leute, die immer dieses Lied über die Männer von Harlech singen? Was ist ›Harlech‹? Eine Stadt irgendwo?«

»Harlech ist der Ort, wo im Jahre 1468 der heldenhafte Widerstand gegen die Yorkisten –« Fred verstummte. Scheiße, dachte er. Das ist alles so fürchterlich.

»Moment, ich möchte das zu den Akten nehmen.« Hanks Stift flog über das Papier.

Fred sagte: »Bedeutet das, daß sie Arctors Haus und seinen Wagen verwanzen lassen werden?«

»Ja, mit dem neuen Holografie-System; das ist wesentlich leistungsstärker, und außerdem haben wir im Augenblick sowieso mehr Geräte zur Verfügung, als angefordert werden. Sie wollen doch sicher die kompletten Speicheraufzeichnungen und die Ausdrucke aller Auswertungen haben?« Hank notierte sich auch das.

»Ich nehme alles, was ich kriegen kann«, sagte Fred. Er fühlte sich vollständig von allen Vorgängen um sich herum isoliert; er wünschte sich nichts sehnlicher, als daß diese Besprechung endlich vorbei sein möge. Und er dachte: Wenn ich bloß ein paar Tabletten einpfeifen könnte –

Jenseits des Tisches schrieb der andere formlose Fleck immer weiter, übertrug Kennziffern aus einer Inventarliste in die dafür vorgesehenen Formblätter – die Kennziffern jener elektronischen Spielereien, über die Fred würde verfügen können, sobald Hanks Vorhaben von oben abgesegnet worden war, und mit denen sich ein lückenloses, dem modernsten Stand der Technik entsprechendes Überwachungssystem installieren ließ, das auf sein eigenes Haus gerichtet war.

Und auf ihn selbst.

*

Seit über einer Stunde arbeitete Barris nun schon daran, einen Schalldämpfer zu fabrizieren, der nur aus Haushaltsmaterialien bestehen sollte, die nicht mehr als elf Cent kosteten. Und jetzt hatte er es fast geschafft – mit Alufolie und einem Stückchen Schaumgummi. In der nächtlichen Dunkelheit von Bob Arctors Hinterhof, zwischen all den Stapeln Unkraut und Abfall, machte er sich nun bereit, seine Pistole mit dem hausgemachten Schalldämpfer abzufeuern.

»Die Nachbarn werden’s hören«, sagte Charles Freck unbehaglich. Er konnte überall erleuchtete Fenster sehen, Fenster, hinter denen vielleicht Leute in die Glotze starrten oder sich Joints drehten.

Luckman, der im Schatten herumlungerte und alles beobachtete, ohne selbst sichtbar zu sein, sagte: »In diesem Viertel rufen die nur die Bullen wenn ein Mord passiert.«

»Wozu brauchst du überhaupt einen Schalldämpfer?« fragte Charles Freck Barris. »Ich meine … äh … die sind doch illegal, oder?«

Barris sagte düster: »In einer Zeit wie dieser, da die Gesellschaft degeneriert ist und die Gottlosigkeit unter den Menschen um sich greift, braucht jeder aufrechte Mann, der etwas auf sich hält, eine Pistole, um sich zu schützen. Und er sollte sie ständig bei sich tragen.« Er kniff die Augen zusammen und feuerte seine Pistole mit dem selbstgebastelten Schalldämpfer ab. Ein gewaltiger Knall ertönte, der vorübergehend alle drei taub machte. In weit entfernten Höfen begannen Hunde zu bellen.

Lächelnd machte sich Barris daran, die Alufolie von dem Schaumgummi abzuwickeln. Er schien amüsiert zu sein.

»Mann, das is’ ja ‘n toller Schalldämpfer«, sagte Charles Freck und fragte sich, wann die Polizei wohl kommen würde. Mit einer ganzen Armada von Polizeiwagen.

»Wirklich faszinierend«, erklärte Barris und zeigte Freck und Luckman die schwarz versengten Brennkanäle im Schaumgummi. »Er hat den Sound verstärkt, statt ihn zu dämpfen. Aber ich hab’ den Dreh beinahe raus. Im Prinzip jedenfalls.«

»Wie teuer ist so eine Pistole eigentlich?« erkundigte sich Charles Freck. Er selbst hatte noch nie eine Pistole gehabt. Mehrere Male hatte er ein Messer besessen, aber irgendwer stahl es ihm immer. Einmal hatte eine Puppe das getan, während er gerade im Badezimmer war.

»Nicht besonders teuer«, sagte Barris. »Gebraucht ungefähr dreißig Dollar. Die hier ist gebraucht.« Er hielt sie Freck hin, der sofort nervös zurückwich. »Ich verkaufe sie dir«, sagte Barris. »Du solltest wirklich eine Waffe haben, damit du dich gegen all die Leute schützen kannst, die dir was antun wollen.«

»Soll ja ‘ne ganze Menge davon geben«, grinste Luckman in seiner ironischen Art. »Ich hab’ kürzlich in der L. A. Times gelesen, daß jeder, der Freck erfolgreich eins verpaßt, kostenlos ‘n Transistorradio kriegt.«

»Ich geb’ dir ein Borg-Warner-Tacho dafür«, sagte Freck.

»Das du aus der Garage unten an der Straße gestohlen hast«, sagte Luckman.

»Na, und wenn schon«, sagte Charles Freck. »Vielleicht ist ja auch die Knarre gestohlen.« Praktisch alles, was irgendwie wertvoll war, war ursprünglich irgendwem abgeklaut worden; erst der Diebstahl bewies, daß ein Stück überhaupt einen Wert hatte. »Und überhaupt«, sagte er, »hat der Typ unten an der Straße das Tacho zuerst geklaut. Es hat vielleicht fünfzehn Mal oder so den Besitzer gewechselt. Ich meine, das ist ja auch wirklich ein superheißes Tacho.«

»Woher weißt du, daß er es geklaut hat?« fragte Luckman ihn.

»Hölle, Mann, er hat acht Tachos da in seiner Garage, und an allen baumeln noch die abgeschnittenen Kabel rum. Was würde er sonst mit ihnen tun, mit so vielen, meine ich? Wer geht denn los und kauft sich acht Tachos?«

Luckman sagte zu Barris: »Ich dachte, du wärst mit dem Cephskop beschäftigt. Bist du schon damit fertig?«

»Ich kann nicht pausenlos Tag und Nacht daran arbeiten, weil der Schaden so groß ist«, sagte Barris. »Ich muß da manchmal einfach ‘ne Pause machen.« Er schnitt mit einem komplizierten Taschenmesser noch ein Stück Schaumgummi ab. »So, das nächste Modell wird völlig lautlos sein.«

»Bob denkt, du wärst dabei, sein Cephskop zu reparieren«, sagte Luckman. »Er liegt da in seinem Zimmer im Bett und stellt sich das vor, während du hier draußen rumstehst und mit deiner Pistole rumballerst. Hast du nicht mit Bob ausgemacht, daß er dir die überfällige Miete streicht, wenn du –«

»Wie gutes Bier«, sagte Barris, braucht auch die gewissenhafte Rekonstruktion einer beschädigten elektronischen Vorrichtung –«

»Na, wenn das so ist, dann schieß halt den großartigsten Elf-Cent-Schalldämpfer aller Zeiten noch mal ab«, sagte Luckman und rülpste.

*

Jetzt haben sie mich am Arsch, dachte Robert Arctor.

Er lag allein auf dem Rücken im trüben Licht seines Schlafzimmers und starrte grimmig ins Nichts. Unter seinem Kopfkissen spürte er seinen Polizei-Spezial-Revolver, Kaliber 32; nach dem Knall, den der Abschuß von Barris’ 22er im Hinterhof verursacht hatte, hatte er reflexartig seine eigene Knarre unter dem Bett hervorgeholt, um sie in bequemerer Reichweite zu haben – eine Sicherheitsmaßnahme gegen alle nur vorstellbaren Gefahren; er hatte nicht einmal bewußt darüber nachgedacht.

Aber der 32er unter dem Kopfkissen würde nicht viel gegen solche indirekten Angriffe wie etwa die Sabotage seines kostbarsten und teuersten Besitzes nützen. Sofort, nachdem er von der Besprechung mit Hank heimgekommen war, hatte er all die anderen Hilfsmittel überprüft und festgestellt, daß sie okay waren – auch der Wagen, und in einer Situation wie dieser mußte man immer zuerst den Wagen überprüfen. Was immer auch vorgehen mochte, und von wem auch immer es ausging –es würde heimtückisch und link sein. An der Peripherie seines Lebens lauerte irgendein feiger, hinterhältiger Freak, der sich nicht traute, ihm offen entgegenzutreten, sondern ihn aus dem Verborgenen heraus fertigzumachen versuchte. Eigentlich gar kein richtiger Mensch, sondern eher eine Unperson, ein als Mensch verkleidetes Symptom ihres Lebensstils.