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Das Mädchen zuckte die Achseln.

»Er wird dich kaltmachen«, sagte Arctor.

»Nicht jetzt. Du bist ja hier.«

»Aber später, wenn ich wieder weg bin.«

Kimberly setzte sich wieder und zuckte erneut die Achseln.

Nur wenige Augenblicke später konnten sie draußen auf der Treppe Schritte hören und dann ein wildes Hämmern an der Tür. Dann die Stimme Dans, der brüllte, Kimberly solle die Tür öffnen. Sie schrie ein »Nein« zurück, und daß jemand bei ihr sei. »Okay!« schrie Dan mit überschnappender Stimme. »Dann schlitze ich dir eben deine Reifen auf!« Er lief treppabwärts, und Arctor und das Mädchen beobachteten durch das zerbrochene Fenster, wie Dan Mancher, ein magerer, kurzhaariger, tuntig wirkender Macker, der mit einem Messer herumfuchtelte, sich Kimberly s Wagen näherte. Er schrie immer noch Drohungen zu ihr hoch; seine Worte mußten in der ganzen Nachbarschaft zu verstehen sein. »Ich schlitz’ jetzt deine Reifen auf, deine Scheißreifen! Und dann mache ich dich alle, du verfluchte Hure!« Er bückte sich und zerschlitzte erst einen Reifen am alten Dodge des Mädchens, und dann noch einen.

Kimberly sprang plötzlich auf, hetzte zur Tür des Apartments und begann wie wahnsinnig die diversen Schlösser aufzuschließen. »Ich muß ihn aufhalten! Der zerschneidet mir alle Reifen! Ich bin doch nicht versichert!«

Arctor riß sie zurück. »Mein Wagen steht auch da unten.« Natürlich hatte er seinen Revolver nicht bei sich, und Dan hatte das Schnappmesser und war offensichtlich völlig außer Kontrolle. »Reifen sind nicht –«

»Meine Reifen!« Kreischend versuchte das Mädchen, die Tür aufzukriegen.

»Aber merkst du denn nicht, daß er hofft, daß du genau das tust?« sagte Arctor.

»Eine Etage tiefer«, keuchte Kimberly. »Wir können die Polizei rufen – die haben ein Telefon. Laß mich doch los!«

Mit einer schier übermenschlichen Kraftanstrengung stieß sie ihn weg und brachte es irgendwie fertig die Tür aufzubekommen. »Ich werde die Polizei rufen. Meine Reifen! Einer davon ist noch ganz neu!«

»Ich geh’ mit dir.« Er packte sie an der Schulter; sie stolperte vor ihm die Stufen hinunter, und er schaffte es kaum, mit ihr Schritt zu halten. Schon hatte sie das nächste Apartment erreicht und hämmerte gegen die Tür. »Bitte, öffnen Sie!« rief sie. »Bitte, ich möchte die Polizei rufen! Bitte lassen Sie mich doch die Polizei anrufen!«

Arctor holte sie ein, schob sich neben sie und klopfte ebenfalls an. »Wir müssen unbedingt Ihr Telefon benutzen«, sagte er. »Es ist wirklich dringend. Ein Notfall.«

Ein älterer Mann, der eine graue Wolljacke, eine zerknitterte, konservativ geschnittene Hose und eine Krawatte trug, öffnete die Tür.

»Danke«, sagte Arctor.

Kimberly drängte sich in die Wohnung, rannte zum Telefon und wählte die Nummer der Vermittlung. Arctor stand da, zur Tür gewandt, und rechnete jeden Moment damit, daß Dan auftauchen würde. Alles war still, bis auf Kimberlys Plappern. Sie schien dem Fräulein vom Amt eine völlig wirre Geschichte zu erzählen, die irgend etwas mit einem Streit wegen eines Paares Stiefel, das sieben Dollars gekostet hatte, zu tun hatte. »Er meinte, sie würden ihm gehören, weil ich sie ihm zu Weihnachten gekauft hatte«, plapperte sie, »aber sie gehörten mir, weil ich sie doch bezahlt habe, und da wollte er sie mir wegnehmen, und dann habe ich die Schäfte mit einem Dosenöffner zerfetzt, und dann hat er –« Sie verstummte; dann nickte sie. »All right, danke. Ja, ich bleibe dran.«

Der ältliche Mann starrte Arctor an, und Arctor starrte zurück. Vom Nebenzimmer aus verfolgte eine ältliche Dame in einem Kleid aus bedrucktem Kattun stumm die ganze Szene; ihr Gesicht war steif vor Angst.

»Muß schlimm für Sie sein«, sagte Arctor zu den beiden ältlichen Leuten.

»So geht’s die ganze Zeit«, sagte der ältliche Mann. »Wir hören sie die ganze Nacht über, Nacht für Nacht, wie sie sich streiten. Und er sagt dauernd; daß er sie töten will.«

»Wir hätten doch nach Denver zurückgehen sollen«, sagte die ältliche Dame. »Ich hab’s dir wieder und wieder gesagt. Wir hätten wirklich wieder nach Denver ziehen sollen.«

»Diese schrecklichen Streitereien«, sagte der ältliche Mann. »Und wie sie dauernd Sachen kaputtschlagen, und dann der ganze Lärm.« Er starrte Arctor mit einem müden, flehenden Blick an, fast so, als erwarte er Hilfe von ihm oder vielleicht wenigstens ein bißchen Verständnis. »Weiter und weiter, es hört nie auf, und außerdem, was überhaupt das Schlimmste ist …Wissen Sie, jedesmal –«

»Ja, erzähl’ ihm das mal«, drängte die ältliche Dame.

»Was am schlimmsten ist«, sagte der ältliche Mann würdevoll, »ist nämlich Folgendes: Jedesmal, wenn wir nach draußen gehen, um einzukaufen oder einen Brief einzuwerfen, dann treten wir in … na, Sie wissen schon … in das, was die Hunde so hinter sich lassen.«

»Hundekürtel«, sagte die ältliche Dame voller Entrüstung.

*

Der Streifenwagen der örtlichen Polizeistation tauchte auf. Arctor gab seine Zeugenaussage zu Protokoll, ohne sich als Polizeibeamter zu erkennen zu geben. Der Bulle nahm seine Aussage auf und versuchte, auch eine von Kimberly zu bekommen, die die Polizei ja schließlich alarmiert hatte; aber was Kimberly sagte, ergab keinen Sinn. Sie lamentierte nur pausenlos über das Paar Stiefel und warum sie sie besorgt hatte und wie viel sie ihr bedeuteten. Der Bulle, der mit seinem Klemmblock und einem darauf befestigten Formular Kimberly gegenübersaß, blickte einmal zu Arctor auf und betrachtete ihn mit einem kalten Ausdruck, den Arctor zwar nicht deuten konnte, der ihm aber jedenfalls ganz und gar nicht gefiel. Schließlich riet der Bulle Kimberly, sich ein Telefon anzuschaffen und wieder anzurufen, wenn der Verdächtige noch mal zurückkam und noch mehr Ärger machte.

»Haben Sie das mit den aufgeschlitzten Reifen notiert?« erkundigte sich Arctor, als der Bulle gerade wieder gehen wollte. »Haben Sie den Wagen des Mädchens draußen auf dem Parkplatz untersucht und persönlich festgestellt, wie viele Reifen beschädigt worden sind? Steht in Ihrem Protokoll drin, daß die Schäden mit einem scharfen Gegenstand – vermutlich einem Schnappmesser – verursacht worden sind, und zwar erst vor ganz kurzer Zeit – sogar jetzt tritt ja noch Luft aus den Reifen aus?«

Der Bulle starrte ihn wieder mit dem gleichen Ausdruck in den Augen an und ging ohne weiteren Kommentar.

»Du bleibst besser nicht hier«, sagte Arctor zu Kimberly. »Er hätte dir den Rat geben sollen, dich davonzumachen. Hätte dich fragen sollen, ob es irgendeinen anderen Ort gibt, wo du unterkommen könntest.«

Kimberly saß auf der schäbigen Couch in ihrem mit Trümmern übersäten Wohnzimmer. Jetzt, da sie ihre unzulänglichen Bemühungen, dem ermittelnden Beamten ihre Situation darzulegen, eingestellt hatte, waren ihre Augen wieder so glanzlos wie zuvor. Sie zuckte die Achseln.

»Ich fahre dich überallhin, wo du hin möchtest«, sagte Arctor. »Weißt du irgendeine Freundin, bei der du –«

»Mensch, verpiß dich doch endlich!« sagte Kimberly übergangslos mit einer bösen Stimme, die sehr wie die Dan Manchers klang, nur rauher. »Verpiß dich, und zwar auf der Stelle, Bob Arctor – zisch ab, mach ‘ne Fliege, verdammt noch mal. Hau endlich ab!«

Ihre Stimme wurde immer schriller und brach dann verzweifelt ab.

Er verließ wortlos das Apartment und stieg langsam die Treppe hinunter, Stufe um Stufe. Als er die unterste Stufe erreichte, hörte er einen Knall. Etwas rollte hinter ihm die Treppe herunter; es war die Dose mit Drano. Er hörte, wie Kimberly ihre Tür wieder verschloß, einen Riegel nach dem anderen vorschob … Völlig sinnlos, dachte er. Das ist alles völlig sinnlos. Der Ermittlungsbeamte rät ihr, wieder anzurufen, wenn der Verdächtige zurückkommt. Aber wie kann sie das, ohne ihr Apartment zu verlassen? Und dann wird Dan Mancher sie aufschlitzen, genau wie die Reifen. Und wenn sie dann tot umfällt … Plötzlich erinnerte er sich an die Klagen der alten Leutchen, die eine Treppe unter Kimberly wohnten. Ja, wenn sie dann tot umfällt, wird sie bestimmt mitten in einem Häufchen Hundescheiße landen. Er verspürte den Drang in sich, hysterisch loszulachen. Als er daran dachte, in welcher Rangordnung diese alten Leutchen die Probleme in ihrer Umgebung sahen. Da verprügelt zwar eine Etage über ihnen ein ausgeklinkter Freak Nacht für Nacht eine junge Rauschgiftsüchtige, die auf den Strich geht, mit tödlicher Sicherheit eine schwere Kehlkopfentzündung hat und dazu vielleicht noch andere, viel schlimmere Krankheiten; da droht dieser Freak dem Mädchen pausenlos damit, daß er es töten werde – eine Drohung, die er vielleicht schon sehr bald wahrmachen mochte – aber zu allem Überfluß – Als er mit Luckman und Barris zurück Richtung Norden fuhr, kicherte er laut. »Hundescheiße«, sagte er. »Hundescheiße.« Wieviel Humor doch in so einem Stückchen Hundescheiße steckt, dachte er, wenn man nur darüber lachen kann. Oh, wie lustig ist doch Hundescheiße!