»Schaut euch das mal an!« sagte Barris. Er beugte sich über einen Aschenbecher auf dem Kaffeetisch. »Los, kommt her!« rief er mit schneidender Stimme, und beide Männer kamen seiner Aufforderung nach.
Als er sich vorbeugte, spürte Arctor Hitze aus dem Aschenbecher aufsteigen.
»Ein Zigarettenstummel, der noch warm ist«, sagte Luckman ungläubig. »Mich laust der Affe!«
Herr im Himmel, dachte Arctor. Sie haben wirklich Mist gebaut. Einer der Crew hat geraucht und dann die Zigarette ausgedrückt, ohne sich dabei etwas zu denken. Also konnte das Verwanzungsteam gerade erst wieder verschwunden sein. Wie immer quoll der Aschenbecher über; möglicherweise hatte der Mann von der Crew angenommen, daß eine Kippe mehr gar nicht auffallen würde, und ein paar Augenblicke später wäre sie ja schon erkaltet gewesen.
»Moment mal«, sagte Luckman, der jetzt den Inhalt des Aschenbechers genauer unter die Lupe nahm. Zwischen den anderen Zigarettenstummeln fischte er die Kippe eines Joints heraus. »Von wegen Zigarette! Sie haben sich einen Joint angesteckt, während sie hier waren. Aber was haben sie gemacht? Was, zum Teufel, haben sie gemacht?« Mit finsterer Miene schaute er umher. Er war todsauer. »Bob, verdammt noch mal – Barris hat recht gehabt. Es war wirklich jemand hier! Dieser Joint ist noch warm, und du kannst den Shit sogar noch riechen, wenn du dran schnüffelst.« Er hielt ihn Arctor direkt unter die Nase. »Yeah, da innen drin glimmt noch ein Krümel Shit. Muß ein Anfänger gewesen sein. Hat das Zeug nicht richtig verteilt, bevor er ihn gedreht hat. «
»Dieser Joint«, sagte Barris, der nicht weniger grimmig dreinschaute als Luckman, »ist möglicherweise nicht zufällig hier zurückgelassen worden. Ich glaube nicht, daß es sich um eine Panne handelt, sondern würde eher mutmaßen, daß ein teuflischer Plan dahintersteckt.«
»Und welcher?« sagte Arctor und fragte sich, was das für eine Verwanzungscrew sein mochte, die jemanden in ihren Reihen hatte, der während des Dienstes vor den Augen seiner Kollegen einen Joint rauchte.
»Vielleicht waren sie nur aus dem Grunde hier, um das ganze Haus mit Stoff zu spicken«, sagte Barris. »Und später rufen sie einfach die Bullen an und geben ihnen den freundschaftlichen Tip, doch mal eine kleine Hausdurchsuchung bei uns zu veranstalten. Und dann ist Hängen im Schacht … Die können das Zeug praktisch überall versteckt haben, zum Beispiel im Telefon oder in den Steckdosen. Wir müssen das ganze Haus auf den Kopf stellen und es absolut sauber kriegen, bevor die sich ans Telefon klemmen. Und wir haben vielleicht nur Stunden.«
»Du überprüfst die Wandsteckdosen«, sagte Luckman. »Ich werde das Telefon auseinandernehmen.«
Barris hob die Hand. »Moment«, sagte er. »Wenn sie sehen, wie wir direkt vor der Razzia das ganze Haus durchwühlen –«
»Was für eine Razzia?« sagte Arctor.
»Wenn wir wie die Irren herumlaufen und die Hände voller Dope haben«, sagte Barris, »dann können wir doch nicht glaubhaft machen – obwohl es die reine Wahrheit ist –, daß wir nicht wußten, daß der Stoff im Haus war. Sie werden uns schnappen, wenn wir sozusagen gerade den Joint in der Hand halten. Und vielleicht ist auch das ein Teil ihres Plans.«
»So eine Scheiße«, sagte Luckman angeekelt. Er warf sich auf die Couch. »Scheiße, Scheiße, Scheiße. Wir können überhaupt nichts tun. Vielleicht haben sie den Stoff an tausend Stellen versteckt, die wir nie finden werden. Wir sind erledigt.« Er starrte Arctor in hilfloser Wut an. »Wir sind erledigt!«
Arctor sagte zu Barris: »Was ist eigentlich mit deinem elektronischen Cassetten-Spielzeug, das du mit der Vordertür gekoppelt hast?« Er hatte gar nicht mehr daran gedacht. Barris offenbar auch nicht. Und Luckman auch nicht.
»Ja, das müßte uns bei diesem Stand der Dinge einige außerordentlich nützliche Informationen liefern«, sagte Barris. Er kniete neben der Couch nieder, griff darunter, grunzte und zog dann einen kleinen Cassettenrecorder mit Plastikgehäuse hervor. »Das hier dürfte uns eine ganze Menge verraten«, begann er. Dann verfiel sein Gesicht. »Tja, vielleicht mag es sich doch nicht als so wichtig erweisen.« Er zog den Stecker für die Energiezuführung aus der an der Rückseite des Geräts angebrachten Buchse und stellte den Recorder auf den Kaffeetisch. »Den wichtigsten Tatbestand kennen wir ja schon – nämlich daß während unserer Abwesenheit jemand hereingekommen ist. Und das festzustellen war die Hauptaufgabe dieses Geräts.«
Betretenes Schweigen.
»Ich wette, ich kann erraten, was passiert ist«, sagte Arctor.
Barris sagte: »Das erste, was sie überhaupt gemacht haben, als sie hereingekommen sind, war, den Recorder auf Aus zu stellen. Als wir gingen, stand das Gerät natürlich auf Ein, aber wie ihr selber sehen könnt – jetzt ist es auf Aus umgestellt. Und trotz meiner –«
»Es hat nichts aufgezeichnet?« sagte Luckman enttäuscht.
»Sie haben blitzschnell reagiert«, sagte Barris. »Bevor auch nur ein Zentimeter Band durch den Aufnahmekopf gelaufen ist. Ein nettes kleines Apparätchen, nebenbei bemerkt – ein Sony, mit gesonderten Tonköpfen für Playback, Löschen und Aufnahme und einem eingebauten Dolby-Rauschfiltersystem. Ich hab’s ganz billig bekommen, auf einem Tauschtag. Und ich hab’ noch nie Ärger damit gehabt.«
Arctor sagte: »Dann können wir also nur noch die Hände in den Schoß legen und Trübsal blasen.«
»Genau«, stimmte Barris zu. Er setzte sich in einen Sessel, lehnte sich bequem zurück und nahm seine Sonnenbrille ab. »Wir sind an einem Punkt angelangt, wo es einfach keine kurz- oder mittelfristigen Strategien mehr gibt, um diesem heimtückischen Angriff zu begegnen. Wahrscheinlich bist du dir im klaren darüber, Bob, daß es nur noch eines gibt, was du tun könntest, obwohl das natürlich Zeit kostet.«
»Das Haus verkaufen und ausziehen«, sagte Arctor.
»Aber, zum Teufel, noch mal«, protestierte Luckman. »Das hier ist unser Heim!«
»Was sind Häuser wie dieses in dieser Wohngegend derzeit wert?« fragte Barris und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Auf dem Immobilienmarkt? Ich frage mich auch, wie groß wohl im Moment die Nachfrage sein mag. Vielleicht könntest du einen ansehnlichen Gewinn herausschlagen, Bob. Andererseits mußt du vielleicht bei einem schnellen Verkauf immer damit rechnen, daß du ein Verlustgeschäft machst. Aber, mein Gott, Bob, die Leute, die dir an den Kragen wollen, sind Professionals!«