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»Das hat Donna gemacht?« sagte Arctor. »Sie hat wirklich einen Rechtsanwalt eingeschaltet, als sie bei einer illegalen Transaktion betrogen worden ist? Wie geht denn das?«

»Vielleicht hat sie einfach behauptet, der Macker würde ihr Flöhe schulden.«

»Stell dir bloß mal vor, du würdest nach einem Deal von einem Rechtsanwalt einen bitterbösen Mahnbrief kriegen«, sagte Arctor. »Nach dem Motto: ›Entweder Sie zahlen, oder wir gehen vor Gericht!‹« Wie schon so oft konnte er auch jetzt wieder nur über Donna staunen.

»Jedenfalls«, fuhr Luckman fort, »stand sie also nun mit einem Einkaufskorb da, der randvoll mit 15-Cent-Marken war – achtzehntausend mindestens. Was zum Teufel fängt man damit an? Schließlich kann man sie nicht ans Postamt zurückverkaufen. Und wenn die Leute von der Post aufkreuzten, um den Automaten zu warten, würden sie feststellen, daß er ausgeflippt war, und wenn dann jemand mit lauter 15-Cent-Marken an einem Schalter auftauchte, besonders mit ‘ner Rolle davon – Scheiße, die würden doch sofort kapiert haben, woher der Wind weht; wahrscheinlich würden sie sogar schon auf Donna gewartet haben, stimmt’s? Also legte sie sich einen anderen Plan zurecht – natürlich erst, nachdem sie die Briefmarkenrolle in ihren MG geladen hatte und weggefahren war –, und dann rief sie ein paar von ihren Klaubrüdern an, mit denen sie immer zusammenarbeitet, und befahl ihnen, zu ihr rüberzukommen und einen Preßlufthammer mitzubringen, so ein Spezialmodell, wassergekühlt und mit Flüssigkeits-Schalldämpfung, ein richtig irres Ding, das sie – so wahr mir Gott helfe! – auch geklaut hatten. Mitten in der Nacht gruben sie dann den einbetonierten Briefmarkenautomaten aus und schafften ihn in ihre Bude, auf der Ladefläche eines Ford Ranchero. Der vielleicht auch geklaut war. Und das alles wegen der Briefmarken.«

»Willst du damit sagen, daß sie die Briefmarken verkauft haben?« fragte Arctor verblüfft. »Aus dem Automaten? Marke für Marke?«

»Nach dem, was ich gehört habe, legten sie jedenfalls die Rolle wieder ein und stellten die Automaten wieder auf, an einer belebten Kreuzung, wo eine Menge Leute vorbeikommen, aber natürlich ein wenig versteckt, so daß er nicht zufällig von einem Postauto aus gesichtet werden konnte. Und dann setzten sie ihn wieder in Betrieb.«

»Es wäre klüger gewesen, den Münzspeicher aufzubrechen«, sagte Barris.

»Also verkauften sie von da an Briefmarken«, sagte Luckman, »so ein paar Wochen lang, eben bis die Maschine vollständig leer war, was ja irgendwann einmal der Fall sein mußte. Aber was, zum Teufel, sollten sie dann damit anfangen? Ich kann mir gut vorstellen, wie Donnas Gehirn während jener Wochen an diesem Problem arbeitete, dieses bauernschlaue Gehirn … sie ist bäuerlicher Abstammung, ihre Familie kommt aus irgendeinem europäischen Land. Kurz und gut, als die Rolle dann aufgebraucht war, da hatte Donna beschlossen, den Automaten auf Softdrinks umzustellen. Eine riskante Sache, denn das sieht das Postministerium nun gar nicht gern. Dafür wandert man für immer in den Knast. «

»Ist das wirklich wahr?« fragte Barris.

»Ist das wirklich wahr?« fragte Luckman.

Barris sagte: »Dieses Mädchen ist asozial. Man sollte sie auf der Stelle verhaften lassen. Begreift ihr überhaupt, daß alle unsere Steuern erhöht worden sind, weil sie diese Briefmarken gestohlen hat?« Es klang jetzt wieder sehr wütend.

»Schreib doch an die Regierung und erzähl’s ihnen«, sagte Luckman. Sein Widerwille gegen Barris ließ sein Gesicht ganz kalt werde. »Und bitte Donna um eine Marke, damit du den Brief damit frankieren kannst; sie wird die bestimmt eine verkaufen.«

»Zum vollen Preis«, sagte Barris ebenso aggressiv.

Die Holos, dachte Arctor, werden Kilometer um Kilometer von solchem Zeug auf ihren teuren Bändern speichern. Nicht Kilometer um Kilometer toter Bänder, sondern Kilometer um Kilometer total ausgeflippter Bänder.

Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß – zumindestens für ihn … für wen? … für Fred – nicht das wichtig war, was sich abspielte, während Robert Arctor vor einer Holo-Kamera saß, sondern das, was geschah, während Bob Arctor anderswo war oder schlief und andere Personen sich im Bereich der Aufzeichnungsgeräte aufhielten. Und darum, dachte er, sollte ich jetzt ganz wie geplant einen Abgang machen, sollte diese Jungs hier allein lassen und andere Leute, die ich kenne, zu ihnen rüberschicken. Ich sollte mein Haus von jetzt an superzugänglich machen.

Und dann nahm in seinem Innern ein schrecklicher, häßlicher Gedanke Gestalt an. Angenommen, ich sehe Donna hier drinnen, wenn ich die Bänder durchlaufen lasse – Donna, die mit einem Löffel oder einer Messerklinge ein Fenster öffnet, hereinschlüpft und mein Eigentum zerstört oder stiehlt. Eine andere Donna: meine kleine Donna, wie sie in Wirklichkeit ist, oder wie sie jedenfalls immer dann ist, wenn ich sie nicht sehen kann. Die philosophische »Wenn ein Baum im Walde stürzt«-Nummer. Wie ist Donna, wenn keiner in der Nähe ist und sie beobachtet?

Verwandelt sich, so fragte er sich, dieser sanfte, liebenswerte Zankteufel, dieses super-gutherzige Mädchen dann schlagartig in eine verschlagene, heimtückische Fremde? Werde ich eine Veränderung miterleben, die mir fast den Verstand raubt? Bei Donna oder bei Luckman, bei irgend einem von denen, für die ich etwas empfinde? Nimm nur einmal deine Schoßkatze oder deinen Schoßhund … was mögen die tun, wenn du aus dem Haus bist? Die Katze schnappt sich vielleicht einen Kissenbezug und fängt an, deine ganzen Wertgegenstände hineinzustopfen; die elektrische Uhr, den elektrischen Radiowecker, den Rasierapparat, eben alles, was sie nur einsacken kann, bevor du zurückkommst; während du weg bist, ist sie wie verwandelt, eine ganz andere Katze, die dich beklaut und alles zur Pfandleihe bringt und deine Joints raucht oder an der Decke entlangspaziert oder Ferngespräche mit Unbekannten führt … und Gott weiß was noch. Ein Alptraum, eine verkehrte Welt hinter dem Spiegel, eine Stadt des Schreckens, in der wirklich alles möglich ist und in deren Straße unsägliche Wesenheiten herumkriechen; Donna, die auf allen vieren kriecht und aus den Futternäpfen der Haustiere frißt … wilde psychedelische Trips jeder Art, unauslotbar und abscheulich.

Wahnsinn, dachte er; ebensogut könnte es sein, daß Bob Arctor mitten in der Nacht aus tiefem Schlaf aufsteht und auf solche Trips geht. Vielleicht hat er sexuelle Beziehungen mit der Wand. Oder mysteriöse Freaks tauchen auf, die er nie zuvor gesehen hat, ein ganzer Haufen davon, und sie alle haben eine besondere Art von Köpfen, die sich um 360 Grad drehen lassen, wie die von Eulen. Und die Überwachungsmikrophone werden die total abstrusen, geisteskranken Verschwörerpläne aufzeichnen, die er gemeinsam mit ihnen ausheckt und die vorsehen, das Herrenklo an der nächsten Standard-Tankstelle in die Luft zu jagen, indem man die Toilette mit Plastiksprengstoff füllt – aus gott weiß was für hirnverbrannten Gründen auch immer. Vielleicht passiert diese Art von Zeug jede Nacht, während er zu schlafen glaubt, und ist am Tag aus seiner Erinnerung wie weggewischt.

Bob Arctor, mutmaßte er, mag mehr über sich selbst erfahren, als er zu erfahren bereit ist, mehr als über Donna mit ihrem Lederjäckchen und über Luckman mit seinen modischen Klamotten und sogar über Barris – vielleicht geht Jim Barris ja einfach nur schlafen, wenn keiner in der Nähe ist, und schläft so lange, bis die anderen wiederauftauchen.

Aber daran vermochte er nicht zu glauben. Da war es schon wahrscheinlicher, daß Barris unter dem ganzen Müll in seinem Zimmer – das wie alle anderen Räume des Hauses jetzt erstmals rund um die Uhr überwacht wurde – einen verborgenen Sender hervorzauberte und ein kryptisches Signal an jene Bande von kryptischen Arschlöchern abstrahlte, mit denen er laufend aus irgendeinem Grunde konspirierte, aus denen Leute wie er oder sie halt zu konspirieren pflegten. Vielleicht, überlegte Bob Arctor, bilden sie eine andere Abteilung der Behörden.