Fred, der alles beobachtete, fühlte, wie die in ihm aufgestaute Angst wieder verschwand. Luckman würde bald wieder ganz okay sein. Aber Barris! Was für eine Art von Mensch war das bloß? Luckman hatte sich nicht dank, sondern trotz seiner »Hilfe« erholt. Was für ein Freak, dachte Fred. Was für ein bekloppter Freak. Was muß eigentlich in seinem Kopf los sein, daß er in einer solchen Situation einfach müßig rumstehen kann?
»Man könnte durch so etwas abkratzen«, sagte Luckman, während er sich am Ausguß mit Wasser bespritzte.
Barris lächelte.
»Gut, daß ich so eine kräftige Konstitution hab’«, sagte Luckman. In großen Schlucken leerte er eine Tasse mit Wasser. »Was hast du eigentlich gemacht, als ich da lag? Dir einen runtergeholt?«
»Du hast doch gesehen, daß ich telefoniert habe«, sagte Barris. »Ich wollte einen Rettungswagen rufen. Ich habe sofort gehandelt, als –«
»Wichs«, sagte Luckman säuerlich und kippte immer mehr von dem frischen, sauberen Wasser herunter. »Ich weiß, was du tun würdest, wenn ich tot umfiele – du würdest meinen Stash klauen. Du würdest sogar meine Taschen nach Stoff filzen.«
»Wirklich faszinierend«, sagte Barris, »diese Beschränkungen der menschlichen Anatomie. Ich meine, daß Nahrung und Luft sich einen gemeinsamen Durchgang teilen müssen. So daß jederzeit die Gefahr besteht, daß –«
Wortlos bedeutete Luckman ihm, sich doch einen runterzuholen.
*
Das Kreischen von Bremsen. Eine Hupe. Bob Arctor blickte hastig auf, spähte hinaus in den nächtlichen Verkehr. Am Bordstein ein Sportwagen mit laufendem Motor; am Steuer ein Mädchen, das ihm zuwinkte.
Donna.
»Mein Gott«, sagte er wieder. Mit einem langen Schritt war er am Randstein.
Während sie die Tür ihres MGs öffnete, sagte Donna: »Hab’ ich dich etwa erschreckt? Ich war auf dem Weg zu deiner Bude und bin erst glatt an dir vorbeigefahren, bis ich plötzlich gecheckt hab’, daß du das warst, der da entlangtrabte. Darum hab’ ich umgedreht und bin zurückgekommen. Steig ein.«
Schweigend stieg er ein und schloß die Wagentür.
»Warum bist du um diese Zeit hier draußen unterwegs?« sagte Donna. »Wegen deines Wagens? Ist er immer noch nicht wieder in Ordnung?«
»Ich hab’ grad’ eine total ausgeflippte Sache erlebt«, sagte Bob Arctor. »Nicht auf’m Trip, sondern …« Er schauderte.
Donna sagte: »Ich hab’ dein Zeug.«
»Was?« sagte er.
»Tausend Tabletten Tod.«
»Tod?« echote er.
»Yeah, hochgradigen Tod. Ich fahr’ besser los.« Sie schaltete in den niedrigsten Fahrbereich, fuhr los und fädelte sich in den Verkehr ein; fast augenblicklich hatte sie den Wagen bis über die zulässige Höchstgeschwindigkeit hochgejagt. Donna fuhr immer zu schnell und zu dicht auf, aber zugleich auch sehr gekonnt.
»Dieser Scheißkerl Barris!« sagte er. »Weißt du, wie er arbeitet? Wenn er jemanden um die Ecke bringen will, tötet er ihn nicht etwa eigenhändig; er wartet nur ganz einfach, bis eine Situation eintritt, in der der Betreffende von selbst stirbt. Und Barris sitzt ganz ruhig dabei, während der andere stirbt. Er richtet es sogar gezielt so ein, daß sie sterben und er sich raushalten kann. Aber ich bin mir nicht sicher, wie er das macht. Jedenfalls arrangiert er alles so, daß sie abkratzen können, einfach abkratzen.« Dann verfiel er in tiefes Schweigen und brütete vor sich hin. »Beispielsweise«, sagte er, »würde Barris nie selbst eine Ladung Plastiksprengstoff an die Zündung deines Wagens anschließen. Statt dessen würde er –«
»Hast du das Geld?« sagte Donna. »Für den Stoff? Er ist wirklich primo, und ich brauche das Geld sofort. Ich muß es noch heute abend haben, weil ich mir ‘n paar andere Sachen besorgen muß.«
»Sicher.« Er hatte das Geld in seiner Brieftasche.
»Ich mag Barris nicht«, sagte Donna, während sie den Wagen durch den Verkehr lenkte, »und trauen tue ich ihm auch nicht.
Weißt du, er ist verrückt. Und wenn du mit ihm rumhängst, dann wirst du auch verrückt. Und wenn du nicht mit ihm rumhängst, dann bist du okay. Im Moment bist du auch wieder verrückt.«
»Echt?« sagte er erschrocken.
»Ja«, sagte Donna ruhig.
»Hm«, sagte er. »Himmel.« Er wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Besonders, weil Donna sich nie irrte.
»Hey«, sagte Donna voller Begeisterung, »könnten wir nicht mal zusammen zu einem Rockkonzert gehen? Nächste Woche im Anaheim Stadium? Ja?«
»Klar doch«, sagte er mechanisch. Und dann kapierte er erst, was Donna da eigentlich gesagt hatte – sie hatte ihn gefragt, ob er mit ihr ausgehen sollte.
»Alll riiiight!« sagte er überglücklich; neue Lebenskraft durchpulste ihn. Einmal mehr hatte ihn die kleine, dunkelhaarige Puppe, die er so sehr liebte, wieder auf die Erde zurückgeholt. »Wann denn?«
»Sonntag nachmittag. Ich werd’ was von dem dunklen, öligen Hasch mitnehmen und mir richtig einen reinknallen. Das wird schon keiner merken, weil bestimmt Tausende von Freaks da sein werden.« Sie blickte ihn kritisch an. »Aber du mußt dir was Duftes anziehen, nicht diese gammeligen Klamotten, in denen du manchmal rumläufst. Ich meine –« ihre Stimme wurde weich. »Ich möchte, daß du scharf aussiehst, weil ich dich ganz schön scharf finde. «
»Okay«, sagte er entzückt.
»Wir fahren jetzt in meine Bude«, sagte Donna, als sie in ihrem kleinen Wagen durch die Nacht schossen. »Du hast ja das Geld bei dir, und wenn du’s mir gegeben hast, pfeifen wir ‘n paar von den Tabs ein und hauen uns so richtig bequem hin und machen uns ‘nen schönen Abend. Und wenn du Lust drauf hast, kannst du ja losziehen und uns ‘ne Pulle Southern Comfort holen, und die können wir uns dann auch noch reinziehen.«
»Oh wow«, sagte er mit aufrichtiger Begeisterung.
»Worauf ich heute abend aber am meisten Bock hätte«, sagte Donna, während sie herunterschaltete, in die Straße einbog, an der sie wohnte, und den Wagen in ihre Auffahrt lenkte, »das war’, in ein Drive-in-Kino zu fahren. Ich hab’ mir eine Zeitung gekauft und nachgeschaut, was heute läuft, aber ich hab’ nichts Vernünftiges finden können, außer im Torrance Drive-in, und die haben schon angefangen. Um halb sechs. Die Ärsche.«
Er sah auf die Uhr. »Dann haben wir schon ‘ne Menge verpaßt, mindestens –«
»Nein, wir können immer noch das meiste sehen.« Sie schenkte ihm ein kurzes, warmes Lächeln, als sie den Wagen zum Stehen brachte und den Motor ausschaltete. »Die zeigen da alle Planet der Affen-Filme, alle elf; das Hauptprogramm geht von heute abend halb acht durch bis morgen früh um acht. Ich werde direkt vom Drive-in zur Arbeit gehen, darum muß ich mich jetzt umziehen. Wir werden total stoned im Kino sitzen und Southern Comfort trinken, die ganze Nacht lang. Wow, war’ das nicht ‘ne echte Superschaffe?« Sie guckte ihn hoffnungsvoll an.
»Die ganze Nacht lang«, echote er.
»Yeah yeah yeah.« Donna sprang aus dem Wagen und kam herüber auf seine Seite, um ihm dabei zu helfen, die kleine Beifahrertür aufzukriegen. »Wann hast du zuletzt alle Planet der Affen-Filme gesehen? Ich hab’ die meisten davon schon früher dieses Jahr gesehen, aber als die letzten liefen, wurde ich krank und mußte’s drangeben. Lag an einem Schinkensandwich, das sie mir im Drive-in verkauft haben. Das hat mich echt sauer gemacht; Ich hab’ grad’ den letzten Film verpaßt, du weißt schon, den, in dem enthüllt wird, daß alle berühmten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte wie etwa Lincoln oder Nero insgeheim Affen waren, die die gesamte menschliche Geschichte von Anfang an gelenkt haben. Darum will ich unbedingt da reingehen.« Sie senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, als sie auf die Haustür zugingen. »Die haben mich mit diesem ollen Schinkensandwich ganz schön abgelinkt. Weißt du, was ich deshalb gemacht hab’? Jetzt lach aber nicht – als wir das nächste Mal ins Drive-in gefahren sind, drüben in La Habra, da hab’ ich eine verbogene Münze in den Münzschlitz gesteckt, vorne an der Einfahrt. Und auch ‘n paar in die anderen Verkaufsautomaten, damit sich’s auch richtig lohnte. Ich hab’ zusammen mit Larry Tailing – du erinnerst dich doch bestimmt an Larry, wir sind damals zusammen gegangen? – einen ganzen Haufen von Quarters und Fünf-Cent-Stücken verbogen, mit seinem Schraubstock und einem großen Schraubenschlüssel. Ich hab’ natürlich vorher nachgeforscht, ob die Automaten auch alle der richtigen Firma gehörten. Und dann haben wir ‘ne ganze Ladung davon hopsgehen lassen, praktisch alle, wenn ich ehrlich sein soll.«