Langsam und irgendwie feierlich schloß sie im Halbdunkel die Vordertür mit ihrem Schlüssel auf.
»Scheint nicht gerade ratsam zu sein, dich ablinken zu wollen, Donna«, sagte er, als sie ihre hübsche kleine Bude betraten.
»Tret nicht auf den Plüschteppich«, sagte Donna.
»Wo soll ich dann hintreten?«
»Bleib stehen. Oder tritt auf die Zeitungen.«
»Donna –«
»Nun mach’ mich bloß nicht an, nur weil du auf den Zeitungen gehen mußt. Weißt du eigentlich, wieviel es mich gekostet hat, diesen Teppich hier reinigen zu lassen?« Sie stand da und knöpfte ihr Jäckchen auf.
»Du bist ja sparsam wie ‘n französischer Bauer«, sagte er, während er seinen eigenen Mantel ablegte. »Wirfst du eigentlich jemals irgendwas weg? Wahrscheinlich bewahrst du sogar noch Bindfadenstücke auf, die zu kurz für –«
»Eines Tages«, sagte Donna und schüttelte ihr langes, schwarzes Haar, als sie aus der Lederjacke schlüpfte, »werde ich mal heiraten, und dann werd’ ich all das brauchen, alles, was ich beiseite gelegt hab’. Wenn man heiratet, braucht man alles, was man nur kriegen kann. Nimm nur mal den großen Spiegel, den wir neulich nebenan im Hof entdeckt haben; drei Leute haben zusammen über eine Stunde malocht, um ihn über den Zaun zu hieven. Eines Tages –«
»Wieviel von dem, was du zurückgelegt hast, hast du eigentlich gekauft?« fragte er, »und wieviel davon gestohlen?«
»Gekauft?« Sie studierte unsicher sein Gesicht. »Was meinst du mit kaufen?«
»Etwa, wie wenn du Dope kaufst«, sagte er. »Das, was bei einem Dope-Deal vor sich geht. Jetzt zum Beispiel.« Er zückte seine Brieftasche. »Ich gebe dir Geld, richtig?«
Donna nickte und blickt ihn an, gehorsam (das jedoch wohl mehr aus Höflichkeit), aber trotzdem würdevoll. Und ein wenig reserviert.
»Und dann gibst du mir dafür eine Ladung Dope«, sagte er, während er ihr zugleich die Scheine hinhielt. »Was ich mit kaufen meine, ist eine Ausdehnung dessen, was wir hier gerade machen, wir beide, bei diesem Dope-Deal, in die größere Welt menschlicher Geschäftsbeziehungen.«
»Ich glaube, das versteh’ ich«, sagte sie. Ihre großen, dunklen Augen waren sanft, aber lebhaft. Sie war immer bereit, etwas dazuzulernen.
»Als du kürzlich diesen Coca-Cola-Lieferwagen gestoppt und leergemacht hast – wie viele Flaschen Coke hast du da eigentlich geklaut? Wie viele Kästen?«
»Genug für einen Monat«, sagte Donna. »Für mich und meine Freunde. «
Er starrte sie tadelnd an.
»Das ist auch eine Art von Tauschhandel«, sagte sie.
»Aber was –« Er begann zu lachen. »Was gibst du denn zurück?«
»Ich gebe etwas von mir selbst.«
Jetzt lachte er lauthals. »Wem? Dem Fahrer des Lastwagens, der den Schaden vielleicht ersetzen –«
»Die Coca-Cola-Company ist ein kapitalistisches Monopolunternehmen. Kein anderer außer denen kann Coca-Cola herstellen. Das ist wie bei der Telefongesellschaft. Wenn du jemanden anrufen willst, meine ich. Alles kapitalistische Monopole. Wußtest du schon« – ihre dunklen Augen blitzten – »daß die Formel von Coca-Cola ein sorgfältig gehütetes Geheimnis ist, das von Generation zu Generation weitervererbt wird und das jeweils nur wenige Personen kennen, die alle der gleichen Familie angehören? Und daß es keine Coke mehr geben wird, wenn der letzte von denen, die die Formel auswendig kennen, stirbt? Darum ist ja auch sicherheitshalber eine Niederschrift der Formel irgendwo in einem Safe deponiert«, fügte sie nachdenklich hinzu. »Ich möchte zu gerne wissen, wo«, sagte sie wie im Selbstgespräch. Ihre Augen flackerten.
»Du und deine Klaubrüder werden die Coca-Cola-Formel niemals finden, nicht in einer Million Jahren.«
»WARUM ZUM TEUFEL SOLLTE MAN ÜBERHAUPT EIN INTERESSE DARAN HABEN, COKE HERZUSTELLEN, WENN MAN ES DOCH VON IHREN LIEFERWAGEN KLAUEN KANN? Die haben eine Menge Lieferwagen. Du siehst sie doch dauernd auf der Straße, und sie fahren richtig schön langsam. Ich häng’ mich immer an sie dran, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet; das macht sie echt sauer.« Sie bedachte ihn mit einem verstohlenen, listigen, lieblichen kleinen Koboldlächeln, als wolle sie versuchen, ihn durch die Magie dieses Lächelns in ihre eigene, seltsame Wirklichkeit hinüberzuziehen, in der sie mit blitzender Lichthupe immer wieder gefährlich dicht auf einen der langsamen Lieferwagen auffuhr und dabei immer wütender und ungeduldiger wurde und dann, wenn der Fahrer des Lastwagens auf den Randstreifen fuhr, um sie vorbeizulassen, nicht wie andere Fahrer mit ihrem Wagen vorbeizog, sondern ebenfalls anhielt und alles stahl, was auf dem Lieferwagen war. Und das letztlich nicht, weil sie ein Dieb war oder etwa gar aus Rache, sondern weil sie zu dem Zeitpunkt, da der Lieferwagen endlich an den Rand fuhr, schon so lange auf die Kisten mit Coke gestarrt hatte, daß sie mittlerweile einen Verwendungszweck für das Zeug gefunden hatte. Schiere Wut hatte sich in praktisches Denken verwandelt. Sie hatte ihren Wagen – nicht den MG, sondern den größeren Camaro, den sie damals noch nicht zu Schrott gefahren hatte – mit einer Menge von Coke-Kästen vollgeladen, und dann hatten sie und ihre Langfingerfreunde einen Monat lang so viel Coke getrunken, wie ihr Herz begehrte. Und im Anschluß daran – hatte sie das Leergut in verschiedene Läden zurückgebracht. Wegen des Flaschenpfandes.
»Was hast du eigentlich mit den Schraubverschlüssen gemacht?« hatte er sie einmal gefragt. »Sie in Kattun gewickelt und sie in deiner Zedernkiste gehortet?«
»Ich hab’ sie weggeworfen«, hatte sie mürrisch geantwortet. »Man kann doch mit diesen Coke-Verschlüssen überhaupt nichts anfangen. Es gibt nicht mal mehr Sammelwettbewerbe oder sonst was in der Art.«
Donna verschwand jetzt im Nebenraum und kam unmittelbar darauf mit mehreren Polyäthylen-Tüten zurück. »Willste nachzählen?« erkundigte sie sich. »Es sind ganz bestimmt tausend. Ich hab’ sie auf meiner Feinwaage abgewogen, bevor ich bezahlt hab’.«
»Ist schon okay«, sagte er. Er nahm die Beutel entgegen und sie das Geld, und er dachte: Donna, einmal mehr könnte ich dich in den Knast bringen, aber das werde ich vielleicht nie machen, ganz egal, was du tust, selbst wenn es gegen mich gerichtet ist, weil du so etwas Wundervolles und Lebendiges und Süßes an dir hast, und das würde ich nie zerstören können. Ich verstehe es nicht, aber es ist da.
»Könnte ich zehn haben?« fragte sie.
»Zehn? Zehn Tabs zurück? Klar.« Er öffnete einen der Beutel – er ließ sich nur schwer aufknoten, aber er verfügte über die nötige Fingerfertigkeit – und zählte genau zehn für sie ab. Und dann zehn für sich selbst. Dann band er den Beutel wieder zu und brachte alle Beutel zu seinem Mantel im Schrank.
»Weißt du, was die jetzt in den Cassetten-Läden machen?« sagte Donna mit sichtlicher Wut, als er zurückkam. Die zehn Tabs waren nirgendwo zu sehen; sie hatte sie schon ihrem Stash einverleibt. »Wegen der Cassetten, meine ich?«
»Sie nehmen dich fest«, sagte er, »wenn du welche davon stiehlst.«