»Das haben sie doch schon immer gemacht. Aber jetzt haben sie einen neuen Trick – hängt mit dem Preisschild zusammen, das die Verkäufer immer abmachen, wenn du eine LP oder eine Cassette mit zur Kasse bringst. Rat mal, welchen. Du wirst nie draufkommen, was ich herausgefunden hab’. Beinah’ hätt’s mich dabei übrigens erwischt.« Sie warf sich in einen Sessel, grinste erwartungsvoll und holte einen kleinen, in Alufolie eingewickelten Würfel aus der Tasche, den er sofort als einen Brocken Hasch identifizierte, noch bevor sie ihn ausgewickelt hatte. »Das ist nicht einfach, nur ein aufgeklebtes Preisschild. Es enthält auch ein winziges Stückchen einer ganz bestimmten Metallegierung, und wenn der Verkäufer an der Kasse das Preisschild nicht abgemacht hat und du damit durch die Tür zu gehen versuchst, dann geht eine Alarmsirene los.«
»Und wie hast du das rausgekriegt?«
»Direkt vor mir war so ‘n Teenybopper, die mit ‘ner Cassette unter dem Mantel rausmarschieren wollte. Die Alarmsirene ging los, und die Angestellten schnappten sie sich und riefen die Bullen.«
»Wie viele hattest du denn unter deinem Mantel?«
»Drei.«
»Hattest du auch Dope im Wagen?« fragte er. »Wenn sie dich nämlich erst mal beim Cassettenklauen erwischt haben, dann beschlagnahmen sie auch deinen Wagen, wenn du auch nur ‘n bißchen so aussiehst, als könntest du noch mehr auf dem Kerbholz haben. Und wenn sie ihn dann abschleppen und bei der Routinedurchsuchung den Stoff finden, lochen sie dich auch dafür noch ein. Ich wette, das war nicht mal hier in L. A. oder? Ich wette, du hast das irgendwo gemacht, wo –« Er hatte gerade ansetzen wollen zu sagen: Wo du niemanden vom Rauschgiftdezernat kennst, der sich für dich einsetzen könnte. Aber das durfte er nicht sagen, weil er sich selbst damit meinte; falls Donna jemals wegen Drogenbesitz hopsgenommen werden würde, würde er sich, wenigstens im Rahmen seiner Möglichkeiten, den Arsch abrackern, um ihr zu helfen. Aber er konnte überhaupt nichts für sie tun, wenn sie nicht in Los Angeles selbst, sondern beispielsweise im L. A. County festgenommen wurde! Und wenn das jemals passierte, womit man eines Tages wohl rechnen mußte, dann würde es wahrscheinlich ausgerechnet dort geschehen: zu weit weg, als daß er davon erfahren würde oder ihr helfen konnte. In seinem Kopf spulte er eine Phantasienummer ab, eine echte Horrorshow: Donna, die ähnlich wie Luckman starb, ohne daß jemand es hörte oder sich dafür interessierte oder etwas unternahm. Selbst wenn sie es hörten, mochten sie genau wie Barris unbeteiligt und träge abwarten, bis für Donna alles zu spät war. Sie würde nicht richtig sterben, nicht so, wie Luckman gestorben war – war? Beinahe gestorben war, verbesserte er sich. Aber weil sie süchtig nach Substanz T war, würde sie nicht nur einfach ins Gefängnis wandern, sondern zugleich auch zwangsweise auf Entzug gehen müssen. Cold Turkey. Und da sie nicht nur Drogen konsumierte, sondern auch dealte – und schließlich war da ja auch noch die Sache mit dem Diebstahl –, würde sie eine ganze Weile im Knast sitzen, und während dieser Zeit mochten ihr noch eine ganze Reihe anderer Dinge, schrecklicher Dinge, zustoßen. Und wenn sie dann wieder rauskam, würde sie völlig verändert sein – eine ganz andere Donna. Ihre sanfte, fürsorgliche Art, die er so sehr liebte, ihre Wärme – das alles würde sich in Gott weiß was verwandelt haben. Auf jeden Fall würde sie leer sein, leer und verbraucht. Donna, verwandelt in ein Ding; und das blühte ihnen eines Tages allen. Aber hoffentlich nicht Donna, dachte er. Jedenfalls nicht, solange ich lebe, und nicht an einem Ort, wo ich ihr nicht helfen kann.
»Lebendig«, sagte er jetzt todunglücklich zu ihr, »ohne Besessenheit.«
»Was soll’n das heißen?« Nach einem Augenblick begriff sie, was er meinte. »Ach so, Transaktionsanalyse, stimmt’s? Aber wenn ich Hasch rauche …« Sie hatte ihre eigene kleine Hasch-Pfeife aus Ton herausgeholt, die sie selbst gemacht hatte und deren Kopf wie ein Seeigel aussah, und zündete sie gerade an. »Dann fühle ich mich beireit.« Sie blickte mit glänzenden Augen glücklich zu ihm auf, lachte und streckte ihm die kostbare Hasch-Pfeife entgegen. »Ich lade dich jetzt auf«, erklärte sie. »Setz dich hin.«
Während er sich setzte, erhob sie sich und paffte im Stehen so lange, bis der Shit im Pfeifenkopf kräftig glomm. Dann watschelte sie auf ihn zu und beugte sich über ihn, und als er den Mund öffnete – wie ein Vogeljunges, dachte er, ein Gedanke, der ihm jedesmal in diesen Augenblicken kam –, atmete sie den Hasch-Rauch in einem großen, kraftvollen Strom in ihn hinein und erfüllte ihn so mit ihrer eigenen heißen und kühnen und unverbesserlichen Energie, die zugleich ein Beruhigungsmittel war, das sie beide zusammen entspannte und ganz gelöst werden ließ: sie, die ihn auflud, und Bob Arctor, der diese Gabe entgegennahm.
»Ich liebe dich, Donna«, sagte er. Dieses Aufladen war für ihn an die Stelle sexueller Beziehungen mit ihr getreten, und vielleicht war es sogar besser als Sex; es bedeutete ihm so viel; es war so unglaublich intim und so ganz anders im Vergleich zu Sex, denn hierbei konnte zuerst sie etwas in ihn einströmen lassen und dann, wenn sie das Bedürfnis danach hatte, er etwas in sie. Ein gleichberechtigter Austausch, ein Geben und Nehmen, bis der letzte Krümel Hasch verglommen war.
»Yeah, das kann ich dir nachfühlen, daß du mich liebst, meine ich«, sagte sie, kicherte und setzte sich neben ihn, um einen Zug aus der Hasch-Pfeife zu nehmen, diesmal für sich selbst.
IX
»Hey, Donna, hör mal«, sagte er. »Magst du Katzen?«
Sie blinzelte mit geröteten Augen. »Klamme kleine Dinger. Schleichen ungefähr ‘nen Meter über dem Boden daher.«
»Über, nein, auf dem Boden.«
»Klamm. Hinter den Möbeln.«
»Dann eben kleine Frühlingsblumen«, sagte er.
»Ja«, sagte sie. »Das gefällt mir – kleine Frühlingsblumen, mit Gelb drin. Die, die zuerst rauskommen.«
»Vorher«, sagte er. »Früher als alle anderen«
»Ja.« Sie nickte, die Augen geschlossen, sehr weit weg auf ihrem Trip. »Bevor alle auf ihnen rumtrampeln und sie – weg sind.«
»Du kennst mich wirklich«, sagte er. »Du kannst meine Gedanken lesen. «
Sie lehnte sich zurück und legte die Hasch-Pfeife beiseite. Sie war ausgegangen. »Nichts mehr da«, sagte sie, und ihr Lächeln verschwand langsam.
»Was ist los mit dir?« sagte er.
»Nichts.« Sie schüttelte den Kopf, und das war alles.
»Darf ich meine Arme um dich legen?« fragte er. »Ich möchte dich festhalten. Okay? Dich nur ein bißchen in den Arm nehmen, ja?«
Ihre dunklen, müden Augen mit den geweiteten Pupillen öffneten sich. »Nein«, sagte sie, ohne ihn direkt anzublicken. »Nein, du bist zu häßlich.«
»Was?« sagte er.
»Nein«, sagte sie, diesmal mit einer gewissen Schärfe. »Ich schniefe ‘ne Menge Koks; ich muß supervorsichtig sein, weil ich ‘ne Menge Koks schniefe.«
»Häßlich?« wiederholte er wie ein Echo. Er war wütend auf sie. »Du verfickte –«
»Geh mir bloß nicht an die Wäsche«, sagte sie und starrte ihn an.
»Klar«, sagte er. »Natürlich nicht.« Er kam auf die Füße und wich vor ihr zurück. »O ja, darauf kannst du Gift nehmen!« Er spürte das unwiderstehliche Bedürfnis, zu seinem Wagen hinauszugehen, die Pistole aus dem Handschuhfach zu holen und ihr das Gesicht wegzuschießen – ihren Schädel und ihre Augen in kleine Stückchen zerplatzen zu lassen. Und dann verging das alles wieder – dieser Hasch-Haß, diese Hasch-Wut. »Ach Scheiße«, sagte er niedergeschlagen.
»Ich hab’s nicht gern, wenn irgendwelche Leute meinen Körper betatschen«, sagte Donna. »Ich muß aufpassen, weil ich so viel kokse. Eines Tages – jedenfalls hab’ ich das vor – werde ich über die kanadische Grenze gehen, mit vier Pfund Koks drin, in meiner Möse, meine ich. Ich werde sagen, ich sei katholisch und Jungfrau. Wo willst du hin?« Sichtlich alarmiert erhob sie sich halb.