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Er sagte: »Dafür mußt du sparen. Dein ganzes Geld sparen. So was ist teuer.«

Donna streifte ihn mit einem seltsam verlegenen Blick. »Es klappt bestimmt. Er wird schon dafür sorgen.«

»Wer?«

»Na, du weißt schon.« Ihre Stimme klang weich, als sie ihn an ihrem Geheimnis teilhaben ließ, ihm ihr Geheimnis offenbarte, weil er, Bob Arctor, ihr Freund war und sie ihm vertrauen konnte. »Mister Wunderbar. Ich weiß ganz genau, wie er sein wird – er wird einen Aston-Martin fahren und mich darin nach Norden mitnehmen. Und genau da steht das kleine, altmodische Haus im Schnee, nördlich von hier.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Schnee soll doch ganz hübsch sein, nicht wahr?«

Er sagte: »Weißt du das nicht selbst?«

»Ich bin noch nie im Schnee gewesen, außer einmal oben in den Bergen in San Berdoo, und da war es mehr Graupelregen als Schnee, und ich bin im Schlamm ausgerutscht und voll auf die Schnauze geflogen. Solchen Schnee meine ich nicht; ich meine richtigen Schnee.«

Bob Arctors Herz wurde schwer. Er kannte dieses Gefühl nur zu gut. »Bist du dir da ganz sicher? Es wird wirklich so kommen?«

»Es wird so kommen!« Sie nickte. »Es steht für mich in den Karten.«

Schweigend gingen sie dann weiter. Zurück zu Donnas Bude, um ihren MG zu holen. Donna, eingehüllt in ihre eigenen Träume und Pläne; und er – er mußte plötzlich wieder an Barris denken, an Luckman und Hank und das Kontroll-Zentrum. Und an Fred.

»Hey, du«, sagte er, »kann ich mit dir nach Oregon gehen? Wenn du hier endgültig deinen Abflug machst?«

Sie lächelte ihn an, sanft und so voller Zärtlichkeit, daß es weh tat. Und er begriff, daß die Antwort nein lautete.

Und weil es sie so gut kannte, verstand er auch, daß sie es wirklich so meinte. Und daran würde sich nichts ändern. Er erschauerte.

»Ist dir kalt?« fragte sie.

»Yeah«, sagte er. »Sehr.«

»Die Heizung in meinem MG ist echt Spitze«, sagte sie. »Wir drehen sie einfach voll auf, wenn wir im Drive-in sind … dann kannst du dich richtig schön aufwärmen.« Sie nahm seine Hand, drückte sie, hielt sie fest, und dann, ganz plötzlich, ließ sie sie wieder los.

Aber der Nachklang dieser kurzen Berührung blieb noch lange in ihm, in seinem Herzen. Wenigstens das blieb ihm. In all den Jahren seines Lebens, die noch vor ihm lagen, in den langen Jahren ohne sie, ohne die Hoffung, sie jemals wiederzusehen oder etwas von ihr zu hören oder etwas über sie zu erfahren, nicht einmal, ob sie lebte oder glücklich war oder tot oder was auch immer, blieb die Erinnerung an diese Berührung in ihm beschlossen, eingesiegelt in seinem Innern, und verließ ihn nie. Die Erinnerung an diese eine kurze Berührung ihrer Hand.

*

Er nahm einen netten kleinen Nadel-Freak namens Connie mit zu sich nach Hause, um sie im Austausch dafür zu bumsen, daß er ihr ein Päckchen mit zehn Mex-Hits gegeben hatte.

Das Mädchen – sie war mager und hatte merkwürdig glattes Haar – setzte sich auf die Bettkante und kämmte sich; es war das erste Mal, daß sie mit ihm mitgekommen war – er hatte sie auf einer Fixerparty kennengelernt –, und er wußte sehr wenig über sie, obwohl er doch ihre Telefonnummer schon seit Wochen mit sich herumtrug. Da sie ein Nadel-Freak war, war sie natürlich frigide, aber das törnte ihn durchaus nicht ab; Sex war ihr letztlich gleichgültig, weil sie kein Vergnügen daran hatte, aber andererseits machte es ihr deshalb auch nichts aus, welche Art von Sex es war.

Das merkte man sofort, wenn man sie einfach nur anschaute. Connie saß halb ausgezogen da, schon ohne Schuhe, eine Haarklammer im Mund, gleichgültig vor sich hin starrend, offensichtlich irgendwo in ihrem Kopf auf einem Trip unterwegs. Ihr längliches, knochiges Gesicht war herb und irgendwie ausdrucksvoll; wahrscheinlich, entschied er, weil die Knochen, besonders die Kieferlinien, so stark hervortreten. Auf der rechten Wange hatte sie einen Pickel. Zweifellos kümmerte sie das nicht, ja, wahrscheinlich bemerkte sie ihn nicht einmal; genau wie Sex bedeuteten ihr auch Pickel herzlich wenig.

Vielleicht konnte sie nicht einmal einen Unterschied erkennen. Für sie, die sie schon lange an der Nadel hing, mochten Sex und Pickel vielleicht etwas ganz Ähnliches oder sogar das gleiche sein. Was für ein Gedanke, dachte er, dieser flüchtige Einblick in die Gedankenwelt eines Fixers.

»Hast du eine Zahnbürste, die ich benutzen kann?« sagte Connie; sie war ein bißchen weggenickt und hatte vor sich hin zu murmeln begonnen, wie es bei Fixern manchmal nachts um diese Zeit vorkam. »Ach, Scheiße – Zähne sind Zähne. Ich putze sie mir …« Ihre Stimme war so leise geworden, daß er ihre nächsten Worte nicht mehr hören konnte, obwohl er an der Bewegung ihrer Lippen erkennen konnte, daß sie weiter vor sich hin brabbelte.

»Weißt du, wo das Badezimmer ist?«

»Was für ein Badezimmer?«

»Das hier im Haus.«

Sie riß sich mühsam zusammen und begann wieder, sich mit mechanischen Bewegungen zu kämmen. »Was sind das für Typen, die da draußen rumhängen? Sich Joints drehen und immer weiterquatschen, obwohl’s schon so spät ist? Ich nehme an, die wohnen hier bei dir. Klar wohnen die hier. Wo sollten Typen wie die auch sonst wohnen?«

»Zwei davon jedenfalls«, sagte Arctor.

Ihre Augen, die an die eines toten Kabeljaus erinnerten, wandten sich ihm zu und starrten ihn an. »Bist du schwul?« fragte Connie.

»Ich kämpfe dagegen an, so gut ich kann. Genau deshalb bist du ja heute nacht hier.«

»Dann wird das wohl eine ziemlich heiße Schlacht werden, was?«

»Worauf du Gift nehmen kannst.«

Connie nickte. »Schätze, ich werd’s wohl gleich rausfinden. Wenn du ein latenter Schwuler bist, wirst du’s vielleicht mögen, wenn ich die Initiative übernehmen. Leg dich hin, und ich besorg’s dir. Soll ich dich ausziehen? Okay, du liegst einfach nur da, und ich mach’ alles.« Sie griff nach dem Reißverschluß seiner Hose.

*

Später döste er im Halbdunkel vor sich hin, schläfrig vom Abdrücken seiner eigenen Fixe, wenn man das so nennen konnte. Connie schnarchte neben ihm vor sich hin. Die lag auf dem Rücken, die Arme beiderseits ihres Körpers auf der Decke. Er konnte sie nur verschwommen erkennen. Sie schlafen wie Graf Dracula, dachte er, diese Junkies. Starren unverwandt immer nur nach oben, bis sie sich urplötzlich aufrichten, wie eine Maschine, die von Position A auf Position B umgeschaltet wird. »Es – muß – schon – Tag – sein«, sagt der Junkie. Oder jedenfalls das Tonband in seinem Kopf, das ihm seine Anweisungen vorspielt. Der Geist eines Junkies ist wie die Musik, die du aus dem Radiowecker hörst … manchmal klingt sie ja hübsch, aber sie ist nur dazu da, dich zu etwas ganz Bestimmtem zu veranlassen. Die Musik aus dem Radiowecker soll dich aufwecken; die Musik des Junkies soll dich in ein Werkzeug zur Beschaffung von immer mehr Stoff verwandeln, ein Werkzeug, das der Junkie so einsetzt, wie es ihm nützt. Er, der selber eine Maschine ist, wird dich in seine Maschine verwandeln.

Jeder Junkie, dachte er, ist eine Bandaufnahme.

Wieder döste er vor sich hin und sann dabei über diese häßlichen Dinge nach. Und wenn der Junkie eine Puppe ist, dann hat er schließlich nichts zu verkaufen als seinen Körper. Wie Connie, dachte er; Connie, die hier neben mir liegt.