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Er öffnete seine Augen und drehte sich zu dem Mädchen neben sich um – und sah Donna Hawthorne.

Mit einem Ruck setzte er sich im Bett auf. Donna! dachte er. Er konnte ihr Gesicht deutlich erkennen. Ein Irrtum war unmöglich. Herr im Himmel! dachte er und tastete nach der Lampe auf dem Nachttisch. Seine Finger stießen dagegen; die Lampe kippte um und fiel zu Boden. Das Mädchen merkte nichts davon, sondern schlief ruhig weiter. Immer noch starrte er sie an, und dann, ganz allmählich, sah er wieder Connie, sah ihr scharfgeschnittenes, kantiges Gesicht mit den eingefallenen Wangen, das hagere, düstere Gesicht eines völlig ausgemergelten Junkies – Connie und nicht Donnas; das eine Mädchen und nicht das andere.

Niedergeschlagen ließ er sich wieder zurücksinken, dämmerte wieder ein bißchen weg und fragte sich, was das wohl bedeuten mochte, wieder und wieder, bis sich seine Gedanken in der Dunkelheit verloren.

»Ich hab’ mir nie was draus gemacht, daß er gestunken hat«, murmelte das Mädchen neben ihm irgendwann später verträumt im Schlaf. »Ich habe ihn trotzdem geliebt.«

Er fragte sich, wen sie damit meinte. Ihren ersten Freund? Ihren Vater? Ein heißgeliebtes Spielzeugtier aus ihren Kindertagen? Vielleicht sie alle, dachte er. Aber die Worte hatten »Ich habe ihn geliebt« gelautet, nicht »Ich liebe ihn«. Offenbar gab es diesen Er, wer oder was auch immer er gewesen sein mochte, jetzt nicht mehr. Vielleicht, überlegte Arctor, haben sie (wer immer sie sein mochten) Connie dazu gezwungen, ihn rauszuwerfen, weil er so übel stank.

Durchaus möglich. Er fragte sich, wie alt sie damals wohl gewesen war, dieses verbrauchte Junkie-Mädchen, das neben ihm schlummerte und im Traum ihren Erinnerungen nachhing.

X

In seinem Jedermann-Anzug saß Fred vor einer Batterie wirbelnder Holo-Schirme und beobachtete, wie Jim Barris in Bob Arctors Wohnzimmer ein Buch über Pilze las. Warum über Pilze? fragte sich Fred und spulte die Bänder im Schnellvorlauf eine Stunde weit vor. Barris saß auch jetzt noch da, las mit großer Konzentration und machte sich Notizen.

Kurz darauf legte Barris das Buch weg und ging aus dem Haus, wobei er den Erfassungsbereich der Kameras verließ. Als er zurückkam, trug er eine kleine Packpapier-Tüte bei sich, die er auf den Kaffeetisch stellte und öffnete. Er entnahm ihr einige getrocknete Pilze, die er sodann einen nach dem anderen mit den Farbfotos in dem Buch verglich. Mit einer für ihn ungewöhnlichen, übertrieben anmutenden Akribie überprüfte er jeden einzelnen Pilz. Schließlich schob er einen erbärmlich aussehenden Pilz beiseite und füllte die anderen wieder in die Tüte; aus der Hosentasche holte er eine Handvoll leerer Kapsein und fing an, den von ihm auserkorenen Pilz sorgfältig zu zerbröseln und die Bröckchen in die Kapseln zu füllen, die er dann verschloß.

Nachdem Barris damit fertig war, klemmte er sich ans Telefon. Da der Apparat angezapft war, wurden die Nummern, die er wählte, automatisch registriert.

»Hallo, hier ist Jim.«

»Und?«

»Ich hab’ was.«

»In echt?«

»Psilocybe mexicana. «

»Was ‘n das?«

»Ein seltener halluzinogener Pilz, der seit Tausenden von Jahren von südamerikanischen Geheimkulten verwendet wird. Du fliegst, du wirst unsichtbar, verstehst die Sprache der Tiere –«

»Nein danke.« Klick.

Erneutes Wählen. »Hallo, hier ist Jim.«

»Jim? Jim wer?«

»Der mit dem Bart … grüne Sonnenbrille, Lederhose. Wir haben uns mal auf ‘nem Happening bei Wanda –«

»Oh yeah. Jim. Yeah«

»Wärst du interessiert, organische Psychedelics zu kaufen?«

»Hm, ich weiß nicht so recht…« Unsicherheit. »Sag’ mal – spricht da wirklich Jim? Du klingst gar nicht wie Jim.«

»Ich hab’ da was Unglaubliches, einen seltenen organischen Pilz aus Südamerika, den indianische Geheimkulte seit Tausenden von Jahren benutzen. Du fliegst, wirst unsichtbar, dein Wagen verschwindet, du bist in der Lage, die Sprache der Tiere zu verstehen –«

»Mein Wagen verschwindet sowieso dauernd. Nämlich immer dann, wenn ich ihn im Parkverbot abstelle und die Bullen ihn abschleppen lassen. Haha.«

»Ich kann dir vielleicht sechs Kapseln mit diesem Psilocybe geben.«

»Wie teuer?«

»Fünf Dollar pro Kapsel.«

»Horrorshow! Ohne Witz? Hey, sollen wir uns nicht gleich nachher irgendwo treffen?« Dann Argwohn. »Hör’ mal, ich glaube, jetzt erinnere ich mich wieder an dich; du hast mich doch mal abgelinkt. Und woher hast du diese Pilz-Hits überhaupt? Woher weiß ich, daß das kein müdes Acid ist?«

»Sie sind im Innern eines tönernen Götzenbildes in die USA gebracht worden«, sagte Barris. »Als Teil einer sorgfältig bewachten Lieferung für ein Museum. Das Götzenbild mit den Pilzen war besonders gekennzeichnet. Die Zollschweine haben nicht den geringsten Verdacht geschöpft.« Barris fügte hinzu: »Wenn du davon nicht abhebst, dann kriegst du dein Geld wieder.«

»Da hab’ ich auch was von, wenn die Dinger mein Gehirn angefressen haben und ich mich von Baum zu Baum schwinge.«

»Ich hab’ selbst vor zwei Tagen einen eingepfiffen«, sagte Barris. »Um den Stoff anzutesten. War der beste Trip, den ich jemals gehabt hab’. Farben über Farben. Besser als Meskalin, echt. Ich will nicht, daß meine Kunden gelinkt werden. Ich teste mein Zeug immer selbst. Alles mit Garantie.«

Ein anderer Jedermann-Anzug war hinter Fred getreten und betrachtete jetzt auch den Holo-Schirm. »Womit geht er hausieren? Meskalin, hat er gesagt?«

»Er hat vorhin Pilze in Kapseln gefüllt«, sagte Fred. »Entweder er selbst oder jemand anderes muß sie hier in der Gegend gesammelt haben.«

»Manche Pilze sind hochgiftig«, sagte der Jedermann-Anzug hinter Fred.

Ein dritter Jedermann-Anzug löste sich von seinen Holo-Monitoren und gesellte sich zu ihnen. »Bestimmte Amanita-Pilze enthalten gleich vier verschiedene Gifte auf einen Schlag – alles Wirkstoffe, die die roten Blutkörperchen knacken. Es dauert zwei Wochen, bis man endlich stirbt, und es gibt kein Gegengift. Ein unvorstellbar schmerzhafter Tod. Nur ein Fachmann kann bei wildwachsenden Pilzen mit Bestimmtheit sagen, was er da eigentlich gesammelt hat.«

»Ich weiß«, sagte Fred und notierte sich die abteilungsinternen Kennziffern dieses Bandabschnitts.

Barris wählte schon wieder.

»Wegen was kann man ihn dafür eigentlich belangen?« sagte Fred.

»Wegen irreführender Werbung«, sagte einer der anderen Jedermann-Anzüge, und beide lachten und kehrten an ihre eigenen Schirme zurück. Fred beobachtete weiter.

Auf Holo-Monitor Vier öffnete sich die Vordertür des Hauses, und ein ziemlich entmutigt wirkender Bob Arctor trat ein. »Hi.«

»Howdy«, sagte Barris, sammelte rasch seine Kapseln ein und stopfte sie sich in die Tasche. »Na, bist du bei Donna weitergekommen?« kicherte er. »Vielleicht sogar an mehreren Angriffspunkten, eh?«

»Schnauze«, sagte Arctor und verschwand von Holo-Monitor Vier, nur um einen Moment später in seinem Schlafzimmer in den Erfassungsbereich von Kamera Fünf zu treten. Nachdem er die Tür mit einem Tritt hinter sich ins Schloß befördert hatte, holte Arctor eine Reihe von Plastikbeuteln hervor, die mit weißen Tabletten gefüllt waren; er blieb einen Augenblick lang unentschlossen mitten im Raum stehen und stopfte sie dann unter das Bettzeug, um sie vor neugierigen Blicken zu verbergen. Dann erst zog er sich den Mantel aus. Er wirkte müde und deprimiert; tiefe Linien hatten sich in sein Gesicht eingegraben.

Eine Weile saß Bob Arctor nun auf der Kante seines ungemachten Betts, ganz allein. Schließlich schüttelte er den Kopf, erhob sich, stand unentschlossen da … dann strich er sich das Haar glatt und verließ das Zimmer, um wieder zu Barris zu gehen, wodurch er erneut in den Bereich der zentralen Wohnzimmerkamera kam. Während dieser Zeit war Kamera Zwei Zeuge gewesen, wie Barris die braune Tüte mit den Pilzen unter den Polstern der Couch versteckt und das pilzkundliche Buch zurück in das Bücherregal gestellt hatte, wo es nicht auffallen würde.