An diesem Punkt wußte der Schlosser, daß er einen Junkie-Schuldner hatte, der ihm einen faulen Scheck ausgeschrieben hatte und sich einen Scheiß darum kümmerte und gar nicht die Absicht hatte, seine Schulden zu begleichen. Und der Junkie verhielt sich so, weil der Drogenkonsum ihn offenbar so hatte ausklinken und durchdrehen lassen, daß das alles für sein zerstörtes Gehirn völlig bedeutungslos war. Und das war eine Beleidigung für Amerika. Ein Maul voll Spucke in das Gesicht von Gottes eigenem Land.
Tatsächlich hatte Barris mit seiner letzten Bemerkung sogar fast wörtlich Tim Learys berühmt-berüchtigte Herausforderung an das Establishment und alle Spießer zitiert. Und der Orange County war voll von rechtschaffenen Bürgern mit Gewehren und Revolvern, die nur darauf warteten, daß mal einer dieser bärtigen Doper das Maul zu weit aufriß.
Barris hatte Arctor eine Zielscheibe umgehängt und ihn zum Abschuß freigegeben. Wenn er Glück hatte, bekam er nur wegen des ungedeckten Schecks einen Schuß vor den Bug. Wenn er aber Pech hatte – nun, dann erwartete ihn vielleicht eine richtige Kugel. Und Arctor ahnte nicht einmal, was sich da über seinem Haupt zusammenbraute.
Warum? fragte sich Fred. Auf seinem Notizblock hielt er die Kennziffer dieser Bandsequenz fest; außerdem notierte er auch die Nummer des Tonbandes, auf dem das abgehörte Gespräch aufgezeichnet worden war. Was wollte Barris Arctor damit bloß heimzahlen? Was hatte Arctor ihm getan? Arctor muß ihn ziemlich übel abgelinkt haben, dachte Fred, wenn Barris so etwas tut. Das ist reine Bosheit. Billig, mies und gemein.
Dieser komische Barris, dachte er, ist ein Arschloch. Durch sein Verhalten wird er den Tod eines Menschen verursachen.
Einer der Jedermann-Anzüge, die bei Fred im Kontroll-Zentrum waren, riß ihn aus seinen Gedanken. »Kennst du diese Typen eigentlich persönlich?« Der Anzug deutete auf die jetzt leeren Holo-Schirme vor Fred. »Bist du in deiner Tarnidentität einer von denen?«
»Jau«, sagte Fred.
»Es wäre bestimmt keine schlechte Idee, sie in irgendeiner Form davor zu warnen, daß er sie mit den giftigen Pilzen, mit denen er hausieren geht, ganz schön in Gefahr bringt, dieser Clown mit der grünen Sonnenbrille. Kannst du ihnen das unterjubeln, ohne daß deine Tarnung dabei draufgeht?«
Der andere Jedermann-Anzug in Freds Nähe rief von seinem Drehstuhl aus herüber: »Wenn einer von ihnen auf einmal unter heftiger Übelkeit leiden sollte – das ist manchmal ein Anzeichen für Pilzvergiftung.«
»Ähnlich wie bei Strychnin?« sagte Fred. Es durchfuhr ihm eiskalt, als er vor seinem inneren Auge noch einmal den Kimberly Hawkins-Tag abspulte, den Hundescheiße-Tag, und er sich an die schlagartig einsetzende Übelkeit erinnerte, an seinen Zusammenbruch in seinem Wagen –
Seinen.
»Ich werd’s Arctor erzählen«, sagte er. »Ich kann’s ihm bestimmt verklickern, ohne daß er Verdacht schöpft. Er ist fügsam und gelehrig.«
»Und häßlich«, sagte einer der Jedermann-Anzüge. »Das war doch Arctor, dieses abgehalfterte Individuum, das mit hängenden Schultern zur Tür ‘reinkam?«
»Öh«, sagte Fred und drehte sich wieder den Schirmen zu. Oh verdammt, dachte er, der Tag, an dem Barris uns am Straßenrand die Tabletten gegeben hat –
Sein Geist versank in einem Malstrom, wirbelte durch zwei Trips zur gleichen Zeit und zerbrach dann in zwei Hälften. Das nächste, an das er sich erinnern konnte, war, daß er im Waschraum des Kontroll-Zentrums stand, in der Hand eine Blechtasse voll Wasser und sich den Mund ausspülte, allein an einem Ort, wo er nachdenken konnte. Wenn man es genau nimmt, bin ich Arctor, dachte er. Ich bin der Mann auf den Schirmen, der Verdächtige, den Barris durch sein hinterfotziges Telefongespräch mit dem Schlosser in Teufels Küche gebracht hat, und trotzdem habe ich mich gefragt, was Arctor wohl angestellt haben mag, daß Barris ihn unbedingt fertigmachen will! Ich bin bematscht; mein Gehirn ist bematscht. Das hier ist nicht wirklich – kann nicht wirklich sein. Das, was ich beobachte, bin ich – ist Fred. Das da auf den Schirmen war Fred ohne seinen Jedermann-Anzug; so sieht Fred ohne den Anzug aus!
Und Fred war es auch, so begriff er nun, der kürzlich fast mit giftigen Pilzstückchen erledigt worden wäre. Er hätte es fast nicht bis hierher in sein Kontroll-Zentrum geschafft, um diese Holobänder zu sichten. Aber jetzt hatte er sie gesichtet.
Jetzt hatte Fred eine Chance. Auch wenn sie nur hauchdünn war.
Wirklich ein total verrückter Job, den die mir da gegeben haben, dachte er. Ein Scheißjob. Aber wenn ich ihn nicht machen würde, dann würde ein anderer an meine Stelle treten, und sie könnten das alles ganz falsch verstehen. Sie würden ihn im Namen der Gerechtigkeit in den Knast stecken; sie würden ihn mit Dope spicken und ihn dann einfach einsammeln. Wenn also schon irgend jemand sein Haus beobachten muß, dachte er, dann ist es immer noch am besten, wenn ich dieser Jemand bin, trotz der damit verbundenen Nachteile; allein schon die Tatsache, daß ich auf diese Weise Barris unter Kontrolle halten und seine Umgebung vor diesem ausgeflippten Scheißkerl schützen kann, rechtfertigt das.
Und wenn irgendein anderer Polizist, der Barris’ Aktionen auf dem Monitor überwacht, das sieht, was ich wahrscheinlich noch alles sehen werde, dann werden sie zu dem Schluß kommen, daß Arctor der größte Drogen-Zwischenhändler im Westen der USA ist, und empfehlen, daß er – Herr im Himmel! – ohne Gerichtsverfahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgeschaltet wird. Von unseren geheimen Kommandoeinheiten. Den Männern in Schwarz, die wir von der Ostküste anfordern und die meist auf Zehenspitzen durch die Gegend schleichen und mit weittragenden Winchester 803 ausgerüstet sind. Und mit den neuen Infrarot-Zielfernrohren für Heckenschützen und der Vollsynchronisation für EE-Schrapnellgeschosse. Den Männern, die überhaupt nicht bezahlt werden, nicht einmal von einer Dr. Pepper-Maschine; sie dürfen nur eines Tages Pinnchen ziehen, und wer gewinnt, der ist der nächste Präsident der USA. Mein Gott, dachte er, diese Scheißkerle können ein vorüberfliegendes Flugzeug abschießen. Und das Ganze so aussehen lassen, als habe einer der Motoren einen Schwarm Vögel angesaugt. Diese EE-Schrapnellgeschosse – oh verdammt, Mann, dachte er; es würden sogar Federspuren in den Trümmern der Motoren zurückbleiben, wenn man die Geschosse entsprechend präparierte!
Das ist ungeheuerlich, dachte er, als er darüber nachsann. Arctor nicht bloß als Verdächtiger, sondern Arctor als … was auch immer. Zielscheibe. Ich werde ihn weiter beobachten; Fred wird weiter seine Fred-Nummer abziehen; dann wird sich alles zum Guten wenden. Ich kann edieren und interpretieren und auch sonst eine Menge tun, so auf die Tour »Wir warten doch besser noch ab, bis er schließlich …« Als er das begriff, warf er die Blechtasse weg und tauchte wieder aus dem Waschraum des Kontroll-Zentrums auf.
»Du siehst ja ziemlich angeschossen aus«, sagte einer der Jedermann-Anzüge zu ihm.
»Tja«, sagte Fred, »mir ist da was Komisches passiert auf dem Weg zum Grab.« Vor seinem inneren Auge sah er ein Bild des Ultraschall-Richtstrahlprojektors, der einen tödlichen Herzanfall bei einem neunundvierzigjährigen Bezirksstaatsanwalt ausgelöst hatte, gerade als dieser im Begriff war, die Untersuchungen im Fall eines schrecklichen und berühmt gewordenen politischen Meuchelmordes, der sich hier in Kalifornien ereignet hatte, erneut zu eröffnen. »Ich hätt’s fast erreicht«, sagte er laut.
»Fast ist fast«, sagte der Jedermann-Anzug. »Aber eben nicht ganz.«
»Oh«, sagte Fred. »Yeah. Richtig.«
»Setz’ dich«, sagte ein Jedermann-Anzug, »und mach’ dich wieder an die Arbeit, oder der nächste Zahltag ist dein letzter, und so hoch ist die Arbeitslosenunterstützung auch wieder nicht.«
»Kannst du dir vorstellen, diesen Job anzugeben, wenn sie dich nach deiner letzten Arbeitsstelle –« begann Fred, aber die beiden Jedermann-Anzüge waren nicht zu Scherzen aufgelegt und hörten nicht einmal zu. Darum setzte er sich wieder und zündete sich eine Zigarette an. Und ließ die Batterie der Holos erneut anlaufen.