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Aber niemand tauchte auf. Luckman – das wußte Fred, weil er sich schon längere Zeit vor den Schirmen aufhielt – hatte sich stereo mit einer Handvoll Reds und einer Ladung Substanz T vollgepumpt und war, noch immer vollständig angezogen, in seinem Schlafzimmer bewußtlos geworden, nur ein paar Schritte von seinem Bett entfernt. Barris war überhaupt nicht zu Hause.

Was macht Arctor da bloß? fragte sich Fred und notierte sich die Kennziffern dieser Bandabschnitte. Er wird immer seltsamer. Jetzt verstehe ich erst, was der Informant, der wegen Arctor anrief, gemeint hat.

Oder, überlegte er, könnten die Sätze, die Arctor laut ausgesprochen hat, der akustische Auslöser für irgendeine elektronische Apparatur sein, die er im Haus installiert hat? An oder aus. Vielleicht erzeugt diese Apparatur sogar ein Interferenzfeld, das die Funktion der Abtastkameras stört … und damit unsere Überwachungstätigkeit. Aber er zweifelte daran. Zweifelte daran, daß Arctors Handlungsweise überhaupt verstandesmäßig erklärbar war oder einen Zweck oder eine Bedeutung hatte – außer für Arctor selbst.

Der Typ ist verrückt, dachte er. Echt verrückt. Seit dem Tag, da er die Schäden an seinem Cephskop entdeckte – spätestens aber von dem Tag an, als er von der Fahrt heimkam, auf der er merkte, daß jemand an seinem Wagen rumgebastelt hatte, und zwar so, daß er dadurch beinahe draufgegangen wäre –, verhält er sich permanent wie ein Irrer. Bis zu einem gewissen Grad auch schon früher, dachte Fred. Aber permanent jedenfalls seit dem »Hundescheiße-Tag«, wie Fred diesen Tag seines Wissens nach nannte.

Eigentlich konnte man ihm deswegen sogar nicht einmal Vorwürfe machen. So etwas, überlegte Fred, während er beobachtete, wie Arctor sich müde aus seinem Mantel schälte, würde jeden um den Verstand bringen. Aber die meisten Leute würden nach einiger Zeit wieder einklinken. Nicht so Arctor. Bei ihm wird’s immer schlimmer. Jetzt liest er doch tatsächlich schon laut Botschaften vor, die gar nicht existieren, und das, obwohl keiner da ist, der sie hören könnte. Und noch dazu in fremden Zungen.

Oder will er mich vielleicht nur bluffen? dachte Fred unbehaglich. Hat er irgendwie herausgefunden, daß er unter permanenter Überwachung steht … und tut er nur so, als sei er verrückt, weil er dadurch von seinen wirklichen Aktivitäten ablenken will? Oder spielt er einfach nur irgendwelche ausgeflippten Spielchen mit uns? Die Zeit, entschied er, wird es an den Tag bringen.

Also wenn man mich fragt, dachte Fred, spielt er uns etwas vor. Manche Leute spüren, wenn sie beobachtet werden. Ein sechster Sinn. Nicht Paranoia, sondern ein primitiver Instinkt: da, was eine Maus hat, jedes gejagte Ding. Es weiß, daß sich jemand anschleicht. Es spürt das. Arctor zieht extra für uns eine Nummer ab, foppt uns. Aber andererseits kann man sich da nie ganz sicher sein. Es gibt Bluffs, unter denen sich noch andere Bluffs verbergen. Unter jeder Schicht liegt immer noch eine weitere.

Der Klang von Arctors obskurer Lesung hatte Luckman geweckt. Die Kamera in seinem Schlafzimmer zeigte, wie er sich benommen aufsetzte und lauschte. Dann vernahm er den Lärm, der entstand, als Arctor beim Aufhängen seines Mantels einen Kleiderbügel fallen ließ. Luckman ließ seine langen, muskulösen Beine unter sich gleiten und griff nach einer Handaxt, die er immer auf dem Tisch neben seinem Bett liegen hatte; er stand jetzt aufrecht und bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Tieres auf die Tür seines Schlafzimmers zu.

Im Wohnzimmer nahm Arctor die Post vom Kaffeetisch und blätterte sie durch. Er warf eine kitschige Reklamesendung in Richtung Papierkorb, verfehlte ihn aber.

In seinem Schlafzimmer hörte Luckman das. Er versteifte sich und hob den Kopf, als wolle er eine Witterung aufnehmen.

Arctor, der die Post las, machte plötzlich ein finsteres Gesicht und sagte: »Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt.«

In seinem Schlafzimmer entspannte Luckman sich, legte die Axt mit einem lauten Klirren beiseite, glättete sein Haar, öffnete die Tür und trat hinaus. »Hi. Was gibt’s Neues?«

Arctor sagte: »Ich bin heute am Gebäude der Maylar Mikropunkt AG vorbeigekommen.«

»Erzähl mir doch keinen vom Pferd.«

»Sie waren gerade dabei, Inventur zu machen«, sagte Arctor. »Aber anscheinend hatte einer der Angestellten die ganzen Inventurlisten am Absatz seines Schuhs nach draußen geschleppt. Darum hechelte die ganze Belegschaft draußen auf dem Parkplatz der Maylar Mikropunkt AG herum, mit Pinzetten und einer Unmenge von Lupen. Und einer kleinen Papiertüte.«

»Gab’s auch ‘ne Prämie für den ehrlichen Finder?« sagte Luckman gähnend und schlug sich mit den Handflächen auf seinen flachen, harten Bauch.

»Klar hatten die ‘ne Belohnung ausgesetzt«, sagte Arctor. »Nur hatten sie die auch verloren. Es war nämlich ‘n winzig kleiner Penny.«

Luckman sagte: »Du siehst ‘ne ganze Menge merkwürdiger Sachen, wenn du so durch die Gegend fährst, ja?«

»Nur in Orange County«, sagte Arctor.

»Wie groß ist eigentlich das Gebäude dieser Maylar Mikropunkt AG?«

»Knapp drei Zentimeter«, sagte Arctor.

»Und was schätzt du, daß es wiegt?«

»Mit oder ohne Belegschaft?«

Fred ließ das Band im Schnellvorlauf vorwärtsschießen. Als die Skalen anzeigten, daß eine Stunde verstrichen war, hielt er es für einen Augenblick an.

»– ungefähr zehn Pfund«, sagte Arctor gerade.

»Sag’ mal, wenn das Gebäude nur drei Zentimeter groß ist und nur zehn Pfund wiegt, wieso hast du es dann überhaupt bemerkt?«

Arctor, der jetzt auf der Couch saß und die Füße hochgelegt hatte, sagte: »Sie haben ein großes Firmenschild.«

Herr im Himmel! dachte Fred und spulte das Band erneut vorwärts. Aus einem vagen Impuls heraus hielt er es nach nur zehn Minuten real verstrichener Zeit an.

»– wie sieht dieses Firmenschild aus?« sagte Luckman gerade. Er saß auf dem Fußboden und reinigte eine Katzengras-Kiste. »Neon oder so? Farben? Ich überleg’ mir die ganze Zeit, ob ich’s vielleicht schon mal gesehen hab’ Fällt es einem sofort ins Auge?«

»Hier, ich werd’s dir zeigen«, sagte Arctor und langte in die Brusttasche seines Hemdes. »Ich hab’s mitgebracht.«

Wieder schaltete Fred auf Schnellvorlauf.

»– weißt du eigentlich, wie man Mikropunkte in jedes beliebige Land schmuggeln könnte, ohne daß irgendwer was spitzkriegen würde?« sagte Luckman gerade.

»Wahrscheinlich auf jedem beliebigen Weg«, sagte Arctor und lehnte sich bequem zurück. Er rauchte einen Joint, und eine dicke Qualmwolke verfinsterte das Wohnzimmer.

»Nein, ich meine einen Weg, auf den nie jemand kommen würde«, sagte Luckman. »Barris hat ihn mir eines Tages mal verraten, unter dem Siegel der Verschwiegenheit; ich sollte keinem was davon erzählen, weil er es in seinem Buch verarbeiten will.«

»Was für ein Buch? Kleine Dopekunde für –«

»Nein. Einfache Tricks, um x-beliebige Objekte in die Vereinigten Staaten einzuschmuggeln oder auch wieder hinaus, je nachdem, in welcher Richtung man die Grenze überquert. Man schmuggelt sie mit einer Lieferung Dope ein. Zum Beispiel mit Heroin. Die Mikropunkte sind in den Päckchen drin. Keiner würde das merken, weil sie so klein sind. Sie würden nicht –«