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Arctor sagte: »Ich möchte zu gerne wissen, wem eigentlich das Gesicht auf der hysterischen Fünf-Dollar-Note gehört.«

»Tja, wer war unser hysterischster Präsident?«

»Bill Falkes. Er glaubte bloß, er sei Präsident.«

»Und wann, dachte er, sei seine Amtszeit gewesen?«

»Er bildete sich ein, er sei für zwei Amtsperioden im Amt gewesen, so ungefähr um 1882. Später, nachdem er sich einer längeren Therapie unterzogen hatte, kam er immerhin so weit, daß er bloß noch glaubte, es sei nur eine Amtszeit gewesen –«

Wutentbrannt schlug Fred auf die Bedienungselemente der Holos und ließ die Bänder zweieinhalb Stunden vorwärts jagen. Wie lange geht dieser Rotz denn noch weiter? fragte er sich. Den ganzen Tag? Bis in alle Ewigkeit?

»– also bringst du dein Kind zum Doktor – zum Psychologen – und erzählst ihm, daß dein Kind die ganze Zeit über schreit und Wutanfälle hat.« Vor Luckman auf dem Kaffeetisch lagen neben einer Dose Bier zwei Beutel mit Grass; er unterzog gerade das Grass einer genauen Überprüfung. »Und es lügt; das Kind lügt. Erfindet übertriebene Geschichten. Und der Psychologe untersucht das Kind, und seine Diagnose lautet: ›Gnädige Frau, Ihr Kind ist hysterisch. Sie haben ein hysterisches Kind. Aber ich kann Ihnen leider auch nicht sagen, woran das liegt.‹ Und dann merkst du, die Mutter, daß deine große Stunde gekommen ist, und du jubelst ihm die Wahrheit ganz locker unter den Kitteclass="underline" ›Ich weiß, woran das liegt, Herr Doktor. Nämlich daran, daß ich eine hysterische Schwangerschaft hatte.‹ Luckman und Arctor lachten beide, und auch Jim Barris fiel in ihr Gelächter ein; er war irgendwann während der letzten zwei Stunden zurückgekommen und saß bei ihnen. Er arbeitete wieder an seiner irren Hasch-Pfeife; er war immer noch nicht fertig, den Pfeifenkopf mit weißem Bindfaden zu umwickeln.

Wieder spulte Fred das Band um eine volle Stunde vor.

»– dieser Typ«, sagte Luckman gerade und strich vorn­übergebeugt das Grass in einer kleinen Schachtel glatt, während Arctor ihm gegenübersaß und ihm mit halbem Auge dabei zuschaute, »trat im Fernsehen auf und behauptete von sich, ein weltberühmter Hochstapler zu sein. Im Laufe seiner Karriere, so erzählte er dem Interviewer, sei er in einer Vielzahl von Rollen aufgetreten, unter anderem als berühmter Chirurg vom John Hopkins Medical College, als Physiker, der mit einem staatlichen Forschungsstipendium in Harvard an der Theorie hochbeschleunigter subatomarer Teilchen arbeitete, als ein finnischer Romancier, der den Literaturnobelpreis gewonnen hatte, als abgesetzter argentinischer Staatspräsident, der jetzt verheiratet war mit –«

»Und mit dem allen ist er durchgekommen?« fragte Arctor. »Man hat ihn nie erwischt?«

»Der Typ hat sich nie als irgendeiner dieser Leute ausgegeben. Er hat sich nie als irgendwas ausgegeben, außer als weltberühmter Hochstapler. Das kam später durch einen Artikel in der L. A. Times heraus – die hatten die Geschichte nachgeprüft. Der Typ war ‘n einfacher Besenschwinger in Disneyland, oder jedenfalls war er das so lange gewesen, bis er die Autobiographie eines weltberühmten Hochstaplers in die Finger kriegte –es gab nämlich wirklich mal so einen – und sich sagte: ›Zum Teufel, wenn der sich als diese ganzen exotischen Macker ausgibt und damit durchkommt, dann kann ich das schon lange‹, aber später hat er sich’s wohl anders überlegt und sich gesagt: ›Zum Teufel, was soll das eigentlich; ich werd’ mich einfach als Hochstapler ausgeben!‹ Er hat auf diese Weise ‘ne Menge Moos gemacht, stand in der Times. Fast so viel wie der echte weltberühmte Hochstapler. Und er sagte, es wäre so doch viel einfacher gewesen.«

Barris, der in seiner Ecke immer noch Bindfaden aufwickelte, sagte wie zu sich selbst: »Auch wir sehen ab und an Hochstapler. In unserer nächsten Umgebung. Aber sie geben sich nicht als Physiker für subatomare Teilchen aus.«

»Rauschgift-Agenten, meinst du«, sagte Luckman. »Yeah, Rauschgift-Agenten. Ich frage mich manchmal, wie viele Rauschgift-Agenten wir kennen. Wie sieht so ein Rauschgift-Agent eigentlich aus?«

»Das ist ja, als würdest du fragen: Wie sieht so ein Hochstapler eigentlich aus?« sagte Arctor. »Ich hab’ mich mal mit einem großen Hasch-Dealer unterhalten, der hopsgenommen worden war, als er gerade zehn Pfund Hasch in seiner Tasche hatte. Ich hab’ ihn gefragt, wie der Rauschgift-Agent, der ihn hatte auffliegen lassen, denn aussah. Ihr wißt schon, der – na, wie sagt man doch gleich? – der Lockvogel, der auftrat und sich als Freund eines Freundes ausgab und ihn dazu brachte, ihm etwas Hasch zu verkaufen.«

»Wahrscheinlich«, sagte Barris und wickelte weiter Bindfaden auf, »ganz genau so wie wir.«

»Viel echter als wir«, sagte Arctor. »Dieser Macker, dieser Hasch-Dealer, meine ich – er war übrigens schon verknackt worden und mußte am nächsten Tag in den Kahn –, der erzählte mir: ›Sie haben längere Haare als wir.‹ Und die Lehre, die man daraus ziehen kann, ist wohclass="underline" Halte dich bloß von Typen fern, die so aussehen wie wir.«

»Es gibt auch weibliche Rauschgift-Agenten«, sagte Barris.

»Ich möchte gerne mal einen Rauschgift-Agenten kennenlernen«, sagte Arctor. »Ich meine, bewußt. Einen, bei dem ich mit Bestimmtheit weiß, daß es einer ist.«

»Tja«, sagte Barris, »mit Bestimmtheit würdest du das erst wissen, wenn er dir die Handschellen anlegt. Falls es mal so weit kommt.«

Arctor sagte: »Was mich interessieren würde … haben Rauschgift-Agenten eigentlich Freunde? Wie sieht ihr gesellschaftliches Leben aus? Wissen ihre Ehefrauen Bescheid?«

»Rauschgift-Agenten haben keine Ehefrauen«, sagte Luckman. »Sie leben in Höhlen und spähen unter geparkten Wagen hinter dir her, wenn du vorübergehst. Wie Trolle.«

»Und was essen sie?« sagte Arctor.

»Menschen«, sagte Barris.

»Wie kann ein Typ das bloß machen?« sagte Arctor. »Sich als Rauschgift-Agent ausgeben?«

»Was?« sagten Barris und Luckman wie aus einem Munde.

»Scheiße, ich bin heute echt ausgeklinkt«, sagte Arctor mit einem schiefen Grinsen. »›Sich als Rauschgift-Agent ausgeben‹ – wow.« Er schüttelte in komischer Verzweiflung den Kopf.

Luckman starrte ihn an. »SICH ALS RAUSCHGIFT-AGENT AUSGEBEN? SICH ALS RAUSCHGIFT-AGENT AUSGEBEN?«

»Ich glaub’, mein Gehirn ist heute eine einzige Motsche«, sagte Arctor. »Ich hau’ mich besser in die Falle. «

Vor den Schirmen unterbrach Fred den Bandvorlauf; alle Bildwürfel gefroren, und der Ton erstarb.

»Machste ‘ne Pause, Fred?« rief einer der anderen Jedermann-Anzüge zu ihm hinüber.

»Yeah«, sagte Fred. »Ich bin müde. Dieser Scheiß geht einem nach ‘ner Weile ganz schön auf den Geist.« Er stand auf und zündete sich eine Zigarette an. »Ich kapier’ schon nicht mehr die Hälfte von dem, was sie sagen, so müde bin ich. Und ich hab’s satt«, fügte er hinzu, »ihnen zuzuhören.«

»Wenn man selbst dabeisitzt«, sagte ein Jedermann-Anzug, »ist es längst nicht so schlimm; richtig? Ich nehm’ doch an, daß du dabeigesessen hast – daß du einer aus dieser Gruppe bist, natürlich in einer Tarnidentität. Stimmt’s?«

»Ich würde nie mit Spinnern wie denen da rumhängen«, sagte Fred. »Die reden doch nur immer und immer wieder das gleiche, wie senile alte Opas. Warum machen sie das eigentlich, dauernd nur rumsitzen und Scheiß labern?«

»Warum machen wir das, was wir machen? Im Grunde genommen ist das doch auch immer wieder das gleiche, wenn man’s sich mal genau anschaut.«

»Aber wir müssen das machen; das ist unser Job. Wir können uns das nicht aussuchen.«

»Wie senile alte Opas«, warf ein Jedermann-Anzug ein. »Die können sich das auch nicht aussuchen. Die sind einfach so.«

Sich als Rauschgift-Agent ausgeben, dachte Fred. Was bedeutet das? Keiner weiß das …