»Im nächsten Test werden sich in Reichweite Ihrer linken Hand mehrere Buchstaben befinden, die zusammen ein Wort ergeben, die Sie aber nicht sehen können. Sie werden diese Buchstaben ertasten und dann mit Ihrer rechten Hand das von den Buchstaben gebildete Wort aufschreiben.«
Er tat das. Die Buchstaben ergaben das Wort WARM.
»Sprechen Sie bitte nun das Wort aus, das sich ergibt.«
Also sagte er: »Warm.«
»Als nächstes werden Sie in diese vollständig dunkle Schachtel hineinlangen, während zugleich beide Augen abgedeckt sind, und mit Ihrer linken Hand ein Objekt berühren, um es zu identifizieren. Sagen Sie uns dann, worum es sich bei diesem Objekt handelt, ohne es visuell wahrgenommen zu haben. Danach werden Ihnen drei Objekte gezeigt werden, die einander irgendwie ähnlich sehen, und Sie sollen uns sagen, welches der drei Objekte, die Sie sehen, am stärksten dem Objekt ähnelt, das Sie mit der Hand berührt haben.«
»Okay«, sagte Fred und absolvierte auch diesen und viele weitere Tests, fast eine Stunde lang. Tasten, benennen, mit einem Auge betrachten, auswählen. Tasten, benennen, mit dem anderen Auge betrachten, auswählen. Hinschreiben, zeichnen.
»In dem nun folgenden Test werden Sie, während Ihre Augen wieder abgedeckt sind, hinauslangen und mit jeder Ihrer beiden Hände jeweils ein Objekt fühlen. Sie sollen uns sagen, ob das Objekt, das Ihrer linken Hand präsentiert wird, mit dem identisch ist, das Ihrer rechten präsentiert wird.«
Er tat das.
»Hier nun in schneller Folge Bilder von Dreiecken in verschiedenen Positionen. Sie sollen uns sagen, ob es dasselbe Dreieck ist oder –«
Nach zwei Stunden ließen sie ihn komplizierte Klötze in komplizierte Löcher einpassen und stoppten die Zeit, die er dafür brauchte. Er fühlte sich, als sei er wieder in der ersten Klasse, in der er auch immer alle Tests vermasselt hatte. Ihm kam es vor, als schneide er jetzt noch schlechter ab als damals. Fräulein Frinkel, dachte er; das alte Fräulein Frinkel. Während ich diesen Scheiß machen mußte, stand sie immer nur da, beobachtete mich und schleuderte mir Sterbebefehle entgegen, wie man das in der Transaktions-Analyse nennt. Stirb. Hör auf zu existieren. Hexenmutter-Flüche. Eine ganze Ladung davon, bis ich am Ende wirklich Mist baute. Vielleicht war Fräulein Frinkel jetzt schon längst tot. Vielleicht hatte es jemand geschafft, sich seinerseits mit einem Sterbebefehl zu revanchieren, und es hatte gewirkt. Er hoffte es. Vielleicht hatte sie sogar einer seiner eigenen Sterbebefehle erwischt. Übrigens schleuderte er auch den Testern, die ihm gegenübersaßen, jetzt solche Befehle entgegen.
Es schien aber nicht viel zu nützen. Der Test ging weiter.
»Was ist an diesem Bild falsch? Eines der Objekte paßt nicht zu den anderen. Sie sollen markieren –«
Er tat das. Dann folgte ein Test mit realen Objekten, von denen eines nicht in die Schar der anderen gehörte; man erwartete von ihm, hinzugreifen und das Anstoß erregende Objekt zu entfernen. Danach sollte er alle Anstoß erregenden Objekte aus einer Vielzahl von »Sets« – wie die Tester das nannten – herausnehmen und sagen, ob all die Anstoß erregenden Objekte ein gemeinsames Merkmal hatten, und wenn ja, welches. Ob auch sie zusammen wieder ein »Set« ergaben.
Er mühte sich immer noch damit ab, als die Tester ihm mitteilten, die ihm zur Verfügung stehende Zeit sei abgelaufen, die Testreihen für beendet erklärten und ihn aufforderten, eine Tasse Kaffee trinken zu gehen und anschließend draußen zu warten, bis man ihn wieder hereinriefe.
Nach einer Zeit – die ihm verdammt lange vorkam – erschien einer der Tester und sagte: »Da wäre noch eine Sache, Fred –wir hätten gerne eine Blutprobe von Ihnen.« Er gab ihm einen Zetteclass="underline" eine Laborüberweisung. »Gehen Sie die Halle hinunter zu dem Raum mit der Aufschrift ›Pathologisches Labor‹ und geben Sie das hier dort ab. Dann, nach der Blutentnahme, kommen Sie hierher zurück und warten.«
»In Ordnung«, sagte er düster und schlenderte mit der Überweisung in der Hand davon.
Spuren im Blut, begriff er. Danach suchen sie.
Als er vom pathologischen Labor wieder nach Zimmer 203 zurückkam, machte er sich an einen der Tester heran und sagte: »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich nach oben gehen würde, um mit meinem Vorgesetzten zu konferieren, während ich auf Ihre Ergebnisse warte? Er hat bald Dienstschluß.«
»Keine Einwände«, sagte der Tester. »Da wir beschlossen haben, Ihnen eine Blutprobe abnehmen zu lassen, wird es ohnehin länger dauern, bis wir die Schlußauswertung machen können; ja, gehen Sie ruhig rauf. Wir werden oben anrufen, wenn wir Sie wieder hier benötigen. Hank, nicht wahr?«
»Ja«, sagte Fred. »Ich werde oben bei Hank sein.«
Der Tester sagte: »Sie kommen mir heute sehr viel niedergeschlagener vor als da, wo wir uns das erste Mal gesehen haben.«
»Wie bitte?« sagte Fred.
»Als Sie das erste Mal hier bei uns waren. Letzte Woche. Da waren Sie zwar auch angespannt, aber Sie haben immer noch Scherze gemacht und gelacht.«
Fred starrte ihn an und begriff plötzlich, daß das einer der beiden medizinischen Assistenten war, mit denen er es schon früher zu tun gehabt hatte. Aber er sagte nichts; er grunzte einfach nur und verließ dann ihr Büro, wankte zum Aufzug. Das bringt einen echt runter, dachte er. Diese ganze Sache. Ich möchte zu gerne wissen, welcher der beiden medizinischen Assistenten das war. Der mit dem Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart oder der andere. Der andere, vermute ich. Der hier hatte ja keinen Schnurrbart.
»Sie werden dieses Objekt manuell mit Ihrer linken Hand abtasten«, sagte er zu sich selbst, »und es gleichzeitig mit Ihrer rechten anschauen. Anschließend werden Sie uns in Ihren eigenen Worten sagen –« Er brachte es nicht fertig, sich noch mehr solchen Unsinn auszudenken. Nicht ohne ihre Hilfe.
*
Als er Hanks Büro betrat, sah er, daß außer Hank noch ein anderer Mann anwesend war. Er trug keinen Jedermann-Anzug und saß in der hintersten Ecke des Raumes, Hank gegenüber.
Hank sagte: »Das ist der Informant, der uns wegen Bob Arctor angerufen und dabei diese elektronische Abschirmung benutzt hat – ich habe Ihnen davon erzählt. «
»Ja«, sagte Fred. Er stand reglos mitten im Raum.
»Dieser Mann hat uns erneut angerufen, um uns weitere Informationen über Bob Arctor zukommen zu lassen; wir haben ihm daraufhin erklärt, daß er sein Inkognito aufgeben und seine wahre Identität enthüllen müsse. Wir forderten ihn auf, persönlich hier vorzusprechen, und das hat er getan. Kennen Sie ihn?«
»Aber sicher«, sagte Fred und starrte unverwandt Jim Barris an, der grinsend dasaß und mit einer Schere herumspielte. Barris wirkte ganz so, als behage ihm das alles nicht so recht. Und er sah häßlich aus. Superhäßlich, dachte Fred mit innerem Widerwillen. »Sie sind James Barris, nicht wahr?« sagte er. »Sind Sie schon mal verhaftet worden?«
»Seine ID-Karte weist ihn als James R. Barris aus«, sagte Hank, »und der behauptet er auch zu sein.« Er fügte hinzu: »Er hat kein Vorstrafen-Register. «
»Was will er?« Zu Barris sagte Fred: »Wie lauten Ihre Informationen?«
»Ich habe Beweise dafür«, sagte Barris mit gedämpfter Stimme, »daß Mr. Arctor einer weitgespannten, im Verborgenen operierenden Geheimorganisation angehört, die über beträchtliche Geldmittel sowie über ein umfangreiches Waffenarsenal verfügt, Kodeworte benutzt und deren Endziel möglicherweise der Sturz der –«
»Dieser Teil ist reine Spekulation«, unterbrach ihn Hank. »Von welchen Aktionen dieser Organisation wissen Sie konkret? Wie sehen Ihre Beweise aus? Aber liefern Sie uns jetzt ja keine Informationen, die nicht aus erster Hand stammen.«
»Sind Sie je in eine Nervenklinik eingewiesen worden?« sagte Fred zu Barris.
»Nein«, sagte Barris.
»Wären Sie bereit«, fuhr Fred fort, »im Büro des Bezirksstaatsanwalts eine notariell beglaubigte eidesstattliche Erklärung hinsichtlich Ihrer Beweise und Informationen zu unterzeichnen? Und würden Sie unter Eid vor Gericht erscheinen und –«