Fred sagte: »Und was bedeutet das Ganze also?«
»Ich bin mir sicher, daß Sie das schon wissen«, sagte der Psychologe zur Linken. »Sie haben es am eigenen Leibe erfahren, ohne zu begreifen, woran es lag und was es war.«
»Die beiden Hemisphären meines Gehirns konkurrieren miteinander?« sagte Fred.
»Ja.«
»Warum?«
»Substanz T. In funktioneller Hinsicht bewirkt sie das oft. Das war es, was wir erwartet hatten; das war es, was der Test uns bestätigt hat. Die für gewöhnlich dominante linke Hemisphäre ist geschädigt, und die rechte Hemisphäre versucht fortwährend, die durch diese Schädigung bedingten Ausfälle zu kompensieren. Aber die nun paarweise auftretenden Gehirnfunktionen verschmelzen nicht zu einem einheitlichen Ganzen, weil dieser Zustand abnorm ist, da der Körper für so etwas nicht ausgelegt ist. So etwas könnte normalerweise nie eintreten. Wir nennen das Überkreuz-Überlagerungen. Ein mit dem Spaltungsirresein verwandtes Phänomen. Wir könnten natürlich eine rechtsseitige Hemisphärektomie durchführen, aber –«
»Wird das wieder weggehen«, unterbrach ihn Fred, »wenn ich von Substanz T runterkomme?«
»Möglicherweise«, sagte der Psychologe zur Linken nickend. »Es ist eine funktionale Störung.«
Der andere Mann sagte: »Es könnte auch eine organische Schädigung sein. Es könnte irreversibel sein. Das wird sich erst im Laufe der Zeit herausstellen, und zwar erst dann, wenn Sie schon lange von Substanz T runter sind. Und zwar vollständig.«
»Was?« sagte Fred. Er verstand die Antwort nicht – lautete sie ja oder nein? War er für immer geschädigt oder nicht? Was hatten sie denn nun eigentlich gesagt?
»Und selbst wenn es ein Schaden am Gehirngewebe ist«, sagte einer der Psychologen, »sollten Sie die Hoffnung nicht aufgeben. Derzeit laufen Experimente zur operativen Entfernung kleiner Gewebeabschnitte aus beiden Hemisphären, um so konkurrierende Verarbeitungsprozesse im Bereich der Gestaltwahrnehmung nachhaltig abzustellen. Es wird allgemein angenommen, daß dadurch vielleicht die ursprüngliche Hemisphäre ihre Dominanz wieder zurückerlangen könnte.«
»Das Problem dabei ist jedoch, daß das jeweilige Individuum für den Rest seines Lebens vielleicht nur noch partielle Eindrücke – einlaufende Sinnesdaten – empfangen mag. Statt zweier Signale bekommt es ein halbes Signal. Was meiner Ansicht nach ebenso schädlich ist.«
»Ja, aber partielle, nichtkonkurrierende Funktionen sind immer noch besser als gar keine Funktionen, weil paarweise auftretende, konkurrierende Überkreuz-Überlagerungen sich am Ende immer zu einer Null-Aufnahme auf summieren.«
»Sehen Sie mal, Fred«, sagte der andere Mann, »Sie können nicht länger –«
»Ich werde nie wieder Substanz T einpfeifen«, sagte Fred. »In meinem ganzen Leben nicht mehr.«
»Wieviel schlucken Sie jetzt?«
»Nicht viel.« Nach Pause sagte er: »In letzter Zeit mehr. Wegen dem Streß bei meinem Job. «
»Man sollte Sie auf jeden Fall von Ihren Aufgaben entbinden«, sagte der Psychologe. »Sie ganz freistellen. Sie sind geschädigt, Fred. Und Sie werden das noch für eine ganze Zeit sein. Allermindestens. Was danach sein wird, kann jetzt noch niemand mit Sicherheit wissen. Vielleicht werden Sie wieder ein volles Comeback machen; vielleicht aber auch nicht.«
»Und wie kommt es«, knirschte Fred, »daß die beiden Hemisphären meines Gehirns, selbst wenn sie beide zugleich dominant sein mögen, nicht dieselben Reize empfangen? Warum können ihre beiden Dingsbumse nicht synchronisiert werden, wie etwa die beiden Kanäle beim Stereoempfänger?«
Schweigen.
»Ich meine«, sagte er gestikulierend, »die linke Hand und die rechte Hand – wenn die ein Objekt ergreifen, dasselbe Objekt, dann müßten –«
»Linksseitigkeit versus Rechtsseitigkeit und ihre Bedeutung, zum Beispiel, sagen wir mal, hinsichtlich eines Spiegelbildes – in dem die linke Hand zur rechten Hand ›wird‹…« Der Psychologe beugte sich über Fred, der nicht aufschaute. »Wie würden Sie einen linken Handschuh im Gegensatz zu einem rechten Handschuh definieren, so daß jemand, der nichts über diese Begriffe weiß, Ihnen sagen könnte, welchen Sie meinen? Und nicht den anderen erwischt? Das spiegelbildliche Gegenstück?«
»Ein linker Handschuh«, sagte Fred und hielt inne.
»Es ist, ab nähme eine Hemisphäre Ihres Gehirns die Wirklichkeit so wahr, als werde sie von einem Spiegel widergespiegelt. Wie durch einen Spiegel hindurch. Verstehen Sie? Und darum wird links zu rechts, mit allen Implikationen, die sich daraus ergeben. Und wir wissen bisher noch nicht, was für Implikationen es mit sich bringt, wenn man die Welt auf diese Weise verkehrt sieht. Topologisch gesprochen ist ein linker Handschuh ein rechter Handschuh, der durch die Unendlichkeit gezogen wurde.«
»Durch einen Spiegel hindurch«, sagte Fred. Ein dunkler Spiegel, dachte er; ein dunkler Schirm. Und der heilige Paulus hatte, wenn er von einem Spiegel sprach, nicht einen Glasspiegel – die hatte es damals noch gar nicht gegeben – gemeint, sondern das Abbild seiner selbst, das er sah, wenn er auf den polierten Boden einer metallenen Pfanne schaute. Das hatte Luckman ihm bei einer seiner theologischen Vorlesungen erzählt. Kein Blick durch ein Teleskop oder Linsensystem, wo ja keine Umkehrung stattfindet, kein Blick durch irgend etwas, sondern nur der Anblick seines eigenen Gesichts, zu ihm zurückgespiegelt, und zwar verkehrt – durch die Unendlichkeit gezogen. Wie sie es mir die ganze Zeit begreiflich machen wollten. Nicht durch ein Glas hindurch, sondern wie von einem Glas zurückgespiegelt. Und diese Widerspiegelung, die auf dich zurückfällt: das bist du, das ist dein Gesicht, aber zugleich auch wieder nicht. Und sie hatten in jenen alten Zeiten noch keine Kameras, und darum ist das die einzige Art, in der jemand sich selber sehen konnte: rückwärts.
Ich habe mich selbst rückwärts gesehen.
Ich habe in gewisser Hinsicht damit angefangen, das gesamte Universum rückwärts zu sehen. Mit der anderen Seite meines Gehirns!
»Topologie«, sagte einer der Psychologen gerade. »Eine bisher nur unzulänglich verstandene Wissenschaft oder mathematische Theorie, wie auch immer man das bezeichnen will. Genau wie die Schwarzen Löcher im Weltall, wie –«
»Fred sieht die Welt von innen heraus«, erklärte der andere Mann gerade im selben Augenblick. »Von vorne und von hinten zugleich, vermute ich. Es dürfte uns schwerfallen, zu sagen, wie sie ihm daher erscheint. Die Topologie ist der Zweig der Mathematik, der jene Eigenschaften einer geometrischen oder andersgearteten Konfiguration untersucht, die unverändert bleiben, wenn das Objekt einer isomorphen, ja jeder denkbaren isomorphen, kontinuierlichen Transformation unterworfen wird. Aber angewandt auf die Psychologie …«