Die empfindlicheren Bestandteile seiner Garderobe hatte er abgelegt und gegen robustere, unauffälligere Kleidungsstücke getauscht, bevor er sich auf den Weg nach hier unten begeben hatte. Er war jetzt in einen langen, dunklen Umhang gehüllt, hatte das schwere Make-up von seinem Gesicht entfernt und sein langes schwarzes Haar zu einem Zopf zusammengebunden. Alles zusammengenommen, hätte ihn kaum jemand seiner flüchtigeren Freunde wiedererkannt – was ihm hervorragend in den Kram paßte. Sie würden kein Verständnis dafür aufbringen, daß Valentin Wolf, der hochgeborene Aristokrat, die Treffen der Klone und Esper im Untergrund besuchte.
Wie sollten sie auch.
Es war schon eine Schande, daß er nach dem Debakel mit der Hochzeit so hastig hatte aufbrechen müssen. Valentin hatte eine langweilige, lieblose Veranstaltung erwartet, gefolgt von langweiligem Essen und noch langweiligerem Tanz, doch schließlich hatte sich der Nachmittag als äußerst abwechslungsreich entpuppt. Er wäre zu gern noch eine Zeitlang geblieben und hätte hier und da ein paar exquisite Bonmots zum besten gegeben – selbstverständlich nur dort, wo sie den größten Schaden anrichteten, das war er sich und seinem Ruf schließlich schuldig –, aber dann war die Nachricht aus dem Untergrund auf dem üblichen Weg eingetroffen.
Und wenn der Untergrund rief, dann antwortete Valentin.
Es gefiel ihm nicht sonderlich, sich von diesem niederen Pöbel herbeizitieren zu lassen, aber solange sie hatten, was er wollte, solange würde er bei ihrem Spiel mitspielen. Hin und wieder konnte es sogar ganz amüsant sein. Obwohl nicht gerade in diesem Augenblick, wie er sich leicht säuerlich eingestand.
Plötzlich blieb er stehen und spähte angestrengt in die Finsternis vor sich. Die schwache Lampe an der Decke warf einen blauweißen Lichtschein, aber er reichte nur wenige Meter weit nach vorn und hinten, und zwischen den weitverstreuten Lampen herrschte rabenschwarze Nacht, die selbst seine chemisch verstärkten Augen nicht zu durchdringen vermochten.
Er lauschte angestrengt und vermied jede Bewegung – nichts rührte sich. Valentin runzelte nachdenklich die Stirn. Er hätte schwören können, daß er vor sich ein Geräusch wahrgenommen hatte. Aber Geräusche pflanzten sich in den engen Wartungstunneln recht eigenartig fort, und nur Gott allein wußte, welche kleinen, widerlichen Lebensformen sich hier unten häuslich eingerichtet hatten.
Valtentin war nicht weit von den Hauptabwässerkanälen entfernt, jedenfalls nach dem Plan zu urteilen, den er sich eingeprägt hatte. Man erzählte sich alle möglichen Geschichten über die fremdartigen und böswilligen Kreaturen, die in den Abwässerkanälen gediehen. Die Gerüchte behaupteten sogar, daß die Arbeiter hier unten Gefahrenzuschläge und Prämien für die Köpfe von allem erhielten, was sie mit nach oben brachten. Nicht, daß Valentin sich um derartige Märchen geschert hätte. Sein Kopf ruckte herum. Da war das Geräusch schon wieder, beinahe unhörbar, aber es bestand kein Zweifel.
Und dann wieder nur Stille und Finsternis. Er konzentrierte sich, und tief im Innern seines Körpers entleerten Drogenspeicher ihren Inhalt in seinen Kreislauf. Sein Atem beschleunigte und vertiefte sich, als der Stoffwechsel intensiver wurde. Valentin war jetzt schneller, stärker, beweglicher als vorher und mehr als bereit, sich dem zu stellen, was dort vor ihm lauerte.
Er grinste breit. Mochten sie nur kommen. Mochten sie ruhig alle kommen. Eine mahnende Stimme in seinem Hinterkopf meldete sich mit der Warnung, daß er seine Vorräte nicht grundlos verbrauchen sollte. Er hatte zwar Schritte eingeleitet, die schließlich zu einer neuen Quelle führen würden, um den armen toten Georgios zu ersetzen, aber es wäre wirklich unklug, etwas aufzubrauchen, das er nicht einfach wiederbeschaffen konnte, bevor die neuen Kanäle etabliert waren und sich als zuverlässig erwiesen hatten. Valentin beschloß, die mahnende Stimme zu ignorieren. Sie klang einfach zu normal und vernünftig, und Valentin Wolf war nicht zu dem Valentin Wolf geworden, weil er sich normal und vernünftig verhalten hatte.
Plötzlich flammte in der Dunkelheit vor ihm ein Licht auf, scharf und grell nach dem trüben Blauweiß der Deckenbeleuchtung, und platschende Schritte näherten sich durch den Schlamm, der den Boden des Tunnels bedeckte. Valentins Grinsen wurde noch breiter, als er die Disruptorpistole zog.
Eine dunkle Gestalt tauchte im Tunnel auf. Ihre Umrisse warfen Schatten an die Wände. Die Gestalt blieb ruhig und selbstsicher in respektvoller Entfernung zu Valentin stehen, und ein Ball von leuchtend weißem Licht tanzte auf ihrer Schulter.
Ihre Umrisse schienen menschenähnlich zu sein, aber Valentin war nicht in der Stimmung, ein Risiko einzugehen. Genaugenommen war ihm sogar eher danach, zuerst zu schießen und dann zu fragen, schon allein aus Prinzip. Und dann begann die Gestalt unvermittelt zu reden. Ihre Stimme besaß den ruhigen, tonlosen Klang einer Maschine, wahrscheinlich durch einen Lektron getarnt, um eine Identifikation unmöglich zu machen.
»Ich wollte Euch nicht erschrecken, guter Mann, aber Ihr werdet sicher verstehen, daß es sich auszahlt, wenn man in unserer Position vorsichtig ist, wenn nicht gar paranoid. Erlaubt mir, daß ich Euch den ersten Teil des Losungswortes nenne: Neue.«
»Hoffnung«, erwiderte Valentin. Er entspannte sich ein wenig, ohne die Waffe zu senken. »Eine ziemlich offensichtliche Losung, würde ich meinen. Aber niemand hat mich um meine Meinung gefragt. Also: Darf ich erfahren, wer Ihr seid?«
Die Gestalt näherte sich langsam, damit Valentin sich nicht bedroht fühlen würde. Schließlich blieb sie vor ihm stehen, tief gebückt unter der niedrigen Decke des Tunnels, und Valentins Interesse wuchs, als er erkannte, daß jegliches verräterische Merkmal unter dem weiten Umhang verborgen war.
Und was noch interessanter schien: Die Kapuze des Umhangs war leer! Kein Gesicht, kein Kopf, überhaupt nichts! Der Lichtkegel hüpfte fröhlich auf der Schulter der Gestalt und blendete Valentin fast, so daß er seine visuellen Sinne dämpfen mußte.
»Ich bin Huth«, sagte die Gestalt. »Koordinator zwischen den Untergrundbewegungen der Klone und Esper und der Kyberratten. Und wer seid Ihr, werter Herr?«
»Valentin Wolf, Schirmherr und Berater der Untergrundbewegung. Ich habe von Euch gehört, Huth. Ihr seid der Schatten im Hintergrund, sozusagen die graue Eminenz hinter dem Thron. Wir Patrone müssen alle unsere Identität enthüllen, weil die Esper darauf bestehen, nur Euch allein erlaubt man Anonymität. Wißt Ihr, ich frage mich schon lange, aus welchem Grund?«
»Weil ich für sie wertvoll bin«, entgegnete Huth. »Und solange sie mich brauchen, geben sie meinem Wunsch nach. Ich habe schon von Euch gehört, Valentin Wolf, aber ich schätze, das hat jeder. Ihr habt eine ganz schöne Summe in den Untergrund gepumpt, alles was recht ist, aber laßt mich sagen, daß ich den Grund nicht erkennen kann. Ihr seid immerhin der Erbe des Wolf-Clans, und eines Tages fällt Euch alles in den Schoß. Was um alles in der Welt fehlt Euch, das Ihr nur im Untergrund finden könnt?«
»Tut mir wirklich leid«, sagte Valentin. »Aber ich verrate bei der ersten Begegnung niemals all meine kleinen Geheimnisse.«
»Wie Ihr wünscht, mein Herr. Ich frage mich, was der Untergrund diesmal wieder will, daß so bedeutende Geldgeber wie Ihr und ich so kurzfristig herbeigerufen werden?«