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»Es sollte wirklich besser dringend sein«, meinte Valentin.

»Ich fühle mich ziemlich nackt ohne meine übliche Maskerade. Wollen wir gehen?«

»Selbstverständlich. Es ist nicht mehr allzu weit. Nach Euch.«

»O nein. Nach Euch.«

Die Kopfbedeckung des Umhangs bewegte sich ruckartig, was ebensogut ein zustimmendes Nicken wie eine amüsierte Regung darstellen mochte, und Huth wandte sich um und ging den Weg durch einen Nebentunnel voran, in dem es noch mehr stank als bisher – wenn das überhaupt möglich war. Valentin folgte ihm dichtauf, die Waffe stets schußbereit in der Hand. Er neutralisierte den größten Teil der Drogen in seinem Kreislauf und hielt ein paar in Reserve – nur für den Fall.

Normalerweise wurden die Geldgeber immer nur einzeln vorgeladen, damit niemand imstande war, einen der anderen zu identifizieren, falls er geschnappt wurde. Es mußte etwas ziemlich Wichtiges in der Luft liegen, um die Anwesenheit von zweien gleichzeitig zu rechtfertigen. Valentin musterte nachdenklich die Rückseite des rätselhaften Huth. Das fehlende Gesicht war ein interessantes Detail; der Untergrund war schon beinahe fanatisch, wenn es darum ging, genau zu wissen, mit wem er sich einließ. Sicher, es konnte eine holographische Maske sein, aber nur ein ESP-Blocker könnte Huths Gedanken vor dem sondierenden Verstand eines Espers schützen. Und ESP-Blocker würde der Untergrund unter gar keinen Umständen tolerieren. Huth war einer der Leute, die den Untergrund mit finanziellen Mitteln ausstatteten. Er besaß hervorragende Beziehungen in den höchsten Kreisen und stand sowohl mit den Espern als auch mit den Klonen in Kontakt – und das war bemerkenswert. Sie schenkten einem nicht so leicht ihr Vertrauen, und es gab nur ganz wenige, die sogar das Vertrauen beider Gruppen besaßen.

Wie um den Gedanken zu unterstreichen, blieben Huth und Valentin plötzlich stehen, als sich vor ihnen die erste deutliche Warnung zeigte. Ein Toter hing wie eine zerbrochene Puppe von der Decke herab. Seine Arme und Beine waren zerschmettert, und überall ragten weiße Knochensplitter aus dem gequälten, blutigen Fleisch. Der Leichnam hob langsam den Kopf und blickte Huth und Valentin aus leeren Augenhöhlen an. Blut lief in Strömen an seinen farblosen Wangen hinab wie dicke, purpurne Tränen. Er öffnete den Mund, und Maden krochen über sein Kinn.

»Geht zurück«, sagte der Leichnam schleppend, als hätte er bereits vergessen, wie man spricht. »Kehrt um, zögert nicht!«

Valentin wechselte einen Blick mit der leeren Kapuze von Huth. »Seid ehrlich: Würdet Ihr Euch davon abschrecken lassen, wenn Ihr eine Eliteeinheit der Imperatorin wärt?«

»Nicht wirklich«, erwiderte Huth. »Andererseits habe ich es auch schon oft genug gesehen. Sie bestehen darauf, diese Schau abzuziehen, selbst wenn sie wissen, daß ich es bin.

Manchmal glaube ich, sie machen es nur, um in Übung zu bleiben.«

Der tote Mann verzog das halb verweste Gesicht. »Kehrt um. Ich meine es ernst. Das ist kein Witz.«

»Ach, halt endlich die Klappe«, sagte Valentin. »Ich hab’ schon in meinen Tagträumen ekelhaftere Dinge als dich gesehen.«

»Wahrscheinlich hat er das wirklich«, erklärte Huth dem Leichnam. »Er ist nämlich Valentin Wolf. Der Valentin Wolf.«

Der tote Mann verschwand von einem Augenblick zum andern. Der Gestank blieb der gleiche wie vorher. Natürlich. Die leere Kapuze von Huth drehte sich Valentin zu. »Sie haben von Euch gehört.«

Valentin grinste. »Jeder hat von mir gehört.« Er unterbrach sich. Dann: »Hört Ihr nichts?«

Ein schwaches Brüllen wurde irgendwo hinter ihnen lauter und lauter. Der Tunnel begann unter ihren Füßen zu vibrieren.

Wellen begannen sich auf dem dunklen Schlamm abzuzeichnen, der den Boden bedeckte. Der Luftdruck stieg merklich an, als würde ein Zug durch den Tunnel heranrasen und die Luft vor sich aufstauen. Das Brüllen wurde ohrenbetäubend, und der Boden schüttelte sich förmlich. Der Druck der verdichteten Luft lag schwer auf Valentins Gesicht. Huth stand regungslos dort, als habe ihn der Schreck erstarren lassen.

Dann brach donnernd eine schwere Wand von Wasser aus der Dunkelheit hervor und begrub alles unter sich wie ein außer Kontrolle geratener Zug.

»Sie haben die verdammten Abwasserkanäle geöffnet!« schrie Valentin. »Haltet Euch irgendwo fest, oder Ihr werdet weggespült!«

Die Flutwelle schoß heran, füllte den Tunnel, und dann war sie vorüber. Kein Wasser, kein Krach, nichts. Die Luft war still und ruhig und stank wie zuvor. Valentin stieß langsam den Atem aus.

»Ihr Bastarde!«

Hab’ ich dich, krächzte eine Stimme in seinem Kopf. Ich kann nicht nur Leichname vorgaukeln, weißt du?

Huth schüttelte den Kopf und kicherte. »Wir haben es selbst herausgefordert, oder?«

Ich hab’ nur ein wenig geübt. Ich krieg’ sonst nie was zu tun hier unten. Seit Ewigkeiten war keiner mehr hier. Ich weiß überhaupt nicht, warum wir noch immer Wachen aufstellen.

Geht einfach geradeaus und dann die zweite Abzweigung links. Dann wieder geradeaus, und ihr kommt zum Treffpunkt.

Man erwartet euch. Und sagt ihnen, daß ich einen Drink gebrauchen könnte.

Valentin brannten eine Menge Fragen auf der Zunge, aber er schwieg. Schließlich hatte auch er seinen Stolz. Er blickte zu Huth. »Das Personal ist auch nicht mehr das, was es einmal war.«

»Es zahlt sich nie aus, einen Esper zu unterschätzen, werter Valentin«, erwiderte Huth und setzte sich wieder in Bewegung. »Sie wissen einfach alles, was man denkt.«

»Oh, das wage ich zu bezweifeln«, widersprach Valentin und stapfte durch den Schlamm hinter ihm her. »Wer in meinen Verstand eindringt, nach all dem, was ich damit angestellt habe, tut das auf eigene Gefahr.«

»Gutes Argument«, pflichtete Huth ihm bei. »Aber wie kommt es eigentlich, daß jemand wie Ihr sich mit der Untergrundbewegung einläßt?«

Valentin lächelte. »Meine Experimente mit zahlreichen unüblichen Substanzen führten mich zu Gerüchten über eine neue, noch experimentelle Droge, die aus jedem Menschen einen Esper machen kann, auch wenn es in seiner Familie überhaupt keine Hinweise auf PSI-Kräfte gibt. Wenn es eine derartige Droge gibt, dann muß ich sie einfach haben. ESP ist eine der wenigen Erfahrungen, die mir gänzlich unbekannt sind. Allein der Gedanke an etwas so Neues und Vitales läßt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ich muß sie haben!

Meine Nachforschungen brachten mich schließlich zu den Elfen und in den Untergrund, und zum ersten Mal erkannte ich, welch eine potentielle Macht sie repräsentieren. Mit ihrer Hilfe wird es mir möglich sein, in Positionen aufzusteigen, von denen ich sonst nur träumen könnte. Und eines Tages werden die Esper sich ihrer Fesseln entledigen, Huth. Es ist unausweichlich. Sie bilden die Welle, die in die Zukunft führt; sie sind der nächste Schritt in der Evolution des Menschen.

Und ich beabsichtige, auf dieser Welle zu reiten, so weit und hoch ich nur kann. Wer weiß, vielleicht trägt sie mich sogar bis auf den Eisernen Thron selbst? Das wär’ doch mal was!«

Er schwieg nachdenklich. »Natürlich müßte ich vorher meinen alten Herrn und den Rest der verdammten Familie umbringen, aber was soll’s? Ich kann’s eh kaum erwarten.«

Plötzlich unterbrach Valentin seinen überraschenden Redefluß. Ihm kam zu Bewußtsein, daß er plapperte wie ein Kind, und zu allem Überfluß auch noch zu jemandem, den er überhaupt nicht kannte. Er wußte nicht, warum. Vielleicht hatte ihn die Flutwelle ja doch mehr aus der Fassung gebracht, als er sich eingestehen wollte? Oder auch nicht. Jedenfalls würde er von jetzt an seine Worte sorgfältig abwägen. Der Verdacht keimte in ihm auf, daß er nicht ganz freiwillig so redselig gewesen war. Er hatte immer gewußt, daß ein Risiko darin bestand, sich mit Espern abzugeben, aber er war auch der Meinung gewesen, daß die mentalen Übungen, die er durch das fortwährende Ändern der Chemie seines Gehirns durchlaufen hatte, ihm einen gewissen Schutz vor der Neugier von Espern verliehen hätten. Seine geheimsten Wünsche und Hoffnungen vor einem vollkommen Fremden auszubreiten sah ihm gar nicht ähnlich. Valentin zog seine silberne Pillendose hervor, nahm ein Pflaster heraus und rieb es über seine Halsschlagader.