»Nur eine kleine Kleinigkeit, um wach zu bleiben«, sagte er unbekümmert. Valentin grinste breit, als die Wirkung schlagartig einsetzte, und atmete tief durch. Seine Gedanken schienen bereits klarer zu werden, und sein Verstand arbeitete jetzt schneller und schärfer. »Erzählt mir von Euch, Huth: Was brachte Euch dazu, unserer kleinen Welt aus Verrat und Täuschung beizutreten?«
»Ich gehöre den Sicherheitsstreitkräften an, deren Aufgabe das Aufspüren und Töten der Kyberratten ist«, begann Huth.
»Aber je mehr ich über sie erfuhr, desto mehr verstand ich, was sie taten, und schließlich beneidete ich sie sogar um ihr hartnäckiges Streben nach Wahrheit und Freiheit. Die Eiserne Hexe ist nur an der Macht, weil ihre Leute alle Informationen kontrollieren und bestimmen, wieviel davon uns zu wissen erlaubt ist. Man kann nicht gegen etwas protestieren, von dem man nichts weiß. Und das meiste von dem, was wir wissen, beruht auf Lüge und Verdrehung. Die Kyberratten zeigten mir die Welt, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, und danach konnte ich meine Augen einfach nicht mehr verschließen.
Meine enger werdenden Verbindungen zu den Kyberratten führten mich schließlich in den Untergrund, und je mehr ich über ihren Kampf erfuhr, desto mehr sympathisierte ich mit ihnen. Es dauerte ziemlich lange, bis ich all die verschiedenen Anführer von meiner Aufrichtigkeit überzeugt hatte, aber meine Verbindungen zu den Sicherheitskräften der Eisernen Hexe machten mich schließlich zu einem unschätzbaren Verbündeten. Ich habe meinen Wert für den Untergrund bewiesen. Heute arbeitet der Mann, der einst Rebellen verfolgte, mit ihnen zusammen und beschützt sie. So ist das Leben. Ein wenig Selbstironie kann nicht schaden, jedenfalls ist das meine Devise. Euer Interesse an der Esper-Droge ist berechtigt, Valentin Wolf. Ich darf Euch versichern, daß sie sehr wirkungsvoll ist.«
»Woher wollt Ihr das wissen?« fragte Valentin.
»Weil ich sie ausprobiert habe«, erwiderte Huth. »Ich meldete mich freiwillig. Nein, eigentlich bestand ich sogar darauf, sie zu testen. Ich sah vieles, das ich noch nie zuvor gesehen hatte, und ich wollte noch mehr. Die Ergebnisse waren… höchst interessant. Schwache Telepathie, projektive Suggestion ähnlich der, die wir eben im Tunnel erlebt haben. Ich kann einem natürlichen Esper nicht das Wasser reichen, sicher, aber ich sehe jetzt klarer und deutlicher als je zuvor. Theoretisch sollten stärkere Dosen der Droge noch stärkere Effekte hervorbringen, aber unglücklicherweise gab es bei anderen, die die Droge testeten, starke und unerwünschte Nebenwirkungen.«
Valentin lächelte gleichmütig. »Das gehört einfach dazu, wenn man mit einer neuen Droge experimentiert. All der Nervenkitzel, das Risiko, die Entdeckung der Wirkungen. Das Vergnügen, unbekanntes Territorium zu erforschen und das Schicksal herauszufordern. Ehrlich gesagt, es ist dem Rebellendasein nicht ganz unähnlich, wirklich. Ich freue mich immer schon darauf, wenn sie mich rufen. Obwohl ich mir wünschte, sie würden endlich einmal damit aufhören, ständig ihre Treffpunkte zu verlegen. Jedesmal muß ich ein wenig weiter und durch noch ekelhaftere Gegenden laufen, um herzukommen.«
Huth zuckte die Schultern. »Grundprinzipien der Sicherheit.
Bewege dich. Bleib nicht stehen, sieh nach hinten, halte deine Gegner in Atem. Die Imperatorin hat eine ganze Armee von Leuten ausgeschickt, um den Untergrund aufzuspüren, und sie hat viel mehr Mittel als wir. Ich gebe mein Bestes, um ihre Leute unauffällig in die Irre zu führen, aber es gibt eine Grenze, die ich um meiner eigenen Sicherheit willen nicht überschreiten darf. Ich mag zwar den Untergrund unterstützen, aber ich bin noch nicht bereit, für ihn zu sterben.«
»Rein technisch gesehen«, sagte Valentin, »ist das hier eigentlich gar nicht der Untergrund. Wir sind nicht weit von der Oberfläche entfernt, genau in der Mitte zwischen innerer und äußerer Sphäre. Ich schätze, sie nennen es nur deswegen Untergrund, um die Leute zu verwirren.«
»Verständlich. Und wie Ihr zugeben müßt, klingt es einfach besser, wenn man sagt, man gehört zum Untergrund, als wenn man sagen würde: Ich gehöre zum Zwischendrin.«
Valentin lächelte höflich. Die beiden Männer gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Beide wußten, daß mittlerweile Telepathen ihren Verstand sondierten, um sicherzustellen, daß sie auch diejenigen waren, die sie zu sein vorgaben. Und beide wußten auch, daß sie inzwischen längst tot gewesen wären, wenn auch nur einer von ihnen Verdacht erregt hätte. Nichts durfte die Untergrundbewegung gefährden.
Valentin und der Mann namens Huth umrundeten eine Biegung, duckten sich durch einen niedrigen Eingang und
verließen den engen Tunnel, um eine riesige, hellerleuchtete Kaverne mit Wänden aus schimmerndem Metall zu betreten. Die leuchtende Kugel auf Huths Schulter verlosch. Vielfarbige Kabel zogen sich über die Wände, baumelten von der hohen Decke herab und verschwanden in Durchbrüchen wie Schlangen in ihren Höhlen. Große mysteriöse Maschinen standen an den Wänden aufgereiht und schienen sich gegenseitig den Platz abspenstig machen zu wollen. Der Boden war mit Abfall und Schrott übersät, zerfetzte Stücke von Hochtechnologie, einige neu, einige scheinbar ziemlich alt. Zwischen den Trümmern bewegten sich kleine Dinger. Valentin zog es vor, nicht genauer hinzusehen. Langsam richtete er sich auf, streckte sich und massierte unter dankbarem Seufzen seinen geschundenen Rücken.
»Ihr seid doch der Technikexperte, Huth. Wo zur Hölle sind wir diesmal gelandet? Sieht aus wie der Alptraum eines Wartungstechnikers.«
»Eine alte Reparaturwerkstatt, wie es aussieht. Verlassen und vergessen und von den Kyberratten wieder in Betrieb genommen. Zwischen den vielen verschiedenen Welten innerhalb Golgathas gibt es massenweise Plätze wie diesen hier; früher einmal dienten sie einem bestimmten Zweck, aber der technologische Fortschritt machte sie irgendwann überflüssig. Die Kyberratten lieben diese Höhlen; sie haben Hunderte davon in Besitz genommen und benutzen sie als Unterschlupf. Sie erscheinen auf keiner einzigen Karte mehr, und auch die Datenbänke haben ihre Existenz längst vergessen.«
»Es ist eine Müllhalde, wenn Ihr mich fragt«, sagte Valentin.
»Nun ja, aber Ihr werdet zugeben, daß der Gestank nicht so schlimm ist wie in den Abwässerkanälen.«
»Genaugenommen mag ich Müllhalden sogar. Sie kommen meiner Vorliebe für Chaos entgegen. Ich liebe die schönen Muster, die man dort findet.«
Er kicherte fröhlich, und die leere Kapuze Huths wandte sich ihm zu. Valentin blickte zurück, und dann traten beide gemeinsam vor und verbeugten sich höflich vor den Esper-Repräsentanten in der Mitte der großen metallenen Höhle.
Wie immer hatten die Vertreter der Esper ihre wahre Identität hinter telepathisch projizierten Bildern verborgen. Möglicherweise waren sie sogar persönlich anwesend, aber wahrscheinlich projizierten sie die Bilder von einem sicheren Ort aus. Es war eine Gabe, um die Valentin sie mehr als beneidete.
Niemand kannte die mysteriösen Anführer der Esper, und sie schienen entschlossen, ihr Geheimnis auch weiterhin zu bewahren. Und so kam scheinbar aus dem Nichts ein Wasserfall, floß plätschernd und gurgelnd durch die Luft und verschwand am Boden einfach wieder. Seltsame Farbenspiele überzogen das Wasser, und irgendwo in der Mitte gab es zwei Flecke, die Augen darstellen mochten. Neben dem Wasserfall hing ein wirbelndes Mandala in der Luft; ein kompliziertes Muster ineinander verschlungener, leuchtender Linien, die sich scheinbar bis in die Unendlichkeit umeinander wanden.