Die meisten davon hatten sie sogar selbst erfunden.
Die Esper- und Klon-Vertreter blickten ernst in die grinsenden Gesichter auf den Schirmen und waren sichtlich um ihre würdevolle Haltung bemüht. Lange Erfahrung hatte ihnen gezeigt, daß es keinen Sinn hatte, mit Kyberratten zu diskutieren. Man konnte nicht gegen sie gewinnen. Die Ratten verbrachten den größten Teil ihrer Zeit mit Wortgefechten untereinander und waren allesamt Meister der Rhetorik. Ein paar Stimmen johlten den Vertretern entgegen, dann wurden sie durch die letzten Ankömmlinge abgelenkt. Die Vertreter der aristokratischen Mäzene waren schließlich doch noch eingetroffen, mit vornehmer Verspätung, wie es sich geziemte. Sie traten hintereinander durch die Tür, als würde allein ihre Anwesenheit in der Kaverne ausreichen, die kostbare Garderobe zu ruinieren. Valentin lächelte ihnen zu, und sie verbeugten sich kurz in seine Richtung. Sie waren nur zu dritt, und jeder von ihnen hatte seinen eigenen geheimen Beweggrund, die Untergrundbewegung zu unterstützen, meistens diskret und nur aus großer Distanz.
Im großen und ganzen betrachteten Aristokraten den Untergrund genau wie Valentin als eine mögliche Quelle politischer Macht. Meist waren es jüngere Söhne, die kein Erbe antreten würden, oder zumindest nicht schnell genug, um sie zufriedenzustellen, und so mußten sie sehen, wie sie vorankamen.
Sie trugen keine Verkleidung; man vertraute ihnen nicht weiter, als sie mit geschlossenen Mündern gegen den Wind spucken konnten, und man wollte sicherstellen, daß man genauestens wußte, mit wem man es zu tun hatte. Dann konnte man sich später wenigstens an ihnen rächen, wenn sie einen verraten würden. Die Aristokraten bewegten sich widerwillig, als hätten sie eine Wahl – was natürlich Blödsinn war. Man schloß sich dem Untergrund erst an, wenn man sonst nirgendwo mehr hinkonnte. Valentin gab einen Dreck darauf.
Evangeline Shreck kannte er bereits, und es überraschte ihn nicht, sie hier zu sehen. Sie unterstützte die Klon-Bewegung seit einiger Zeit leidenschaftlich, obwohl ihre Beweggründe im dunkeln blieben. David Todtsteltzers Gesicht war neu. Der Junge hatte den Titel geerbt, nachdem Owen ausgestoßen worden war, aber er schien sich nicht sehr darüber zu freuen.
Er war erst siebzehn, ein Vetter Owens aus einer weniger bedeutenden Seitenlinie und ungeübt in den tückischen Intrigen des Imperialen Hofes. Groß, tadellos gekleidet und mit Sicherheit nicht halb so nervös, wie er den Anschein erweckte.
Hübsch genug, um eine ganze Reihe von Herzen am Hof in Flammen zu setzen, doch noch zu jung, um das bereits zu wissen. Oder vielleicht auch nicht. Er war schließlich ein Todtsteltzer.
David hatte den Titel geerbt, weil Owen keine Brüder oder Schwestern besaß; die genetische Marotte, die den Todtsteltzers den Zorn schenkte, tötete die meisten Kinder, bevor sie erwachsen werden konnten. Die Familie betrachtete das als akzeptables Risiko. Auf die Idee, die Kinder um ihre Meinung zu fragen, war noch nie jemand gekommen. Davids Motive für seine Kontakte mit dem Untergrund lagen auf der Hand.
Er wollte vermeiden, daß er wie Owen für vogelfrei erklärt oder wie Owens Vater ermordet werden würde, und er war schlau genug zu wissen, daß er am Hof niemandem trauen durfte und absolut keine Freunde besaß. Der Name Todtsteltzer war zu einem Synonym für Verrat und Pech geworden, und die meisten Leute machten einen großen Bogen um ihn, für den Fall, daß etwas davon abfärbte.
Das dritte Gesicht weckte Valentins Neugier. Kit Sommer-Eiland, auch genannt Kid Death, der vor Ehrgeiz seine eigene Familie ermordet hatte, nur um sich am Ende allein zu finden, weil weder der Hof noch irgendeine andere Familie ihm noch über den Weg traute. Ein irre gewordener, bissiger Hund, der sich von seiner Leine losgerissen hatte. Kit war anscheinend deswegen mit der Untergrundbewegung in Verbindung getreten, weil niemand sonst mehr etwas mit ihm zu tun haben wollte. Die Eiserne Hexe hatte eine Zeitlang mit ihm gespielt, aber Kit hätte wissen müssen, daß das nicht lange gutgehen konnte. Er war zu gefährlich. Ein Schwert, das sich leicht gegen jeden erheben konnte, der es zu benutzen versuchte. Kid Death, der lächelnde Killer. Prachtvoll wie immer in seiner Rüstung aus Schwarz und Silber. Er sah noch jung aus mit seinem wehenden blonden Haar und seinem blassen Gesicht, aber seine eisigblauen Augen waren steinalt. Er hatte genug Tod und Blut für ein ganzes Dutzend Leben gesehen, und er erinnerte sich mit Genuß an jede Minute.
Valentin trat vor und verbeugte sich höfisch vor Evangeline Shreck. »Liebe Evangeline! Es tut so gut, Euch wiederzusehen. Eine wahre Schande, was auf der Hochzeit vorgefallen ist, aber so ist nun mal das Leben! Oder sollte ich lieber sagen: der Tod? Euer Vater hatte immer den Hang, ein wenig überzureagieren.«
»So kann man es auch sehen«, erwiderte Evangeline. »Ihr seht ganz anders aus ohne all Eure Schminke, werter Valentin. Beinahe menschlich!«
»Eine bloße Illusion«, entgegnete Valentin glatt. Er wandte sich zu dem jungen Todtsteltzer um und verbeugte sich erneut, diesmal nicht ganz so tief und nicht ganz so höfisch.
»Ich glaube, ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen, werter Herr. David, nicht wahr? Ich bin…«
»Ich weiß sehr wohl, wer Ihr seid. Und mein Name wird Deeei-wied ausgesprochen.« Die Stimme des jungen Todtsteltzer klang kühl und scharf in dem Bemühen, die Gemessenheit zum Ausdruck zu bringen, die sein neuer Titel erforderte.
»Ganz wie Ihr wünscht«, erwiderte Valentin. »Aber ich fürchte, auch Ihr werdet Euch daran gewöhnen müssen zu kommen, wenn der Untergrund ruft, ganz egal, wie sie Euren Namen aussprechen. Hier unten ist kein Raum für die Manieren und das Gehabe, das wir in der Gesellschaft an den Tag legen, aber das macht schließlich auch einen Teil des Reizes am Verrat aus, findet Ihr nicht? Hier unten gibt es keine Gesetze, keine vorgeschriebenen Verhaltensmaßregeln, niemanden, der uns niederknien läßt oder den Kopf zu beugen zwingt. Hier unten sind wir alle gleich. Und alles, was sie von uns verlangen, ist der Mut zu kämpfen – und, wenn es sein muß, für unsere Sache zu sterben.«
»Und warum seid Ihr dann hier, Valentin?« fragte Kid Death. »Ihr habt Euch doch niemals um die Sache anderer gekümmert, sondern immer nur um Eure eigene Zerstörung!«
Valentin wandte sich langsam zu dem jungen Sommer-Eiland um und grinste ihn an. »Und wo sollte ich Eurer Meinung nach eher Tod und Selbstzerstörung finden als inmitten einer Rebellion? Es gibt nur einen einzigen Ort auf Golgatha, der gefährlicher ist als der Untergrund, und das ist die Arena.
Und die Arena erschien mir eigentlich immer als zu harte Arbeit. Ich bin nämlich recht empfindlich, wißt Ihr?«
»Ihr habt die Konstitution eines Stiers«, widersprach Evangeline. »Euer Kreislauf muß in Höchstform sein, um mit all dem Gift fertig zu werden, das Ihr ihm aufbürdet.«