Aber was auch immer die Verteidiger unternahmen, es schien die voranstürmenden Sicherheitstruppen nicht im mindesten aufzuhalten.
»Warum benutzen sie keine Illusionen, um die Soldaten zu stoppen?« fragte Evangeline. »Ich dachte, dazu wären sie da!«
»Seht auf die Schirme«, erwiderte Valentin ruhig. »Sie führen ESP-Blocker mit sich. Unser toter Freund Burgess scheint seinen Verrat noch begangen zu haben, bevor er erwischt wurde. Seht Euch die Uniformen an. Das sind Imperiale Truppen. Die Sicherheitsleute der Eisernen Hexe persönlich.
Sie scheint zu wissen, daß hier unten ein wichtiges Treffen abläuft.«
Auf einmal riefen alle durcheinander und versuchten, sich gegenseitig zu übertönen. David Todtsteltzer und Kit Sommer-Eiland hatten ihre Pistolen und Schwerter gezogen, doch nur der Sommer-Eiland schien bereit, sie auch zu benutzen, Huth blickte reglos von einem Schirm zum andern, als könne er nicht glauben, was er dort sah. Evangeline war blaß geworden, die Hände zu weißen Fäusten geballt. Sie blickte hilfesuchend zu Valentin, aber der lächelte nur verlegen und wedelte ratlos mit den Händen. Hinter Valentins errötender Fassade rasten die Gedanken. Er hatte reichlich Kampfdrogen in seinen Reservoirs, die er innerhalb von Sekundenbruchteilen in den Kreislauf spülen konnte, doch er zögerte, seine sorgfältig errichtete Maske als dekadenter Aristokrat einfach wegzuwerfen, bevor es absolut notwendig war. Der Gedanke gefiel ihm nicht, daß sich die Nachricht verbreiten könnte, er wäre nicht der unfähige Stutzer, den alle in ihm zu sehen glaubten. Die Leute würden beginnen, darüber nachzudenken, was er sonst noch alles verbergen mochte. Andererseits konnte er sich aus genau dem gleichen Grund auch nicht erlauben, daß die Soldaten ihn gefangennahmen. Er beschloß, erst mal abzuwarten und zu sehen, wie groß die Gefahr wirklich war. Und dann verschwanden die Esper-Vertreter von einem Augenblick zum andern, und Luft rauschte in das Vakuum, das sie hinterlassen hatten.
»Diese Feiglinge!« schrie Stevie Eins. »Sie sind einfach hinausteleportiert und überlassen uns unserem Schicksal!«
Die Kaverne besaß insgesamt sechs Eingänge, von denen keiner groß genug war, um mehr als zwei Männer gleichzeitig hindurchzulassen. Die Stevie Blues sicherten drei davon. Aus ihren Händen sprangen bedrohliche psionische Flammen. Kit Sommer-Eiland postierte sich vor einem vierten Eingang und bedeutete David Todtsteltzer, den fünften zu decken. Der junge Lord Sommer-Eiland grinste breit. David hingegen sah aus, als wäre er lieber woanders, doch seine Augen blickten ruhig, und sein Mund war zu einem entschlossenen Strich zusammengepreßt. Er hielt das Schwert und den Disruptor, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Schließlich war er ein Todtsteltzer.
Ein Ausgang blieb ungedeckt. Huth stand noch immer wie angewurzelt an Ort und Stelle und beobachtete die Bildschirme an den Wänden. Evangeline setzte sich in Richtung des Ausgangs in Bewegung, als wolle sie jeden Augenblick davonrennen. Valentin legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm.
»Nicht«, murmelte er. »Wegzulaufen wäre wirklich eine sehr dumme Idee. Seht nur auf die Schirme. Die Soldaten haben alle Fluchtwege abgeriegelt, und im Augenblick
schießen sie auf alles, was sich bewegt. Ihr könnt nicht fliehen.«
»Aber Ihr versteht nicht!« rief Evangeline. »Ich kann mir nicht leisten, gefaßt zu werden!«
Valentin hob eine Augenbraue. »Ich denke, das gilt für uns alle gleichermaßen. Und wenn Ihr mich jetzt entschuldigt, ich glaube, ich sichere besser den verbleibenden Eingang.«
Evangeline blickte ihn zweifelnd an. »Ihr? Was wollt Ihr denn tun? Die Soldaten mit Drogen bestechen?«
»Oh, ich denke, da weiß ich etwas Besseres«, erwiderte Valentin ruhig. »Außerdem – wer soll es denn sonst tun, wenn nicht ich?«
Evangeline blickte zu Huth, der an seinem Platz anscheinend Wurzeln zu schlagen schien, bevor sie die Augen niederschlug.
»Gebt mir ein Messer«, forderte sie Valentin leise auf. »Sie werden mich nicht lebend in die Hände bekommen.«
Valentin musterte sie einen langen Augenblick, bevor er ein Stilett aus dem Stiefel zog und es ihr gab. Evangeline nahm es mit einem schweigenden Nicken entgegen und ging hinüber zu Huth, wo sie die Schirme beobachtete. Valentin schlenderte lässig zu dem letzten unbewachten Eingang hinüber. Seine Gedanken rasten noch immer. Er hatte soviel Zeit und Mühe darauf verwandt, seine Rolle als Dandy aufzubauen, und es schien tatsächlich so, als müßte er sie jetzt einfach wegwerfen. Es war wie immer: Der Mensch denkt, die Herrscherin lenkt. Aber dann kam ihm ein neuer Gedanke, und er grinste.
Worüber machte er sich eigentlich Sorgen? Die Chancen standen nicht schlecht, daß er an Ort und Stelle sterben würde.
Die Idee munterte ihn eigenartigerweise auf, und Valentin überprüfte den Inhalt seiner Pillendose auf eine spezielle Kleinigkeit hin. Einige der Soldaten würden jedenfalls eine sehr unangenehme Überraschung erleben.
Die ersten bewaffneten Truppen kamen um die Ecke und fanden sich Angesicht in Angesicht mit Stevie Eins, die den Eingang bewachte. Sie hoben ihre Pistolen, und die Elfe traf sie mit einem Blitz aus Höllenfeuer. Die Soldaten schrien auf, als Flammen den Tunnel ausfüllten und die Luft aus ihren Lungen saugten, während ihr Fleisch verbrannte. In den angrenzenden Eingängen erschienen noch mehr Soldaten und fanden sich Stevie Zwo und Drei gegenüber. Sie ereilte das gleiche Schicksal wie ihre Kameraden. Die vordersten Reihen der Imperialen Truppen starben grausame Tode. Evangeline beobachtete das Geschehen auf dien Bildschirmen. Sie konnte die Augen nicht abwenden. Der Ansturm der Überlebenden kam zum Erliegen, als die Nachricht vom Tod ihrer Kameraden die Runde gemacht hatte. Sie warteten ab.
»Sie bringen ESP-Blocker nach vorn!« schrie Stevie Zwo auf einmal. »Ich kann spüren, wie sie näher kommen. Mein Feuer wird bereits schwächer!«
Weitere Soldaten stürmten durch einen anderen Eingang heran und sahen sich Kid Death gegenüber. Er erschoß die vordersten Männer mit beinahe lässiger Präzision, dann steckte er die Waffe ein und stapfte mit beidhändig geführtem Schwert zwischen seine Gegner. In dem engen Durchgang konnten sie sich ihm nur zu zweit entgegenstellen, und das bedeutete keine Gefahr für Kid Death. Er lachte, während er den Tod austeilte; ein helles, gehauchtes, entsetzliches Lachen.
David Todtsteltzer ging in den Zornmodus, und alle Nervosität schien von ihm abzufallen. Die Soldaten hatten ihm genausowenig entgegenzusetzen wie Kid Death. Aber sie waren so viele, und weder Kid noch David machten sich Illusionen über den Ausgang des Kampfes und ihr Schicksal.
Wenn die Soldaten mehr Disruptoren dabeigehabt hätten, wäre der Kampf inzwischen bereits vorüber gewesen.
Dann schrie Evangeline auf und deutete auf die Bildschirme. Valentin hörte ein Brausen, das ihm recht bekannt erschien. Das Geräusch kam tief aus den Tunneln. Er blickte sich zu den Schirmen um und lachte laut. Die Soldaten im Tunnel hörten sein Gelächter, und sie hörten auch das dumpf brüllende Donnern, das immer näher kam. Sie wandten sich um und sahen, wie eine Wand aus Wasser rauschend auf sie zuraste und den gesamten Tunnel bis zur Decke ausfüllte.
Einen Augenblick lang dachte Valentin, es wäre schon wieder nur eine Illusion, ein letzter Verteidigungstrick der Esper, doch dann fiel ihm ein, daß das unmöglich der Fall sein konnte. Alle Esper waren inzwischen tot oder zumindest durch die ESP-Blocker außer Gefecht gesetzt. Das Wasser mußte echt sein. Und auf den Bildschirmen war zu sehen, wie die Flutwelle über den Soldaten zusammenbrach und sie mit sich riß.