Sie hatten nicht die Spur einer Chance.
Valentin zog sich vom Eingang zurück und stellte sich neben Huth und Evangeline. Er beobachtete auf den Schirmen, wie die Soldaten starben. Das Wasser riß sie mit sich fort wie Blätter in einem angeschwollenen Strom, warf sie mit zerschmetternder Gewalt gegen die Wände der Tunnels und trieb sie vor sich her. Einige versuchten, sich an irgendwelchen Handgriffen festzuhalten, die in die Tunnelwände eingelassen waren, aber der Druck des Wassers war einfach zu stark, und es gab nirgendwo Luft zum Atmen. Wenn sie Glück hatten, ertranken sie schnell. Ihre Leichen wurden von der tobenden Flut davongespült. David Todtsteltzer und Kit Sommer-Eiland fällten ihre letzten Gegner, dann blickten sie sich verwirrt um.
David atmete schwer und zitterte sichtbar, als er den Zorn versiegen ließ, auf seinem Gesicht jedoch zeichnete sich Hochgefühl ab. Kid Death lächelte zufrieden, und sein Atem ging keine Spur schneller als zuvor. In den Augen der beiden leuchtete das gleiche Feuer, das gleiche zufriedene
Vergnügen. Sie warfen sich einen verschwörerischen Blick zu wie zwei Männer, die ein Geheimnis teilten.
Eine der Stevie Blues jubelte begeistert, und die beiden anderen stimmten ein.
»Die ESP-Blocker wurden zerstört oder davongeschwemmt!« sagte Stevie Eins. »Ich kann sie nicht mehr spüren. Wir sind in Sicherheit.«
»Das sehe ich anders«, entgegnete Valentin mit überraschend ungerührter Stimme. Er deutete auf die Bildschirme.
»Das ganze Wasser ist auf dem Weg hierher, und wir haben keinerlei Möglichkeit, es aufzuhalten.«
Sie sahen es auf den Schirmen, und sie wichen von den Eingängen zurück. Das Donnern des Wassers war inzwischen zu einem ohrenbetäubenden Lärm angewachsen, wie ein Donnerschlag, der einfach nicht aufhörte. Jeder konnte den Druck der sich vor der großen Woge aufstauenden Luft
spüren. Auf den Schirmen trieben tote Soldaten wie schlaffe Puppen blicklos durch die Fluten. Sie wichen noch weiter von den Eingängen zurück und sammelten sich in der Mitte der Kaverne, weil es keinen anderen Weg für sie gab. Sie blickten dem Tod auf den Bildschirmen entgegen. Keiner von ihnen hatte noch etwas zu sagen. Die Stevie Blues hielten sich an den Händen, und Evangeline Shreck faßte Valentins Arm. Er lächelte schwach und ließ es geschehen.
Dann krachte die Flutwelle gegen eine unsichtbare Barriere und stockte. Das Wasser auf den Bildschirmen kochte, aber es fand keinen Weg in die Kaverne. Die Luft schimmerte, und plötzlich waren die Vertreter der Esper wieder zurück. Mister Perfekt lächelte über die überraschten Gesichter.
»Ihr habt doch nicht wirklich geglaubt, wir würden Euch einfach im Stich lassen, oder? Wir bereiteten die Flutwelle in den Abwasserkanälen vor, nachdem Burgess seinen Verrat gestanden hatte. Es erschien uns als vernünftige Vorsichtsmaßnahme. Nur für den Fall, wenn Ihr versteht?«
»Wenn ich mich nicht so verdammt gut fühlen würde«, knurrte David Todtsteltzer, »dann würde ich Euch jetzt alle töten! Vielleicht mache ich es auch noch, einfach aus Prinzip.«
»Verdammt richtig!« stimmte Kid Death ihm zu. »Ich bin in den letzten Minuten bestimmt um zwanzig Jahre gealtert. Euer Glück, daß es mir so gut steht.«
Die beiden Männer lachten sich freundschaftlich zu. Auch die Stevie Blues lachten. Evangeline bemerkte, daß sie sich noch immer an Valentins Arm klammerte und ließ los. Er verbeugte sich höflich vor ihr. Huth schüttelte langsam den Kopf.
»Man sollte glauben, ich hätte mich inzwischen an diese Esper und ihre verschlagenen Methoden gewöhnt«, sagte er müde. »Ich nehme an, Ihr habt auch an einen Weg gedacht, das Wasser wieder aus den Gängen zu entfernen, damit wir gehen können?«
»Aber selbstverständlich«, erwiderte der Drache. »Es dauert nicht mehr lange, und Ihr könnt alle nach Hause gehen.«
»Aber ich würde trotzdem vorsichtig sein, wo ich hintrete«, sagte Valentin Wolf. »Heutzutage weiß man nie, was man so alles im Wasser findet…«
KAPITEL NEUN
WER SCHLÄFT DENN DA IN MEINEM KOPF?
Der Mann mit dem Decknamen Huth schlenderte ohne sichtliche Eile durch die stillen Korridore und Gänge tief im Herzen des Imperialen Palasts. Es waren breite Korridore mit hohen Decken, und die Wände waren mit geschmackvollen Gemälden und Porträts im Stil der augenblicklichen Mode geschmückt. Holos waren so plump. Menschen kamen und gingen, schweigend, unterwegs mit wichtigen Aufträgen, und passierten Huth, ohne ihn auch nur zu bemerken. Das schwache ESP, mit dessen Hilfe er sein Gesicht während der Versammlung vor den anderen versteckt hatte, sorgte hier oben dafür, daß niemand ihn überhaupt auch nur sah. Er war nicht wirklich unsichtbar; der Trick bestand darin, dem Bewußtsein des Gegenübers einfach einen kleinen Schubs zu geben, so daß es überall hinblickte, nur nicht zu ihm. Zum Glück waren ESP-Blocker selten und teuer, was zur Folge hatte, daß sie in der Regel nur in Räumen und nicht in den angrenzenden Korridoren verwendet wurden. Eigentlich eine ernstzunehmende Lücke im Sicherheitssystem des Palasts, aber Huth hatte bewußt darauf verzichtet, darauf hinzuweisen. Man weiß ja nie, wann man ein As im Ärmel gebrauchen kann, ganz besonders dann nicht, wenn man mit der Eisernen Hexe zu tun hat. Löwenstein XIV. hatte die Paranoia zu einer Kunstform erhoben, die sich auch unter ihren Untertanen ständig wachsender Beliebtheit erfreute.
Des weiteren führte Huth ein kleines technisches Gerät mit sich, das verhinderte, daß sein Gesicht auf einem der Sicherheitsmonitore erschien. Eine einfache Schaltung, die ein Programm auslöste, welches er in die Sicherheitslektronen eingeschleust hatte. Einmal gestartet, blendete es ihn einfach aus den Aufzeichnungen der Monitore aus. Der Apparat manipulierte jede Kamera, an der er vorüberkam, und wenn er vorbei war, ließ er sie den Zwischenfall wieder vergessen. Kein Kunststück für jemanden wie ihn. Schließlich hatte er unbeschränkten Zugang zu den Sicherheitssystemen.
Es dauerte ein wenig länger als üblich, bis er in seinen Privatunterkünften angelangt war, doch daran war er inzwischen gewöhnt. Weil die Leute ihn nicht sahen, hatten sie die lästige Angewohnheit, ihn einfach umzurennen, und er mußte recht schnell auf den Beinen sein, um Zusammenstöße zu vermeiden. Sein ESP war nicht stark genug, um seine Gegenwart vor jemandem zu verbergen, der soeben gegen ihn geprallt war.
Schließlich war er doch in seinen Räumen angelangt, und als er die Tür hinter sich verriegelt hatte, konnte er endlich ein wenig entspannen. Er zog 4en Umhang von den Schultern, warf ihn in Richtung seines Kleiderständers und stieß einen langen, erleichterten Seufzer aus. Zu Hause und in Sicherheit.
Jedenfalls so sicher, wie er sich nur je fühlen konnte. Er ließ sich in einen bequemen Sessel sinken und rekelte sich
genüßlich. So ein Doppelleben zu führen war auf die Dauer eine sehr ermüdende Angelegenheit. Huth grinste und ließ seine ESP-Maske fallen, und dann saß der Hohe Lord Dram im Sessel, Oberster Krieger des Imperiums und Chef der Sicherheitsbehörden der Imperatorin Löwenstein XIV. Rechte Hand und Liebhaber der Eisernen Hexe in einer Person.
Jetzt, da er sich ein wenig entspannen konnte, kam ihm in den Sinn, daß er eigentlich vor Wut und Angst beinahe außer sich sein sollte. Die Razzia der Sicherheitsleute hätte um ein Haar zu seiner Gefangennahme geführt. Das waren nicht seine Leute gewesen, ganz bestimmt nicht. Er hatte sich einiges einfallen lassen, um sicherzustellen, daß sie woanders beschäftigt waren. Und da er die Razzia nicht genehmigt hatte, mußte sie von den Leuten der Imperatorin selbst angeordnet worden sein. Wahrscheinlich hatten ihre eigenen Agenten Einzelheiten über das geplante Treffen in Erfahrung gebracht und die Gelegenheit nutzen wollen, um ihn in den Augen der Herrscherin als nachlässig dastehen zu lassen. Zwischen seinen Agenten und den ihren bestand immer eine gewisse Rivalität, aber bisher hatte er in dem Glauben gelebt, alles unter Kontrolle zu haben. Offensichtlich war das ein Irrtum gewesen. Er würde etwas deswegen unternehmen müssen. Wenn man ihn gefangen und seine Person identifiziert hätte, wäre all die Zeit und Mühe, die er auf seine Rolle als Huth investiert hatte, umsonst gewesen, und die Imperatorin hätte ihre beste Informationsquelle über das Geschehen im Untergrund verloren. Und was noch mehr zählte: Er hätte wie ein Dummkopf vor ihr gestanden, und all seine geheimen Pläne wären ruiniert gewesen.