Aber man hatte ihn nicht geschnappt. Durch Glück und die Voraussicht, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben, war er ungeschoren davongekommen. Er würde in der Kirche eine Kerze anzünden. Als Zeichen seines Dankes. Wenn er die Zeit dazu fand.
Dram streckte sich erneut und genoß die bequeme Trägheit.
Er legte die Füße auf den gepolsterten Schemel, der sich rechtzeitig in Bewegung setzte, um seine Füße aufzufangen.
Dram war ein überzeugter Anhänger der neuesten technischen Spielereien. Einer der Vorteile, wenn man so dicht am Zentrum der Macht lebte, so nah bei der Imperatorin. Leib und Leben und Freiheit waren hier und da in ernsthafter Gefahr, aber niemals persönlicher Komfort. Doch selbst in Anbetracht dieser Umstände war Drams Quartier spartanisch im Vergleich zu denen anderer Leute seines Ranges und seiner Position. Er hatte kein sonderliches Interesse an persönlichen Besitztümern, außer sie dienten seiner Bequemlichkeit. Und so fanden sich überall weichgepolsterte Sessel, ein luxuriöses Bett und dicke Teppiche auf dem Boden. Nicht zu vergessen eine ganz hervorragend bestückte Hausbar. Aber es gab weder kybernetische Spielzeuge noch Holoaussichten oder Illusionen an den Wänden. Nichts, das teuer und unnütz gewesen wäre. Keine Statussymbole, die nur dem Beweis dienten, daß er sie sich leisten konnte. Dram war immer eher introvertiert gewesen, und Besitztümer erschienen ihm lediglich als eine weitere Angelegenheit, um die man sich kümmern mußte. Sie machten einen langsam, wenn man es eilig hatte, und sie lenkten einen ab, wenn man sich konzentrieren mußte. Also kam er ohne derartigen Ballast zurecht, jedenfalls zum größten Teil. Das Leben war auch so schon kompliziert genug.
Auch fand Dram keine Zeit für die Exzesse und Ausschweifungen, die andere seines Ranges und Standes so sehr liebten.
Für Dram bedeuteten sie nichts als Schwächen, und
Schwächen konnte er sich nicht erlauben. Dazu besaß er zu viele Feinde. Und außerdem verschaffte es ihm das gute Gefühl, jederzeit Herr der Situation zu sein und alles unter Kontrolle zu haben. Mit der Zeit würde er diese Kontrolle noch viel weiter ausbauen; so weit es nur ging. Seine einzige Leidenschaft – mit Ausnahme der Imperatorin, lang mochte sie herrschen – war der Ehrgeiz. Allerdings achtete er sehr sorgfältig darauf, dieses Geheimnis für sich zu behalten. Geliebter oder nicht, Löwenstein XIV. würde keine Sekunde zögern, ihn hinrichten zu lassen, wenn sie in ihm erst eine Bedrohung für ihren Thron entdeckt hatte. In diesen Dingen war sie schon immer sehr rigoros gewesen. Dram bewunderte diesen Charakterzug an ihr. Die Vorstellung gefiel ihm, daß sie auch außerhalb des Bettes noch etwas gemeinsam hatten.
Sein Ehrgeiz war es gewesen, der ihn das Potential der neuen Esper-Droge hatte erkennen lassen. Er hatte unverzüglich Schritte eingeleitet, um die Wissenschaftler, die an diesem Projekt arbeiteten, unter seine Kontrolle zu bringen. Er isolierte sie von allen äußeren Einflüssen und trieb sie gnadenlos an, bis sie ihm eine erste Probe liefern konnten, die er an entbehrlichen Subjekten testete, so lange seine Geduld es ihm erlaubte. Dann nahm er die Droge selbst, nur eine ganz kleine Dosis, und es war wunderbar! Ein Gefühl wie ein Blinder, der zum ersten Mal in seinem Leben einen Schwan erblickte, oder ein Tauber, der unvermittelt Beethovens Neunte hörte.
Anschließend hatte Dram jeden töten lassen, der in das Projekt verwickelt gewesen war, mit Ausnahme der wenigen Wissenschaftler, die zur Produktion und Weiterentwicklung der neuen Droge unbedingt erforderlich waren. Für Dram war von größter Bedeutung, daß er allein die Kontrolle über das Projekt behielt. Er wußte ganz genau, daß die Droge ihm vielleicht sogar den Weg zum Eisernen Thron selbst ebnen konnte. Die Untergrundbewegung der Klone würde ihm neue Testkandidaten liefern – und am Ende sogar seine eigene private Armee von Espern, niemand anderem als allein ihm ergeben.
Sie würden alles für ihn tun, wenn er ihnen im Gegenzug die Droge gab. Dram kannte ihre Geheimnisse. Die Wirkung war nur vorübergehend. Um die Fähigkeiten eines Espers weiterhin zu besitzen, mußte man die Droge ständig nehmen. Und obwohl die Droge keinerlei Sucht erzeugte – allein die Erfahrung von ESP machte abhängig. Jeder, der sie einmal gemacht hatte, und sei es auch für noch so kurze Zeit, würde alles dafür tun, wieder ein Esper zu sein. Wieder ein ganzer Mensch zu sein. Und Dram kontrollierte die Produktion und Verteilung der Droge. Was bedeutete, daß er auch die Leute kontrollierte, die die Droge nahmen. Für immer. Der Gedanke bereitete ihm Freude, und er lachte leise. Die Klone würden die Droge begierig annehmen, weil sie ihm vertrauten, Huth vertrauten, dem erprobten und treuen Helfer der Untergrundbewegung. Und wenn sie schließlich die Wahrheit entdeckten, war es bereits viel zu spät.
Sicher, die Sterberate von zwanzig bis vierzig Prozent stellte ein echtes Problem dar. Er würde etwas dagegen unternehmen müssen. Er verabscheute Verschwendung.
Dram selbst hatte bisher immer nur kleine Dosen der Droge genommen. Je größer die Dosis, desto höher das Todesrisiko.
Wenn der Körper sich erst einmal an die Droge gewöhnt hatte, konnte man sich relativ sicher fühlen. Das erste Mal war immer riskant. Und da er nicht nur ehrgeizig, sondern auch vorsichtig war, hatte er nur eine ganz geringe Menge genommen. Sie hatte ihm nur schwache ESP-Fähigkeiten verliehen.
Damit konnte er durchaus leben. Die höheren Dosen waren für seine Klon-Freunde bestimmt. Die Freiwilligen. Dram war sehr daran interessiert, was höhere Dosen zu bewerkstelligen vermochten, aber er konnte warten. Er war geduldig. Es bestand durchaus die Möglichkeit, daß größere Mengen der Droge Kampfesper wie die Stevie Blues hervorbrachten. Mit einer Armee von ihnen konnte er es mit jedem Gegner aufnehmen. Angepaßte und aufgerüstete Männer wie die Kyborgs von Haden oder die Wampyre gehörten der Vergangenheit an. Die Zukunft hieß ESP.
Eine wahre Schande, daß die Tests an Klon-Espern eingestellt worden waren. Sie hatten – unter seiner indirekten Kontrolle – ein paar sehr interessante Resultate versprochen, doch dann hatte die Imperatorin davon erfahren und jede weitere Forschung untersagt. Das waren schon wieder ihre verdammten Agenten gewesen, und nur seine schnelle Reaktion hatte verhindern können, daß er als Drahtzieher im Hintergrund entdeckt wurde. Das durfte nicht noch einmal geschehen. Die Droge war seine einzige Waffe gegen die gesamte Macht und den Einfluß der Imperatorin. Außer natürlich, sie wußte bereits davon. Was immerhin eine Möglichkeit war. Man konnte nie genau sagen, was die Löwenstein wußte und was nicht.
Aber wenn sie von Drams Plänen und Absichten gewußt hätte, wäre er inzwischen wohl schon tot.
»Rede mit mir, Argus«, sagte er endlich und ließ sich mit geschlossenen Augen tief in den Sessel zurücksinken, während seine KI ihn über alles informierte, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war. Dram hatte viele Feinde, und die meisten von ihnen wußten, wo er lebte. Er verließ sich auf die unbestechliche Wachsamkeit seiner KI, die seine Quartiere überwachte, während er abwesend war.