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Er folgte Löwenstein durch einen nackten Korridor mit metallenen Wänden, bis sie schließlich in einer auf Hochglanz polierten stählernen Kammer herauskamen, die mit Rechnersystemen vollgestopft war. Die Lektronen erwachten bei der Annäherung Löwensteins summend zum Leben, und die Deckel der beiden Lebenserhaltungskapseln in der Mitte des Raums glitten surrend zur Seite und enthüllten gepolsterte Liegen. Dram verzog den Mund. Selbst hier verzichtete Löwenstein nicht auf ihren gewohnten Komfort. Er betrachtete die Kapseln zweifelnd. Der Oberste Krieger hatte sich nie wohl gefühlt, wenn er sie benutzen mußte; sie erinnerten ihn zu sehr an Särge. Aber wenn man sein Bewußtsein schon in die Matrix schickte, dann mußte der Körper geschützt und am Leben erhalten werden, während man › abwesend ‹ war. Ganz besonders, wenn es die Körper der Imperatorin und ihres wichtigsten Beraters waren.

Löwenstein war unterdessen bereits in ihre Kapsel geklettert und machte es sich bequem. Ringsum begannen Maschinen zu summen, und überall blinkten Kontrolleuchten auf. Dram begab sich zögernd in die zweite Kapsel. Es war schon eine ganze Weile her, daß er zum letzen Mal persönlich in der Matrix gewesen war, und nach und nach fiel ihm auch der Grund ein.

»Sag mir, daß es einen wichtigen Grund gibt, aus dem wir das hier tun«, sagte er zur Decke über sich. »Ich hasse die Vorstellung, daß ich mich nur wegen eines Einkaufstrips diesem Risiko aussetze.«

»In letzter Zeit sind ziemlich eigenartige Dinge in der Matrix geschehen«, erklärte Löwenstein, und in ihrer Stimme war nicht die kleinste Spur von Fröhlichkeit. »Leute sind in ihr verschwunden und nie wieder zurückgekehrt. Von ihrem Bewußtsein fehlt jede Spur, sowohl in der Matrix als auch in ihren Körpern. Was eigentlich unmöglich sein sollte. Und dann sind Dinge an einem Tag da und am anderen wieder nicht, und niemand weiß, warum. Stimmen sprechen in unbekannten Sprachen, und helle Lichter erstrahlen in Farben, die noch nie jemand gesehen hat. Und als wäre das allein nicht schon genug, halten sich hartnäckige Gerüchte, daß KIs aus der Matrix in menschliche Körper übergewechselt sein sollen, nachdem sie das ursprüngliche Bewußtsein zerstört haben, und daß sie diese fleischlichen Hüllen benutzt haben, um sich unerkannt unter den Menschen zu bewegen.«

»Aus welchem Grund sollten sie das tun?« fragte Dram.

»Sie würden nach dem Leben in der Matrix die Erfahrungen des Menschseins als ziemlich einengend empfinden.«

»Vielleicht Freiheit. Oder Perversion. Oder Sensationslüsternheit, die sich in den Freuden des Fleisches verliert. Wer weiß das schon? Was zählt, ist, daß Leute, denen ich in dieser Beziehung vertraue, zu mir gekommen sind und berichtet haben, daß wir ein Problem mit der Matrix haben. Und wenn sie recht behalten, stecken wir in ernsten Schwierigkeiten. Die Matrix ist die Basis aller Kommunikation im Imperium. Ohne Kommunikation fällt alles auseinander.«

»Moment mal«, unterbrach sie Dram. »Wie war das mit den KIs? Reden wir hier von bestimmten KIs?«

»Mein erster Gedanke war, daß die Abtrünnigen von Shub trotz all unserer Sicherheitsvorkehrungen irgendwie Zugang zur Imperialen Matrix gefunden hatten und daß sie die gestohlenen Körper benutzten, um sich unentdeckt unter uns zu bewegen und uns auszuspionieren. Schließlich sind unsere eigenen KIs so programmiert, daß sie bestimmte Grenzen gar nicht überschreiten können.«

» Shub-Agenten unter uns?« Dram runzelte die Stirn. Sein Verstand raste. »Wir könnten sie mit Hilfe unserer Esper entdecken, aber sie benutzen vielleicht ESP-Blocker. Oder irgendein hochtechnologisches Äquivalent. Shub war uns technisch immer mindestens ein halbes Jahrhundert voraus. Wenn du recht behältst, dann stecken wir wirklich in ernsten Schwierigkeiten.«

»Und wir können noch nicht einmal eine Warnung herausgeben, ohne wenigstens Hoffnung auf eine Lösung anzubieten; eine Massenpanik wäre die Folge, und die Matrix würde augenblicklich zusammenbrechen. Vielleicht würden wir die Abtrünnigen von Shub auch aufschrecken, wenn wir etwas Unüberlegtes unternehmen. Ich habe bereits Spezialisten auf eine technologische Lösung des Problems angesetzt, selbstverständlich unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen; doch niemand kann sagen, wie lange das dauert. Und wir können nicht warten. Wir haben Hinweise darauf, daß bereits jemand aus der Führungsschicht übernommen wurde. Jemand von wirklich weit oben.«

»Nein!« sagte Dram. »Ich kann das einfach nicht glauben.

Keine Maschine der Welt könnte auf Dauer als Mensch durchgehen. Außer… Shub wäre uns inzwischen wirklich so weit voraus.«

»Irgend jemand hat uns bereits geschlagen, als wir die Schläfer von Grendel holen wollten. Irgend jemand mußte wissen, daß wir planten, die Schläfer zu Stoßtruppen auszubilden, und er ist uns zuvorgekommen. Irgend jemand, der sehr mächtig sein muß. Wenn in der Matrix eigenartige Dinge geschehen, dann muß ich das wissen. Und das bedeutet, ich muß mich selbst davon überzeugen. Und ich will verdammt sein, wenn ich allein nachsehe. Deswegen habe ich dich gerufen.«

»Na, dann danke ich dir recht herzlich«, erwiderte Dram säuerlich.

Löwenstein lachte nicht. »Sei wachsam, Dram. Du mußt unbedingt sicherstellen, daß ich es wirklich bin, die zurückkehrt.«

Dram dachte noch immer über eine Antwort nach, als er hörte, wie sich der Deckel von Löwensteins Kapsel schloß. Er schluckte schwer, starrte zu der schweigsamen Decke hinauf und betätigte den Schalter, der den Deckel seiner eigenen Kapsel schloß. Während der Verschluß einrastete, kam ihm der Gedanke, daß das Imperium sich wegen einer Beerdigung jedenfalls keine Gedanken machen mußte, wenn etwas schiefging; sie konnten ihn einfach mitsamt der Kapsel so begraben, wie er war. Der Gedanke tröstete ihn nicht im geringsten. Dann herrschte für einen Augenblick finsterste Dunkelheit, bevor sein Bewußtsein in die Matrix schoß.

Drams Verstand sprang über das Komm-Implantat nach draußen in die Imperiale Matrix wie ein Lachs, der die Stromschnellen eines Flusses überwand, wie ein Vogel, der durch eine dunkle Schlucht jagt, voller Furcht und Erwartung. Auf eine gewisse Art und Weise, über die er gar nicht gerne nachdachte, begleitete den Eintritt in die Matrix immer ein eigenartiges Gefühl, als würde er nach Hause kommen. Als würde die endlose, schimmernde Ebene, über die er nun blickte, sein Unterbewußtsein an den Ort erinnern, an dem er vor seiner Geburt gewesen war. Die Matrix erstreckte sich in alle Richtungen, so weit das Auge reichte; eine massive Sphäre des Seins, und er, unendlich klein, genau in ihrer Mitte. Über und unter ihm und auf allen Seiten befanden sich fremdartige Formen und Fragmente; Kreaturen, die scheinbar ohne jeden Einfluß von Schwerkraft oder rationalem Verstand umherwirbelten. Dram konzentrierte sich und richtete seinen Willen nach außen. Einen Augenblick später fand er sich auf einem grasbewachsenen Hügel wieder. Er trug eine vollständige Kampfrüstung mit Schwert und Disruptor an der Hüfte. Anscheinend dachte sein Unterbewußtsein, daß dieser Schutz notwendig war, und Dram hatte keine Lust, darüber zu streiten. Es gab Wesen in der Matrix, die sich in praktisch jeder nur gewünschten Form manifestieren konnten. Das hing von der Macht ab, über die man verfügte. Dram war nur ein Mensch und besaß kaum Aufrüstungen, und das band ihn an seine normale Gestalt und Größe.

Er blickte sich ohne besondere Eile in seiner neuen Umgebung um und ließ die Fremdartigkeit von allem auf sich einwirken, bis er sich daran gewöhnt hatte. Was er sah, war nicht real; es war lediglich sein Verstand, der die empfangenen Eindrücke in dieser Weise interpretierte. Die Matrix war der Versammlungsort des Imperiums für Geschäfte und Informationen, und hier besaßen Symbole und Sinnbilder Stärke. Unbewußte, geheime Bedeutungen tauchten unvermittelt an die Oberfläche eines ungeübten Verstandes wie Wale aus großen, geheimnisvollen Tiefen. Die größten Formen bildeten die Datenblöcke: Ansammlungen von Informationen, denen man Gestalt und Kontur gegeben hatte, damit sie sich vor Räubern verteidigen konnten, die allenthalben die Matrix durchstreiften. Sie regten sich kaum, solange man sie in Ruhe ließ und nicht aufscheuchte. Dann waren da die KIs: große, strahlende Sonnen aus purer, sengender Energie. Kam man ihnen zu nahe, verbrannte man sich an ihnen die Flügel wie einst Ikarus an der Sonne; wich man nicht zurück, verbrannten sie einem das Bewußtsein wie trockenen Zunder. Der Mensch war nicht geschaffen, das Antlitz der Medusa zu ertragen.