»Euer Vater dachte, es sei nötig«, erwiderte Razor. Er blickte Finlay noch immer nicht an. Seine grünen Augen schweiften unablässig durch die weite Halle, und seine Stimme war genauso ausdruckslos wie sein Blick. »Die Sicherheitsmaßnahmen wurden um eine Stufe verschärft und unter meine direkte Kontrolle gestellt. Auf jedem Stockwerk des Turms befinden sich Posten, die die Treppen und Aufzüge bewachen. Ich soll Euch persönlich zu der Versammlung eskortieren. Folgt mir.«
Die Türen des Aufzugs glitten zur Seite, als hätten sie nur auf Razors Erlaubnis gewartet, und er betrat den Lift, ohne sich davon zu überzeugen, ob Finlay seiner Aufforderung auch Folge leistete. Finlay schürzte die Lippen und betrat den Aufzug. Von keinem anderen hätte er ein derart respektloses Benehmen hingenommen, aber Razor war ein Investigator und stand deswegen über solchen Trivialitäten wie Höflichkeit und gutes Benehmen. Nicht, daß der Mann ihn hätte persönlich beleidigen wollen; Razor verachtete eben jeden, der nicht ebenfalls Investigator war. Die Feldglöcks hatten sich mit ihm eingelassen, weil er einem Zweck diente. In dem Augenblick, wo dieser Zweck erfüllt war, würde Razor mit derartiger Geschwindigkeit und in so hohem Bogen hinausfliegen, daß ihm schwindlig werden würde. Niemand mißachtete einen Feldglöck und kam damit durch. Niemals.
Finlay grinste bei dem Gedanken und ignorierte den Investigator demonstrativ, als der Lift sich sanft in Richtung des Dachgeschosses in Bewegung setzte. Die Fahrt verlief ruhig und ereignislos, trotz Razors gespannter Wachsamkeit; trotzdem ließ der Investigator Finlay nach der Ankunft im Aufzug warten, während er sich mit seinen Leuten davon überzeugte, daß die Etage sicher war. Dann erst eskortierte er Finlay zum Versammlungsraum und postierte sich neben der breiten Tür, als Finlay sie öffnete und eintrat. Braver Hund, dachte Finlay.
Zahlreiche Gesichter blickten ihm verärgert entgegen, als er sich knapp vor den restlichen Familienmitgliedern verbeugte, die rings um den jahrhundertealten Tisch Platz genommen hatten. Der Tisch war ein großes, schweres Möbel aus Eisenholz, das angeblich älter war als der Clan selbst, und das besagte einiges. Die Feldglöcks waren schließlich einer der Gründerclans des Imperiums gewesen. Nebenbei sorgten sie fleißig dafür, daß niemand je diese Tatsache vergaß, auch nicht für einen Augenblick. Der Versammlungsraum war eigentlich viel zu groß, und der altehrwürdige Tisch stand inmitten einer weiten, leeren Fläche.
Am Kopf hatte Crawford Feldglöck Platz genommen, klein, stämmig und mächtig. Vorstand der Familie, durch Alter und Persönlichkeit – und weil er alle getötet oder eingeschüchtert hatte, die diesen Titel rechtmäßig mehr als er selbst beanspruchen durften. Natürlich sprach man nicht darüber. So liefen die Dinge eben, jedenfalls in den meisten Familien. Zu seiner Linken saß sein Sohn William, der Buchhalter. Er führte die Geschäfte der Familie, wenn man das so nennen konnte. Zu Crawfords Rechter saß Gerold, sein jüngster Sohn (der wandelnde Unglücksrabe…). Man sagte, daß es ein Dutzend Möglichkeiten gab, innerhalb des Feldglöck-Clans seinen Atem zu verschwenden, und mit Gerold zu sprechen waren bereits sechs davon. Neben Gerold saß Finlays Frau, die gefürchtete Adrienne. Sie hatte genaugenommen nicht das Recht, der Versammlung beizuwohnen, denn sie war nur durch Heirat eine Feldglöck. Aber wie üblich hatte niemand den Nerv, sie hinauszuwerfen. In Finlay keimte allmählich der Verdacht, daß sogar Razor seine Schwierigkeiten damit gehabt hätte. Er nahm seiner Frau gegenüber Platz, so daß sie sich einfacher anstarren konnten. Dann warf er einen Blick in die Runde und bereute es beinahe sofort. Wenn man die scharfen Sicherheitsmaßnahmen bedachte, die das Treffen begleiteten, dann wirkte der weite leere Raum um den Tisch herum ziemlich beunruhigend, ja sogar bedrohlich. Sie hätten ihr Treffen genausogut in einem ihrer privaten Quartiere abhalten können, doch der Feldglöck hatte auf diesem Versammlungsort bestanden. Für Crawford waren eben Äußerlichkeiten von Bedeutung. Selbst dann, wenn niemand außer Familienangehörigen sie zu Gesicht bekam.
»Ein neuer Anzug?« fragte Adrienne zuckersüß. »Ich könnte schwören, daß du mehr Kleidung besitzt als ich, mein Lieber.«
»Und schönere« entgegnete Finlay schnippisch. »Vielleicht sollte ich dir den Namen meines Schneiders geben? Und auch den meines Friseurs – du scheinst deinen ja wirklich ziemlich verärgert zu haben, wenn man bedenkt, was er mit deinem Haar angestellt hat.«
»Könntet ihr bitte ein einziges Mal eure ständigen Streitereien sein lassen und euch auf drängendere Angelegenheiten konzentrieren?« sagte William schwer. »Es gibt wichtige Dinge zu besprechen.«
»Das sagst du immer«, erwiderte Adrienne. »Und immer stellt sich dann heraus, daß es irgendwas mit Steuern oder Investitionen zu tun hat!«
»Richtig«, stimmte Gerold ihr zu. Wie immer hatte man ihn von seinen Saufkumpanen wegzerren müssen, damit er an diesem Treffen teilnahm, und wie immer schmollte er deswegen. »Du brauchst uns doch gar nicht hier. Du und Vater, ihr beide trefft alle Entscheidungen, und der Rest von uns schließt sich wie üblich eurer Meinung an, um des lieben Friedens willen. Selbst wenn wir etwas einzuwenden haben, ignoriert ihr uns doch völlig.«
»Halt die Klappe, Gerold«, unterbrach ihn der alte Feldglöck, und Gerold sank in seinem Stuhl zusammen. Seine Lippen bebten wütend.
»Es ist wirklich nicht besonders kompliziert«, sagte William.
Finlay stöhnte laut. »Bitte, William! Versuch erst gar nicht, es uns zu erklären. Ich ertrage es nicht, wenn du Dinge erklärst. Hinterher habe ich meistens den ganzen Tag Kopfweh.«
»Ach ja«, mischte sich Adrienne plötzlich ein. »Robert läßt sich entschuldigen. Der arme Bengel fühlt sich noch nicht wohl genug, um bereits wieder an einem Familientreffen teilzunehmen.«
»Kann ich gut verstehen«, sagte Finlay. »Aber früher oder später wird er sich wieder zusammenreißen müssen. Wie weit sind die Shrecks mit ihrer Suche nach einer neuen Braut gekommen?«
»Noch nicht sehr weit«, antwortete William. »Nach dem unglücklichen Versuch der letzten Hochzeit sind diesmal alle ganz besonders vorsichtig. Wir können uns keinen weiteren Skandal mehr leisten. Aber es muß auch gesagt werden, daß Robert keine besonders große Hilfe darstellt, indem er sich ausschließt. Er hat sich geweigert, auch nur einen Blick auf die Liste der Namen zu werfen, die wir ihm brachten. Wenigstens ißt er inzwischen wieder.«
»Ich mochte die Shrecks noch nie«, sagte Gerold. »Der alte Shreck ist ein Schwein, und der Rest ist auch nicht besser.«
»Halt die Klappe, Gerold«, sagte der alte Feldglöck.
»Sie sind nicht die schlecht«, wandte Finlay ein, und ein bestimmter Klang in seiner Stimme ließ die anderen zu ihm blicken. Er fluchte innerlich. Er hatte sich schon besser angestellt in dem Bemühen, seine beiden Identitäten auseinanderzuhalten. Finlay setzte ein unsicheres Grinsen auf und fuhr mit sanfter Stimme fort: »Damit will ich sagen, daß es in jeder Familie ein paar faule Eier gibt. Selbst in unserer.«
»Er sieht mich dabei an!« beschwerte sich Gerold. »Vater, bitte sag ihm, daß er aufhören soll, mich so anzustarren!«
»Halt die Klappe, Gerold«, sagte der alte Feldglöck.
»Wenn du die Shrecks so sehr magst, lieber Finlay, dann hast du vielleicht auch einen entsprechenden Heiratsvorschlag zu machen?« sagte William. »Mir gehen nämlich nach und nach die Ideen aus.«
»Es gibt immer noch Evangeline!« meldete sich Adrienne zu Wort.
»Nein«, widersprach Finlay. »Sie ist die Erbin, vergeßt das nicht.«
»Natürlich, natürlich«, sagte Adrienne. Finlay bedachte seine Frau mit einem forschenden Blick, aber sie schien nichts mehr sagen zu wollen.
»Das kann jedenfalls alles warten«, begann der alte Feldglöck schließlich. »Wir haben dringlichere Probleme zu lösen. Fang an, William.«