Jakob Wolf spürte die Vorbestimmung des Schicksals, als er sich den Weg durch die kämpfenden Leiber bahnte, um Crawford Feldglöck zu stellen. Sie trafen aufeinander, Schwert an Schwert, und beide fühlten so etwas wie Erleichterung, daß die Plänkeleien endlich vorüber waren. Wolf gegen Feldglöck, die Augen voller Haß ineinander versenkt, und Hieb folgte auf Hieb, Parade auf Parade, als wären sie die beiden einzigen Menschen in der großen Halle. Ihre Schwerter prallten funkensprühend aufeinander, und für ein paar Sekunden schien keiner der beiden einen Vorteil auf seiner Seite zu verbuchen. Aber schnell gewann Jakob Wolf die Oberhand.
Crawford Feldglöck war übergewichtig und vom guten Leben verweichlicht, während Jakob immer Wert darauf gelegt hatte, seine Fähigkeiten als Kämpfer zu erhalten. Crawford wich zurück, und Jakob setzte ihm nach, um zu verhindern, daß die wogende Menge seinen Feind retten konnte. Am Ende fegte der Wolf einfach das Schwert des immer schwächer werdenden Feldglöck beiseite und durchbohrte ihn mit der Klinge.
Crawford fiel zu Boden, und der Wolf trat ihm ins Gesicht, als er sterbend dalag. Er bemerkte seinen Sohn Valentin nicht, der sich leise von hinten genähert hatte und ihm einen Dolch zwischen die Rippen stieß. Die Klinge blitzte auf, drang ein und war schon wieder verschwunden, bevor irgend jemand etwas bemerken konnte, und der Wolf sank tödlich getroffen neben seinen Erzrivalen, den alten Feldglöck.
David Todtsteltzer raste unter dem Einfluß des Zorns, und er suchte den Kampf mit Investigator Razor. Ihre Schwerter bewegten sich schneller, als man mit bloßem Auge sehen konnte, und keiner von beiden gab auch nur einen Zoll nach.
Kid Death näherte sich William Feldglöck und stach ihm einen Dolch in die Genitalien. William schrie vor Schmerz und Entsetzen auf. Blut und Urin durchnäßten seine Hosen. Dann durchbohrte Kid Death ihn mit dem Schwert. Die Waffe steckte noch in Williams Leib, als Adrienne dem lächelnden Mörder von hinten einen Dolch kurz oberhalb der Niere durch die Rippen schob. Kid Death wirbelte herum, und das Schwert war nur ein blutiger Schatten, als es aus Williams Leichnam herausflog und in Adriennes Leib fuhr. Erneut zog er die Klinge zurück, und Adriennes Beine knickten ein. Ein Schwall von Blut brach aus der klaffenden Wunde in ihrem Unterleib. Kid Death trat zurück, um den tödlichen Hieb anzubringen, als sich plötzlich Finlay zwischen ihn und sein Opfer drängte und den Schlag mit dem Schild abfing. Die wogenden Leiber der Kämpfenden ringsum trennten die beiden, und Kit machte sich mit schwachem Bedauern auf den Weg, seinem neuen Freund David gegen den Investigator beizustehen. Das Messer steckte noch immer in seinem Rücken.
Es gab wichtigere Dinge, um die er sich kümmern mußte.
Halb führte, halb trug Finlay Adrienne aus dem dichtesten Kampfgetümmel fort, lehnte sie gegen eine Wand und ließ sie langsam zu Boden sinken. Sie hielt ihren Leib mit beiden Händen zusammen, und Blut sprudelte zwischen ihren Fingern hervor. Ihr Gesicht war leichenblaß und ihr Mund zu einer Grimasse wie ein geheimnisvolles Lächeln verzogen. Ihr Atem ging stoßweise und rasselnd, und ihre Augen waren fest zusammengekniffen. Finlay sah sich verzweifelt um. Sein Blick blieb auf dem nahen Fenster hängen. Er packte Adrienne bei den Armen und zog sie auf die Beine. Sie schrie vor Schmerz auf.
»Halt durch, Addie«, murmelte er. »Wir verschwinden von hier.«
Sie hatte nicht genug Luft zu einer Antwort. Finlay führte sie unter ermutigenden Worten zu dem geborstenen Fenster.
Er hatte immer geglaubt, endlich von ihr frei zu sein, wenn sie eines Tages tot wäre, aber jetzt konnte er nicht einfach dabeistehen und ihr beim Sterben zusehen, und wenn es nur daran lag, daß er sich so schuldig fühlte. Zwei Soldaten der Wolfs versperrten Finlay den Weg. Er stach sie nieder, ohne auch nur nachzudenken. Sein Verstand raste jetzt, und sein Körper hatte sich in die gewandte, geschmeidige und blitzschnelle Maschine des Maskierten Gladiators verwandelt. Er half Adrienne auf das Sims, kletterte hinterher und sprang dann mit ihr in die Tiefe. Einen Herzschlag lang fielen sie durch die Luft, bevor sie auf den Gravschlitten prallten, der direkt unterhalb des Fensters schwebte, leer und von seinen Fahrgästen verlassen.
Finlay drehte seinen Körper, um Adrienne vom Aufprall abzuschirmen, so gut es ging, aber er war immer noch heftig genug, um die Luft aus ihren Lungen zu treiben. Er überprüfte ihren Puls und grunzte erschreckt, als er bemerkte, wie schwach er nur noch war; dann stürzte er vor und aktivierte die Steuerung des Schlittens. Finlay mußte sie so schnell wie möglich zu einem Arzt bringen, aber er hatte keine Ahnung, wo er jetzt noch in Sicherheit war. Inzwischen befanden sich zweifellos alle Feldglöck-Territorien unter der Kontrolle der Wolfs, und das ließ ihm eigentlich nur den Untergrund. Er setzte den Schlitten in Bewegung und raste mit Höchstgeschwindigkeit davon. Finlay hatte gesehen, wie sein Vater starb, und ihm kam langsam zu Bewußtsein, daß er jetzt der Feldglöck war. Er scherte sich einen verdammten Dreck darum. Gerold und William waren ebenfalls tot. Er würde später um sie trauern. Finlay blickte zu seiner Frau zurück, doch Adrienne schien in ihrer eigenen Welt aus Schock und Schmerz verloren. Er war auf sich allein gestellt, der letzte der Feldglöcks, und alle hatten sich gegen ihn gewandt. Kein anderer Clan würde ihn jetzt noch unterstützen oder ihm helfen.
Die Familien verschwendeten keine Zeit mit Verlierern. Also besser, wenn Finlay jetzt gleich starb – das Leben des Stutzers war vorüber. Nur der Gladiator war noch übrig, und der Untergrund… und Evangeline Shreck. Der letzte Gedanke beruhigte ihn ein wenig, und er lenkte den Schlitten in eine neue Richtung. Evangeline würde ihm und Adrienne helfen. Sie mußte einfach.
Im Feldglöck-Turm kämpfte Valentin Wolf wie ein Berserker.
Die Drogen rasten in seinem Körper, während er Gegner um Gegner niederstreckte. Es schienen nicht mehr so viele zu sein wie zuvor, aber er hieb und stach in blutiger Selbstversunkenheit weiter, während sein geschminkter Mund in einem Totenkopfgrinsen erstarrt war. Doch dann wurde er von kräftigen Armen gepackt, die ihn trotz seiner verzweifelten Gegenwehr festhielten, und ein bekanntes Gesicht ragte über ihm auf. Valentin atmete schwer, als sein Blick sich klärte. Es war Daniel, sein Bruder, der sich in vorsichtiger Distanz von ihm hielt. Er funkelte Valentin wutentbrannt an.
»Bist du wieder bei uns, Valentin? Weißt du eigentlich, was du getan hast?«
Valentin konzentrierte sich. Neue Chemikalien wurden in seinen Kreislauf gespült und neutralisierten die Kampfdrogen.
Sein Verstand klärte sich schnell, und er warf einen mißtrauischen Blick auf seinen Bruder. Was wußte Daniel? Langsam dämmerte ihm, daß der Kampf vorüber war. Die Männer, die ihn hielten, trugen alle die Embleme des Wolf-Clans. Und sie bedachten ihn nicht gerade mit freundlichen Blicken.
»Alles in Ordnung«, sagte er ruhig. »Ich bin wieder da. Wie sieht’s aus, Daniel? Vermute ich richtig, daß wir gewonnen haben?«
»Schon vor einiger Zeit«, erwiderte sein Bruder. »Die Feldglöcks sind alle tot oder geflohen, und der Rest ihrer Leute hat sich ergeben. Aber du warst so in Rage, daß du überhaupt nichts mitbekommen hast. Die letzten verdammten Minuten hast du damit verbracht, unsere eigenen Leute niederzustrecken!«
»Ah«, sagte Valentin. »Tut mir leid. Ich muß wohl ein wenig außer mir gewesen sein. Wie groß sind unsere Verluste?«
»Einschließlich der Männer, die du eben geschlachtet hast?«
»Ich sagte bereits, daß es mir leid tut. Wo ist unser Vater?«
Daniels Gesicht verdüsterte sich plötzlich, als die Wut verging und durch etwas ersetzt wurde, das Valentin wie ehrliche Trauer erschien. Daniel gab den Männern, die Valentin hielten, einen herrischen Wink, und sie ließen ihn zögernd frei.