»Aber – wer feuert sie denn ab?« fragte Ohnesorg. »Euer Lektron hat sich doch abgeschaltet, oder nicht? Kann es sein, daß Ihr uns etwas verheimlicht, Todtsteltzer?«
»Ozymandius, bist du das?« Owen wartete auf eine Antwort, aber in seinem Komm-Implantat blieb alles still. Plötzlich verstummten die Bordgeschütze wieder, und eine unheimliche Stille breitete sich aus. »Ich werde draußen nachsehen«, entschied Owen.
»Meinst du, daß das eine gute Idee ist?« fragte Hazel.
»Nach dem, was beim letzten Mal geschehen ist, als ich die Luke geöffnet habe?«
»Die Geschütze haben sicher ein wenig freien Raum rings um das Schiff geschaffen«, widersprach Owen.
»Und wenn nicht?«
»Ist mir verdammt noch mal egal. Mond ist da draußen. Ein Todtsteltzer läßt seine Leute nicht im Stich!«
Er legte den Kontrollhebel für die Außentür um, bevor jemand weitere Einwände erheben konnte, und sie richteten ihre Waffen auf den sich vergrößernden Spalt. Erneut flutete purpurnes Licht in die Kammer, zusammen mit dem Gestank des Dschungels. Selbst das Licht hat die Farbe von Blut, dachte Owen. Zu was für einem schrecklichen Ort habe ich uns nur geführt?
Sie bereiteten sich auf eine neuerliche Invasion blutrünstiger Raubtiere und Pflanzen vor, aber zu ihrer Überraschung blieb alles ruhig. Die Luke öffnete sich in ihrer gesamten Breite, und Owen spähte wachsam nach draußen. Wohin er auch sah, überall lagen tote Kreaturen, zerrissen und verbrannt und am Ort ihres Todes übereinander gefallen, und nirgendwo auch nur das kleinste Anzeichen von Leben oder Bewegung. Der umgebende Dschungel bildete eine kompakte Masse sich stechender Farben, meist jedoch dunkler Rottöne, und der Himmel war zum größten Teil hinter einem dichten Blätterdach verborgen. Überall wuchsen mächtige Bäume, und schwere Ranken versperrten die Zwischenräume, dornenstarrend und überzogen mit prachtvollen Blüten. Owen bemerkte aus den Augenwinkeln eine Bewegung zwischen den Leichenhaufen.
Instinktiv riß er seinen Disruptor hoch, bevor er erkannte, wer es war. Tobias Mond. Der Hadenmann lehnte am Rumpf der Sonnenschreiter, bis zu den Hüften in niedergemetzelten Feinden, von oben bis unten blutbesudelt und ganz offensichtlich höchst zufrieden mit sich und der Welt.
Owen sprang auf den Boden unter dem Schiff und kletterte über Haufen von Kadavern aller Größen und Formen zu dem Hadenmann. Die schweren Bordgeschütze der Sonnenschreiter hatten die Wesen buchstäblich in Fetzen geschossen. Auf so kurze Entfernung hatten die Bestien nicht die Spur einer Chance gehabt, aber Owen konnte sich trotzdem nicht dazu hinreißen, auch nur einen Hauch von Mitleid zu empfinden.
Der Gestank war entsetzlich. Owen gab sich die größte Mühe, nur durch den Mund zu atmen. Schließlich kam er bei Mond an, und der Hadenmann nickte ihm gelassen zu.
»Wurde auch allmählich Zeit für ein wenig Frühsport. Ich schätze, mir gefällt die Gegend.«
»In Ordnung«, sagte Owen. »Was ist hier draußen geschehen?«
»Ich habe mich über mein Komm-Implantat in die Schiffssysteme geschaltet, die Lektronen überbrückt und den Feuerleitstand unter meine Kontrolle gebracht. Und dann habe ich die Kanonen alles abschießen lassen, was sich nur bewegte, während ich mich unter den Leichen versteckte. Wirklich nicht besonders schwierig, wißt Ihr?«
Owen blickte dem Hadenmann in die Augen. »Das ist vollkommen unmöglich! Selbst ohne Ozymandius hätten die Sicherheitssysteme der Sonnenschreiter Euch abwehren müssen!«
»Ich habe sie abgeschaltet«, entgegnete Mond. »Es war wirklich nicht besonders schwierig. Ich bin ein Hadenmann, vergeßt das nicht.«
»Ich hatte keine Ahnung, daß Hadenmänner zu so was fähig sind!«
»Es gibt noch eine ganze Menge anderer Dinge, von denen Ihr keine Ahnung habt.«
Owen fiel keine Antwort ein, und so wandte er sich um und gestikulierte den anderen, herbeizukommen. Sie näherten sich langsam und zögernd durch die Haufen von Leichen, während sie den umgebenden Dschungel wachsam im Auge hielten.
Owen konnte sie gut verstehen. Er selbst spürte die gierigen Blicke unzähliger unsichtbarer Kreaturen auf sich ruhen. Die Schiffsgeschütze hatten die Bestien vorsichtig werden lassen, doch niemand konnte sagen, wie lange dieser Zustand anhalten würde.
»Was hast du gesagt, wie sich dieses Höllenloch schimpft?« fragte Hazel.
» Shandrakor«, erwiderte Owen geistesabwesend. Seine Blicke streiften noch immer wachsam über den Dschungel ringsum.
»Hierher floh mein Vorfahre, als sich das Imperium gegen ihn wandte und die Schattenmänner auf seine Spur setzte.«
»Wer waren die Schattenmänner?« fragte Ohnesorg, noch immer ein wenig außer Atem nach der Klettertour über die herumliegenden Kadaver.
»Das weiß niemand mehr«, antwortete Owen. »Es scheint, als hätten die Menschen damals nicht viel über sie gesprochen, weil sie wußten, daß es ihnen nicht guttun würde. Die Schattenmänner waren die Bluthunde des Imperators: unaufhaltsam, tödlich und niemals besiegt. Sie waren ziemlich widerlich und auch noch stolz darauf. Sie verfolgten meinen Vorfahren bis hierher, ganz am Rand des Imperiums, und dann hörte man nie wieder etwas von ihnen. Keiner kehrte jemals von Shandrakor zurück, egal wie viele Truppen der Imperator hinterhersandte. Schließlich gab er auf und wandte sein Interesse anderen Planeten zu, und der Name Shandrakor wurde von niemandem je wieder öffentlich ausgesprochen.
Seine Koordinaten gerieten in Vergessenheit, genau wie alle anderen Einzelheiten auch, und am Ende überlebte nur noch der Name in Form des Schlachtrufes meiner Familie. Mehr wußten wir auch nicht, und für lange, lange Zeit war Shandrakor nichts weiter als eine Legende, die hier am äußersten Ende des Imperiums, am Rand des Abgrunds, versteckt lag.
Vergessen von jedermann, mit Ausnahme einiger weniger hartnäckiger Historiker wie mir selbst. Wir befinden uns hier so weit vom Imperium entfernt, wie man nur kommen kann, ohne die Dunkelwüste zu durchqueren.«
»Vor einiger Zeit fand ich das ja noch tröstlich«, sagte Hazel. »Aber das hat sich inzwischen geändert. Das ist ein verdammt brutaler Planet, zu dem du uns geführt hast, Todtsteltzer. Menschen haben hier nichts zu suchen.«
»Mir gefällt’s«, widersprach Ruby Reise ihrer Freundin.
»Es hat irgendwie Stil.«
»Wir sollten uns zur Fluchtburg aufmachen, solange es noch ruhig ist«, sagte Ohnesorg. »Ihr habt nicht rein zufällig transportable Schutzschirme an Bord, Owen?«
»Nur einen einzigen. Er ist groß genug, um uns allen Deckung zu geben, während wir uns durch den Dschungel bewegen, aber wenn ich mich recht entsinne, sind seine Energiezellen bereits ziemlich erschöpft.«
»Du steckst aber wirklich voller guter Neuigkeiten, was?« maulte Ruby Reise. »Reichen die Zellen nicht aus, um uns bis zu dieser Fluchtburg zu decken?«
Owen zuckte unglücklich die Schultern. »Keine Ahnung. Es ist nur ein Kilometer, aber wer weiß schon, wie lange wir durch diesen dichten Dschungel dazu benötigen? Vielleicht reicht die restliche Energie, vielleicht auch nicht.«
Mond grinste. »Gut. Noch mehr Übungen.«
Owen warf ihm einen bösen Blick zu. Ihn beschlich das entnervende Gefühl, daß der Hadenmann meinte, was er sagte. Gegen ihn und Ruby Reise fühlte er sich allmählich entschieden unterlegen. Und außerdem kam ihm nach und nach der Verdacht, daß er der letzte in der Gruppe war, der noch nicht den Verstand verloren hatte. »Ich hole den Schirm, und dann sehen wir besser zu, daß wir aufbrechen. Die Sonnenschreiter wird irgendwann in die Luft fliegen, und außerdem haben wir keine Ahnung, wie lang die Tage hier dauern.