»Nicht schlecht für einen Anführer«, sagte Ohnesorg anerkennend. »Ihr haltet Euch wacker, junger Todtsteltzer. Geht nur voraus, und wir folgen Euch.«
»Sprich gefälligst nur für dich alleine!« fuhr Ruby Reise Ohnesorg an. »Ich würde diesem inzestuösen Aristo nicht mal ein Schaf anvertrauen, um es zur Schlachtbank zu führen.«
»Interessante Bildersprache, derer Ihr Euch da bedient, meine Liebe«, sagte Ohnesorg. »Aber vielleicht könntet Ihr das Beispiel in Anbetracht unserer Situation noch ein wenig verfeinern?«
»Nein, könnte ich nicht. Und ich bin auch nicht deine Liebe, merk dir das!«
»Da hat sie recht«, fiel Hazel ein. »Du warst nie irgend jemandes Liebe, nicht wahr?«
»Und ich war auch nie irgend jemandes Hanswurst!« Ruby funkelte ihre Kameraden wütend an. »Ich hätte mich nie breitschlagen lassen sollen, bei diesem Haufen mitzumachen! Ich hätte ein Vermögen machen können, wenn ich euch einfach nur an die Behörden ausgeliefert hätte. Statt dessen stecke ich hier mitten in einem verdammten Höllendschungel, Lichtjahre von allem entfernt, was auch nur halbwegs zivilisiert ist, ohne Vorräte und ohne ein verdammtes Schiff, um je wieder von hier wegzukommen. Ich hätte euch alle erschießen sollen, gleich im ersten Augenblick, als ihr mir unter die Augen gekommen seid.«
»Versucht habt Ihr es jedenfalls«, erinnerte sie Owen.
»Du würdest nicht auf mich schießen, Ruby«, sagte Hazel.
»Ich bin deine Freundin!«
Ruby starrte sie mißmutig an. »Die Belohnung auf eure Köpfe hätte ausgereicht, um mir eine ganze Menge Freunde zu kaufen.«
»Aber keine von der Sorte, auf die es ankommt«, sagte Ohnesorg leise. »Dieses verdammte Imperium ist ein sehr einsamer Ort ohne Freunde, die einem den Rücken decken.«
»Freunde sind purer Luxus«, widersprach Ruby kalt. »Genauso wie Vertrauen, Familie und Politik. Am Ende fällst du immer auf die Nase damit. Ich hätte wirklich geglaubt, daß du das selbst weißt, Ohnesorg, nachdem du so oft in den Arsch getreten worden bist. Deine großartige Rebellion ist vorüber, alter Mann.«
»Sie ist erst dann vorüber, wenn ich es sage«, erwiderte Ohnesorg. »Solange ich mich weigere aufzugeben, solange haben sie mich nicht geschlagen. Die Kraft der Rebellion liegt im Herzen, nicht in Armeen und Waffen.«
»Wie rührend«, sagte Ruby sarkastisch. »Ich bin sicher, sie werden diesen Spruch auf deinen Grabstein schreiben.«
»Ich danke Euch, Ruby«, lächelte Ohnesorg. »Ihr seid wirklich zu freundlich. Es wird Zeit, daß wir uns wieder in Bewegung setzen, junger Todtsteltzer. Wenn wir Kraft haben zu streiten, dann haben wir lange genug gerastet und können weitergehen.«
Der alte Rebell erhob sich ohne sichtbare Anstrengung. Er schien tatsächlich vollkommen ausgeruht und entspannt zu sein. Owen stellte beim Aufstehen überrascht fest, daß auch er während der kurzen Unterhaltung wieder Kraft geschöpft hatte. Er streckte die Hand aus, um Hazel auf die Beine zu ziehen, sie ignorierte seine Geste und kam aus eigener Kraft hoch. Er versuchte erst gar nicht, Ruby Reise Hilfe anzubieten. Die Kopfgeldjägerin sprang so elastisch und mühelos auf, wie sie sich hingesetzt hatte. Ihr Gesicht war kühl und beherrscht wie immer, ohne jede Spur von Leidenschaft oder den durchgemachten Strapazen. Owen grinste in sich hinein, hob das Schwert und wandte sich wieder der Vegetation zu, die ihren Weg versperrte. Wenn er schon auf einer ungastlichen Welt gestrandet war, so beruhigte ihn wenigstens das Gefühl, von erfahrenen Kämpfern umgeben zu sein und nicht von Schwächlingen. Ganz besonders freute er sich über die Fortschritte, die Jakob Ohnesorg zu machen schien. Das war schon eher der legendäre Rebell, von dem sich die Leute so viel erzählt hatten.
Ruby schloß zu ihm auf, um zu helfen. Owen war nicht gerade glücklich, daß die Kopfgeldjägerin so dicht neben ihm herging, mit gezückter Klinge in der Hand. Sie machte ihn irgendwie nervös. Ruby Reise war so kaltblütig wie ein Investigator, und sie besaß auch die entsprechende Boshaftigkeit.
Er bezweifelte keine Sekunde, daß sie ihn auf Nebelwelt getötet hätte, wenn sie die Gelegenheit gehabt hätte. Genauso, wie er sicher war, daß sie sich im gleichen Augenblick gegen ihn wenden würde, in dem sie daraus einen persönlichen Vorteil ziehen konnte. Sie hätte eine verdammt gute Aristokratin abgegeben. Er behielt sie jedenfalls wachsam im Auge, bis sie zu der Überzeugung gelangt war, genug geholfen zu haben, und sich wieder zu den anderen zurückfallen ließ. Owen atmete beinahe erleichtert auf, obwohl seine Nackenhaare sich noch immer ein wenig sträubten. Nach ein paar Augenblicken erschien Hazel an seiner Seite.
»Was hast du eigentlich für Probleme mit Ruby?« wollte sie wissen.
»Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht«, erwiderte er.
»Jetzt hör schon auf! Ich hab’ genau gesehen, wie mißtrauisch du sie die ganze Zeit über angestarrt hast! Vertraust du ihr nicht?«
»Selbstverständlich nicht! Sie ist eine Kopfgeldjägerin, und ich bin ein Gesetzloser, auf den ein Kopfgeld ausgesetzt ist.«
»Wir sind alle zusammen Gesetzlose, Aristo.«
»Aber einige von uns sind anscheinend gesetzloser als andere.«
»Sie ist meine Freundin, Mann! Sie hat mir ihr Wort gegeben«, sagte Hazel kühl. »Du kannst ihr genauso vertrauen wie mir auch.«
»Ganz genau das tue ich«, erwiderte Owen.
Hazel dachte einen Augenblick über die Bedeutung seiner Worte nach, dann musterte sie ihn mit einem vernichtenden Blick und schloß sich mit mürrischem Gesicht wieder den anderen an. Owen seufzte und ließ seine Wut an der wehrlosen Vegetation aus, die ihm den Weg versperrte. Es half nicht viel. Er mochte Hazel. Er bewunderte ihren Mut und ihren aufrechten Charakter, aber es schien, als könnte er mit ihr keine zwei Worte wechseln, ohne sich zu streiten. Schließlich schloß Jakob Ohnesorg zu ihm auf, und für eine Weile arbeiteten sie schweigend nebeneinander. Das einzige Geräusch war das Schneiden soliden Stahls durch dichtes Gestrüpp.
»Wenn ich Euch einen Rat geben darf«, begann Ohnesorg schließlich, »streitet Euch nie mit einer Frau. Und wenn Ihr Euch streitet, dann laßt sie wenigstens gewinnen. Sie verzeihen alles, nur nicht das.«
»Aber ich hab’ doch recht!« beschwerte sich Owen.
»Und was hat das damit zu tun?«
»Wir kommen gut voran«, wechselte Owen das Thema.
»Würdet Ihr vielleicht für eine Weile die Führung übernehmen?«
»Nein danke, junger Freund. Meiner Erfahrung nach hat der Mann an der Spitze immer die gefährlichste Arbeit, und meine Zeit ist vorüber. Macht nur ruhig weiter, wo Ihr seid.«
»Im Grunde genommen solltet Ihr der Anführer dieser Gruppe sein. Ich meine, immerhin seid Ihr Jakob Ohnesorg, oder?«
»Ich war einmal Jakob Ohnesorg, junger Freund. Vielleicht werde ich es wieder sein, wenn ich genügend Zeit finde. Aber im Augenblick bin ich nichts weiter als ein müder alter Mann, den man für einen letzten Kampf aus dem Ruhestand zurückgerufen hat. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir, bis ich wieder weit genug bin, um etwas anderes als ein Selbstmordkommando anzuführen. Ihr macht weiter, Freund. Ihr seid ein guter Anführer.«
»Ich? Hazel und ich giften uns bei jeder Gelegenheit an, Mond jagt mir eine Heidenangst ein, und ich wage nicht, dieser Ruby Reise den Rücken zuzudrehen.«
»Und trotzdem haltet Ihr sie alle irgendwie beieinander, oder nicht? Ihr gebt ihrem Dasein einen Sinn, und Ihr zeigt ihnen, in welche Richtung es weitergeht. Mehr kann niemand von einem Anführer erwarten, wirklich nicht. Ich muß es schließlich wissen, junger Mann, glaubt mir.«
Ohnesorg grinste Owen aufmunternd zu, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter und schloß sich wieder den anderen an. Owen wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß aus der Stirn und drückte das Kreuz ein wenig mehr durch. Wenn Ohnesorg sagte, daß er seine Arbeit gut machte, dann war das wohl so. Er wollte sich gerade mit dem Gedanken anfreunden, als Mond neben ihm auftauchte.