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»Ihr habt recht«, sagte Owen. »Das ist wirklich ein schlimmer Gedanke. Wenn Ihr noch mehr davon habt, behaltet sie ruhig für Euch, Hazel d’Ark. Auch ohne Eure Schwarzmalerei ist es in Anbetracht unserer Situation schon schwer genug, keine chronische Paranoia zu entwickeln. Wir sind ziemlich weit von Shub weg, und nach dem, was mir zu Ohren gekommen ist, hat man die Feinde der Menschheit sicher hinter einer Imperialen Blockade isoliert. Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich vorschlagen, daß wir uns lieber auf unsere aktuellen Probleme konzentrieren.«

»Du hast uns hergebracht, Todtsteltzer«, sagte Ruby Reise.

»Was hältst du davon, wenn du uns jetzt zu deinem Vorfahren führst? Mir brennen ein paar Fragen auf der Zunge, die ich ihm liebend gern stellen würde.«

»Also gut«, antwortete Owen und tat sein Bestes, um Zuversicht auszustrahlen. »Dann folgt mir bitte.«

Er stapfte durch den gewaltigen Saal davon, und das Echo seiner Schritte hallte laut und unnatürlich durch die Stille. Die anderen beeilten sich, ihm zu folgen. Keiner verspürte den Wunsch zurückzubleiben, und alle gaben sich die größte Mühe, lässig und unbeeindruckt zu erscheinen. Owen hakte die Hand unauffällig hinter seiner Pistole in den Gürtel. Er war nicht sicher, was er in der legendären Fluchtburg seines Vorfahren zu finden erwartet hatte, aber das hier jedenfalls nicht.

Diese gewaltige Burg sah ganz und gar nicht nach der letzten Zuflucht eines verzweifelten Mannes aus, der von allen gejagt und bis zu diesem Planeten fernab jeder Zivilisation verfolgt worden war. Das hier war ein Stützpunkt, eine Machtbasis, wie geschaffen, um selbst gegen die größte Übermacht zu bestehen; ein Platz, von dem aus man zurückschlug. Aber der Erste Todtsteltzer hatte es nie getan. All diese Macht in seinen Händen, doch er hatte beschlossen, sich in ein Stasisfeld zu begeben und auf ein Erwachen zu warten, das niemals kam.

Owen runzelte die Stirn. Wahrscheinlich war das Imperium auch damals schon ein so übermächtiger Gegner gewesen wie heute; andererseits bemächtigte sich seiner allmählich das Gefühl, auch nicht die Hälfte der Geschichte zu kennen, trotz all seiner Nachforschungen. Er stapfte weiter, bemüht,

gegenüber seinen Kameraden zuversichtlich und gleichzeitig für keinen unerkannten Beobachter bedrohlich zu wirken. Owen war sich verdammt sicher, daß die Todtsteltzer-Fluchtburg in ihrem Innern mindestens genauso viele Sicherheitseinrichtungen besaß wie nach außen hin.

Ohne Zwischenfall erreichte er das andere Ende der Halle, trat durch eine offene Tür und fand sich an einem Ort wieder, der ganz sicher nicht an die Empfangshalle grenzte. Anscheinend war er durch ein weiteres Transferportal gegangen. Es dauerte nicht lange, bis Owen und seine Kameraden zwei wichtige Details über diese Portale erkannten: Erstens, jede Tür und jeder Durchgang in dieser Burg war ein Portal, das einen an einen unerwarteten Ort beförderte. Und zweitens, man kam, wenn man das gleiche Portal in umgekehrter Richtung betrat, nicht wieder am Ausgangsort heraus. Also blieb der Gruppe nichts weiter übrig, als orientierungslos von Raum zu Raum zu gehen und sich immer tiefer im Labyrinth der Burg zu verirren. Owen behielt eine grobe Übersicht durch seinen inneren Kompaß, aber er hatte wirklich keine Ahnung, wo innerhalb der Burg er sich zu einem gegebenen Zeitpunkt eigentlich aufhielt. Oder wie er wieder nach draußen gelangen konnte. Alle Räume befanden sich in perfektem Zustand und waren hell erleuchtet, aber absolut überhaupt nichts deutete darauf hin, daß jemals Menschen in ihnen gelebt hatten. In Owen wuchs die Überzeugung, daß sie die ganze Zeit über unter Beobachtung standen, doch er entdeckte nichts, das er als Sensor identifizieren konnte. Wer auch immer die Portale kontrollierte – er hatte ganz sicher einen Plan, zu welchem Ort er Owen und seine Kameraden führen wollte. Aber warum und wohin blieb ihnen verborgen.

Owen marschierte immer weiter und gab sich die größte Mühe, seine Zuversicht nicht zu verlieren. Er hatte den starken Verdacht, daß es keinen Unterschied machte, selbst wenn er in Panik ausgebrochen wäre. Er befand sich in den Händen einer unbekannten Gewalt, ob gut oder böse, und daran war nichts zu ändern. Owen versuchte, seine Hand in der Nähe der Pistole zu halten, ohne allzuviel Verdacht zu erwecken.

Sie passierten Raum um Raum, alle gleich uninteressant und bar jeder persönlichen Note. Keinerlei Mobiliar oder Ausstattung, kein Komfort, nichts. Owen gelangte nach und nach zu der Überzeugung, daß in dieser Burg niemals ein Mensch gelebt hatte.

Bis sie am Ende in einem Saal herauskamen, der Owen sofort an ein Trophäenzimmer erinnerte. Im Gegensatz zu den anderen besaß dieser hier eine halbwegs beruhigende Größe, aber andererseits war sein Inhalt alles andere als beruhigend.

Ein großer Glaskasten von vielleicht drei Meter Kantenlänge nahm die gesamte Mitte des Raums ein, und in diesem Glaskasten standen wie Trophäen auf ihrem Sockel drei Männer in antiken, gepanzerten Kampfanzügen. Sie standen so regungslos da, daß Owen im ersten Augenblick glaubte, Modelle vor sich zu haben – doch als er vortrat und seine Nase an den Glaskasten preßte, gelangte er rasch zu der Überzeugung, daß es echte Menschen waren. Ihre Posen waren steif, ihre Gesichter leer, und in ihren Rüstungen fanden sich blutige Einschüsse.

»Sie sind tot, oder nicht?« fragte Hazel nach einer Weile.

»Ich dachte zuerst, sie befänden sich in Stasis, aber ich finde keine Spur von einem Projektor.«

»Sie wurden anscheinend auf irgendeine Art konserviert«, vermutete Ohnesorg. »Ich würde über Leichen gehen, um einen genaueren Blick auf sie zu werfen.«

»Kein Problem«, sagte Tobias Mond und zerschmetterte mit der Faust eine der Seiten wände des Kastens. Owen wirbelte herum, die Waffe in der Faust, jeden Muskel gespannt in Erwartung eines Angriffs, der nie kam. Als er erkannte, was geschehen war, entspannte er sich wieder und funkelte den Hadenmann zornig an.

»Mein lieber Mond, wenn ich unbedingt einen Herzanfall haben möchte, dann spiele ich mit einer voll geladenen Disruptorpistole russisches Roulett. Macht so etwas bitte nie wieder, ohne mich vorher zu warnen. Ihr hättet ein Sicherheitssystem auslösen können!«

»Wir benötigen Informationen«, erwiderte Mond ungerührt.

Der Ärger in Owens Stimme schien ihn vollkommen kalt zu lassen. Er trat durch die zerschmetterte Glaswand, und Splitter knirschten unter seinen Stiefeln. Dann untersuchte er die reglosen Gestalten aus der Nähe. Ohnesorg beeilte sich, dem Hadenmann zu folgen, und dahinter stritten sich Ruby und Hazel um die besseren Plätze. Owen beschloß, daß es wahrscheinlich sicherer war, wenn er nicht als einziger draußen stehen blieb, schüttelte resignierend den Kopf und trottete hinter den anderen her.

Aus der Nähe betrachtet sahen die drei Gestalten noch beunruhigender aus. Mond schubste eine mit dem Finger an. Sie wankte leicht.

»Was zur Hölle ist das?« fragte Hazel leise, als hätte sie Angst, die Statuen könnten sie hören. »Es ist jedenfalls kein Stasisfeld, soviel steht fest.«

»Sie sind konserviert«, sagte Mond. »Sie starben allem Anschein nach einen gewaltsamen Tod. Anschließend wurden ihre Innereien entfernt und ein konservierendes Material hineingepumpt.«

»Woher wollt Ihr das wissen?« fragte Ohnesorg mit Faszination in der Stimme.

»Ich kann die Chemikalien riechen«, erwiderte Mond. »Außerdem finden sich auf der Haut verräterische Spuren, wenn man weiß, wonach man suchen muß.«

Owen beschloß, den Hadenmann nicht zu fragen, wie diese Spuren aussahen. Er dachte nicht, daß er es wirklich wissen wollte.

»He, Todtsteltzer! Wer waren diese Männer deiner Meinung nach?« fragte Ruby.

»Nach den Familienchroniken«, begann Owen langsam, »wurde mein Vorfahr, der Erste Todtsteltzer, von dreien der gefürchtetsten Kopfgeldjäger und Mörder aller Zeiten hierher verfolgt, den berüchtigten Schattenmännern. Man hat nie wieder etwas von ihnen gehört oder gesehen. Anscheinend haben sie ihre vermeintliche Beute gestellt.«