»Seht mal, ihr Männer könnt euch ein anderes Mal darum streiten, wer den größeren Penis hat. Der Projektor kann ebenfalls warten. Wahrscheinlich werden unsere Probleme nur noch größer, wenn wir ihn wecken. Wir sollten zuerst einmal sehen, daß wir wie der Teufel aus diesem Labyrinth verschwinden. Dieser Ort ist mir unheimlich.«
»Verdammt richtig«, meldete sich zum ersten Mal der Wolfling zu Wort, und alle wandten sich zu ihm um. In seinen Worten hatte eine eigenartige Betonung gelegen, die nahelegte, daß das Labyrinth auf ihn den gleichen Eindruck machte wie auf die Menschen. Der Gedanke verschaffte Owen eine seltsame Befriedigung. Wenn ein so extrem kraftvolles und gefährliches Lebewesen wie der Wolfling durch das Labyrinth in Angst und Schrecken versetzt werden konnte, dann hatte er jedes Recht, ebenfalls Angst zu empfinden.
»Ich stimme Hazel zu« sagte er laut. »Laßt uns von hier verschwinden.«
»Fein«, sagte Ohnesorg. »Hat jemand eine Idee, welche Richtung wir einschlagen sollen?«
»Natürlich«, sagte Hazel und deutete auf einen Ausgang, der genauso aussah wie alle anderen. Sie hielt inne und runzelte die Stirn. »Woher wußte ich das jetzt?«
»Es ist das Labyrinth«, erklärte der Wolfling. »Ihr seid jetzt nicht mehr die gleichen wie vorher, keiner von Euch. Euer Bewußtsein arbeitet jetzt anders. Ihr werdet Eure neuen Fähigkeiten mit der Zeit entdecken.«
Hazel warf Owen einen mürrischen Blick zu. »Ich glaube nicht, daß mir gefällt, was er da von sich gibt.«
Owen zuckte unbehaglich die Schultern. »Ich schätze, es ist zu spät, um sich jetzt noch Gedanken darüber zu machen.
Was auch immer es sein mag, es ist bereits geschehen. Ihr geht voraus, Hazel, und wir folgen Euch.«
Hazel runzelte erneut die Stirn, doch sie widersprach nicht.
Unvermittelt drehte sie sich um und stapfte durch den Ausgang, auf den sie zuvor gezeigt hatte. Owen beeilte sich, ihr zu folgen, und die anderen klebten an seinen Fersen. Die schimmernden Stahlwände schlossen sich erneut um ihn, aber diesmal war das Gefühl von Klaustrophobie verschwunden.
Das Labyrinth fühlte sich neutral an, ruhig, als hätte es kein Interesse mehr an ihm. Und er fühlte sich ebenfalls anders.
Stärker. Klüger. Fähiger. Er nahm es mehr als leise Zuversicht wahr; als könne er nun wirklich mit allem fertig werden, das sich ihm in den Weg stellen mochte. In der gegenwärtigen Situation verunsicherte ihn das Gefühl allerdings etwas. Es war keineswegs natürlich, sich unter derart starkem Druck so ruhig und entspannt zu fühlen. Wenn er dem Imperium entwischen konnte, würden ihn wahrscheinlich die Hadenmänner schnappen. Alles in allem war seine augenblickliche Lebenserwartung kaum höher als die eines Goldfisches in einem Becken voller Piranhas. Nur, daß er sich nicht mehr wie der Goldfisch fühlte.
Dann gab es da noch diesen Dunkelwüsten-Projektor. Das Ding, das Sterne verschwinden ließ und auf diese Weise den Tod von Milliarden herbeigeführt hatte. Es gefiel Owen nicht, einfach davonzugehen und den Projektor zurückzulassen, aber Giles hatte gesagt, er sei geschützt und in Sicherheit, wo er war. Owen spürte instinktiv, daß sein Vorfahre recht hatte. Er zweifelte keine Sekunde daran, daß das Labyrinth sehr wohl imstande war, sich selbst gegen unerwünschte Eindringlinge zu verteidigen. Er runzelte die Stirn, als ihm in diesem Zusammenhang ein Gedanke kam. Das Labyrinth hatte die meisten Menschen getötet oder in den Wahnsinn getrieben, die den Mut besessen hatten einzudringen, doch jeder aus seiner Gruppe war sicher und wohlbehalten wieder hervorgekommen. Die Chancen für einen derartigen Zufall waren undenkbar klein. Woraus er schloß, daß es mitnichten Zufall gewesen war. Das Labyrinth hatte aus unerfindlichen Gründen entschieden, sie alle am Leben zu lassen und zu transformieren.
Der Gedanke gefiel Owen noch weniger als der erste. Er hatte keine Schwierigkeiten, sich das Labyrinth irgendwie lebendig vorzustellen, aber ob das mit Intelligenz zu tun hatte? Die Vorstellung beunruhigte ihn zutiefst, daß das Labyrinth bewußte Entscheidungen fällen könnte. Er fühlte sich mit einem Mal wie ein kleines Tier, das in den Eingeweiden eines Riesen lebte. Owen schüttelte entschieden den Kopf. Wie die Wahrheit auch immer aussehen mochte, er konnte sowieso nichts daran ändern. Außer vielleicht, daß er seinen Schritt ein wenig beschleunigte und an etwas anderes dachte. Er konzentrierte seine Gedanken auf den Dunkelwüsten-Projektor, obwohl der Klon nicht viel weniger besorgniserregend war. Er bemühte sich nach Kräften, von ihm als einer Sache zu denken und nicht als einem Säugling, und noch dazu einem menschlichen. Das würde es nur schwerer machen, den Projektor zu vernichten, wenn es nötig werden sollte. Das Ding war jedenfalls sicher, wo es sich im Augenblick befand, mitten im Labyrinth des Wahnsinns und beschützt von einer Armee von Hadenmännern. Ganz besonders, da nur sehr wenige Menschen wußten, wo der Projektor zu finden war. Er konnte sich kein besseres Versteck vorstellen.
Zu was mochte das Baby erst fähig sein, wenn es größer wurde? Wenn es ein Kind war, oder gar ein Erwachsener?
Und was war mit den Milliarden Toten? Vielleicht konnte es sie wirklich wieder zum Leben erwecken…?
Owen stellte sich vor, wie das Imperium in Flammen aufging. Ganze Planeten, die wie Kohlen in der Nacht brannten.
Die Menschheit niedergemetzelt und in alle Winde verstreut durch eine Macht, die weit über menschliches Begriffsvermögen hinausging, ohne Hoffnung auf Vernunft oder Gnade. Er durfte es nicht zulassen. Er würde den Projektor vernichten, wenn es nötig wurde. Und wenn der Projektor ihn lassen würde.
Owen folgte Hazel auf ihrem Weg durch das Labyrinth. Sie bog mal links, mal rechts ab und durchwanderte einen Gang nach dem anderen, trotzdem schien Owen der Weg nicht zufällig gewählt zu sein. Er mußte nicht erst abwarten, bis Hazel eine Abzweigung genommen hatte, sondern kannte irgendwie – auf einer tiefen Ebene seines Bewußtseins – selbst den Weg hinaus. Es war beinahe, als würde er das Labyrinth in- und auswendig kennen, ja als hätte er es selbst errichtet. Owen veränderte sich anscheinend noch immer. Er konnte es spüren.
Die glänzenden Stahlwände schienen jetzt bedeutungsvoller, sinnvoller als zuvor. Er nahm kaum hörbare Geräusche wahr; flüsternde Stimmen, als würde das Labyrinth Selbstgespräche führen. Er spürte den sanften Strom von Energien ringsum, spürte die Macht unsichtbarer Formen und den andauernden, subtilen Prozeß der Transformation, doch das ganze Ausmaß seiner Umwandlung blieb ihm noch immer verschlossen, nicht nur, weil sie so tiefgreifend war, sondern weil sein Verstand instinktiv vor einer Antwort zurückschreckte. Er konnte nicht auf diese Weise denken und gleichzeitig noch Mensch sein. Owen versuchte, den Gedanken bis zur letzten Konsequenz weiterzudenken, doch plötzlich hatte er das Labyrinth hinter sich gelassen, und seine stillen Überlegungen wurden davongeschwemmt, als die Realität über ihm zusammenschlug.
»Wo zur Hölle warst du die ganze Zeit?« schrie Ozymandius in seinem Kopf. »Ich versuche seit sechs Stunden, Verbindung mit dir aufzunehmen!«
»Wovon redest du?« erwiderte Owen. »Wir waren nicht länger als höchstens zwanzig Minuten im Labyrinth!«
»Die Zeit scheint im Labyrinth langsamer zu vergehen«, vermutete Giles.
»Das sagt er uns jetzt!« beschwerte sich Hazel. Inzwischen waren die anderen ebenfalls aus dem Labyrinth gekommen, und Owen erkannte auf allen Gesichtern den gleichen Ausdruck. Die Erfahrung der kühlen Präzision und Klarheit der Gedanken im Labyrinth schwand langsam und wich normaleren, menschlicheren Denkmustern. Owen beschloß, sich zu einem späteren Zeitpunkt mit diesem Phänomen zu befassen.
»Also gut, Oz«, sagte er mit besänftigender Stimme. »Jetzt beruhige dich und berichte, was in der Zwischenzeit geschehen ist.«