Also steckte er die Münze in die Tasche und eilte Hazel hinterher. Owen schäumte vor Wut. Irgendwann würde irgendwer für all das hier bezahlen. Er lenkte seinen finsteren Blick auf Hazels stummen Rücken. Die Kälte schien ihr überhaupt nichts auszumachen. Owen überlegte nicht zum ersten Mal, daß er vielleicht besser dran gewesen wäre, wenn er daheim auf Virimonde um sein Leben gekämpft hätte. Zumindest hatte er sich dort ausgekannt. Und das Klima war besser. Owen verstand nicht viel von Nebelwelt, und das wenige, was er in Erfahrung gebracht hatte, stieß ihn ab. Kein Recht, kein Gesetz, keine Tradition oder Ehre, keine sozialen Strukturen.
Jeder war nur sich selbst der Nächste, und zur Hölle mit allen anderen. Eine ganze Welt voller Krimineller und sozialer
Außenseiter, die in einem solchen Elend lebten, wie es im restlichen Imperium unvorstellbar schien. Aber sie waren frei, und die Freiheit hatte ihnen mehr bedeutet. Owen spürte einen plötzlichen Anfall von Müdigkeit, und einen Augenblick lang drohte die Sinnlosigkeit von allem ihn zu überwältigen. Er konnte hier nicht leben. Nicht so. Ohne die Zivilisation und die Bequemlichkeiten seiner gehobenen Stellung hatte sein Leben keinen Sinn mehr. Er wollte einfach welken und sterben. Wie eine Blume, die man aus ihrem Beet gerissen hatte.
Der Gedanke ließ ihn aus der Lethargie aufschrecken, die sich seiner bemächtigt hatte. Er konnte nicht sterben. Nicht, solange seine Feinde noch lebten. Sie hatten sein Leben zerstört, ihm alles weggenommen, an das er geglaubt hatte, und auf seinen Namen gespuckt. Er mußte überleben, wenn er eines Tages an der Eisernen Hexe und allen, die ihr bei seinem Sturz geholfen hatten, Rache nehmen wollte. Owen grinste verbissen. Rache war das einzige, was ihm blieb. Er würde nicht hier auf diesem verdammten Planeten versauern. Irgendwie würde er einen Weg finden, von hier zu verschwinden. Und dann… er würde sich schon etwas ausdenken. Er mußte sich etwas ausdenken. Und in der Zwischenzeit hatte er gefälligst zu überleben. Er würde alles ertragen, was dieser verdammte Planet ihm schickte. Und alles tun, um genügend Geld zusammenzubringen, damit er sich eine verdammte Armee kaufen konnte… und einen Weg, um diesen elenden Planeten wieder zu verlassen. Wenn er sich jetzt einfach hinlegen und sterben würde, hätte die Eiserne Hexe am Ende doch noch gewonnen. Und das durfte er nicht geschehen lassen.
Owen torkelte weiter durch tiefer werdenden Dreck und Matsch und starrte mit neu erwachtem Ekel finster auf alles und jeden um sich herum. Sicher war es nicht überall so wie hier. Es mußte einfach ein paar helle Flecken in dieser Finsternis geben. Über ihm wurde ein Fenster aufgerissen, und die Leute wichen zur Seite. Jemand rief eine kurze Warnung, und Owen sprang eben noch rechtzeitig zurück, um dem herabfallenden Inhalt eines Nachttopfes auszuweichen. Das Fenster wurde scheppernd wieder geschlossen, und die Menschen auf der Straße gingen ungerührt weiter, als wäre die Angelegenheit ganz alltäglich. Owen rümpfte die Nase. Wahrscheinlich war sie alltäglich. Keine Abwasserkanäle. Richtig.
Wie konnten Menschen nur so leben? Hatten sie keine Ahnung, was auf sie zukam, wenn sie vor dem Imperium hierher flohen? Langsam kam ihm der Gedanke, daß sie sehr wohl wissen mußten, was sie hier erwartete. Und sie kamen trotzdem. Weil das Leben im Imperium für sie noch schlimmer war. Der Gedanke nagte an ihm und wollte sich nicht mehr vertreiben lassen. Das Imperium war ein Ort voller Luxus und Annehmlichkeiten für die Oberschicht, und voller Sicherheit und Stabilität für die unteren Klassen.
Außer, man war ein Klon.
Oder ein Esper.
Oder irgendeine andere Art von Unperson.
Oder man verärgerte jemanden mit Verbindungen nach oben.
Oder man erfüllte seine Quoten nicht.
Oder man wurde einmal zu oft krank.
In den unteren Klassen gab es keinen Platz für die Schwachen, oder die Kranken, oder die vom Pech verfolgten.
Owen dämmerte allmählich, daß er dies alles schon immer gewußt hatte. Er hatte nur nie richtig darüber nachgedacht.
Solange seine behagliche Welt nicht gestört wurde, hatte es auch keinen Anlaß dazu gegeben. Aber er konnte nicht sagen, er hätte nichts gewußt. Er war Historiker, und er wußte mehr als die meisten über die Realitäten, auf denen das Imperium basierte. Wie korrupt mußte das Imperium mit den Jahren geworden sein, damit eine Hölle wie Nebelwelt eine so große Verbesserung darstellte? Owen seufzte. Sein Kopf begann schon wieder zu schmerzen, wahrscheinlich, weil er die Stirn zu häufig in Falten legte. Er würde später darüber nachdenken. Er hatte das Gefühl, daß er in Zukunft massenhaft Zeit haben würde, über diese Dinge nachzudenken.
Die Schwarzdorn-Taverne stellte sich als angenehme Überraschung heraus. Es war ein behaglicher Ort, gemütlich, ohne vollgestopft zu wirken, und ganz offensichtlich hatte jemand eine Menge Geld in den Laden gesteckt. Ausstattung und Mobiliar waren von höchster Qualität, und die verrauchte Atmosphäre vermittelte das angenehme Gefühl eines Zufluchtortes vor der Härte und Erbarmungslosigkeit der kalten Welt da draußen.
Owen lehnte sich gegen den harten, polierten Tresen, nippte an einem Glas guten Weins und versuchte, das bösartige Kribbeln und den Schmerz der wieder einsetzenden Blutzirkulation zu unterdrücken. Der Schwarzdorn war gerammelt voll.
Es herrschte gute Laune, und der Lärmpegel war beinahe überwältigend, aber nicht unangenehm. Jedermann mußte schreien, um sich verständlich zu machen, und wer nicht mit Schreien beschäftigt war, der sang – mit mehr Schwung als Genauigkeit. Owen empfand die Atmosphäre als auf rustikale Weise angenehm, und er war bereit, sich so lange hier aufzuhalten, wie es notwendig sein sollte – wenn nicht länger. Insbesondere, wenn der Wein reichte.
Hazel redete gedämpft mit der Eigentümerin des Ladens, einer großen, gertenschlanken und platinblonden Frau namens Cyder. Sie standen Kopf an Kopf am anderen Ende des Tresens und lasen anscheinend genausosehr von den Lippen, wie sie zuhörten. Owen musterte Cyder neugierig. Sie schien überhaupt nicht in den Laden zu passen. In einer Gegend wie dieser hier, die von Halsabschneidern nur so wimmelte. Nach Hazels Worten hieß das Viertel Quartier der Diebe, und der Name hatte Owen kein Stück überrascht. Aller Wahrscheinlichkeit nach besaß Cyder eine kleine Armee guttrainierter Schläger, die bereitstanden, sich auf jeden zu stürzen, der irgendwie Ärger machte. Owen verbrachte einige Zeit damit, unauffällig herauszufinden, wo sich die Leibwächter aufhielten – falls er in Schwierigkeiten geriet, wollte er wenigstens wissen, aus welcher Richtung er mit einem Angriff zu rechnen hatte. Ohne Erfolg. Alle sahen gleichermaßen gewalttätig und zwielichtig aus.
Cyder blickte direkt an Hazel vorbei zu Owen, und er verharrte mit seinem Glas auf halbem Weg zum Mund. In diesem einen Augenblick wirkte Cyder hart, kompromißlos und extrem gefährlich. Das Blau ihrer Augen war kälter als alles, was er bisher gesehen hatte. Der Augenblick verging; dann lächelte sie ihm zu und winkte ihn zu sich und Hazel. Owen leerte sein Glas und schlenderte gemütlich zum anderen Ende des Tresens. Er hatte keinen Zweifel daran, daß Cyder ihm absichtlich das Eis unter ihrer freundlichen Oberfläche gezeigt hatte, aber er war nicht sicher, aus welchem Grund. Vielleicht, um in ihm den Eindruck zu erwecken, daß sie jemand war, den man ernst zu nehmen hatte. Owen lächelte sie mit seinem strahlendsten Lächeln an und hielt ansonsten seine Hand in der Nähe des Disruptors.
Cyder führte sie in einen privaten Raum im ersten Stock des Gebäudes, ein kleines, schlichtes Zimmer mit bequemen Stühlen und einem knisternden Feuer im offenen Kamin. Owen setzte sich so dicht daneben, wie er ertragen konnte, und versuchte, nicht zu interessiert dreinzublicken, während die beiden Frauen sich über die alten Zeiten in Nebelhafen unterhielten. Das meiste, was sie getan hatten, schien entweder zwielichtig oder illegal gewesen zu sein. Owen konnte nicht sagen, daß es ihn sonderlich überraschte. Schließlich kamen die beiden Frauen zurück in die Gegenwart und lächelten sich freundlich an.