Owen nahm den letzten Rest seiner Kraft zusammen und stürzte sich auf den Mob. Das Blut hämmerte durch seinen Kopf und raste in seinen Adern, und seine Müdigkeit und seine Schmerzen verschwanden wie ein flüchtiger Gedanke. Sein Schwert schien zu einem Teil seines Körpers geworden zu sein, während es alles zerhackte, was ihm in den Weg kam.
Weiter und weiter trieb er die bösen Gesichter vor sich her, und die Klinge bewegte sich viel zu schnell für das menschliche Auge. Der Pöbel wich noch weiter zurück, und für einen Augenblick breitete sich so etwas wie Verwirrung ob dieser scheinbar unbezwinglichen, tödlichen Macht in ihrer Mitte aus. Owen nutzte die Gelegenheit, zog den Disruptor und feuerte. Die Plasmakinder versuchten sich zur Seite zu werfen, aber der sengende Strahl fuhr durch alle, die nicht schnell genug reagiert hatten. Für einen Augenblick entstand eine Lücke in der Menge.
»Lauft los!« schrie Owen, als er Hazel herumriß und auf die Lücke zuschob. Sie senkte den Kopf und stürzte vor. Hazel brach durch den Ring aus Angreifern und entkam in die verlassene Leere der dahinter liegenden Straße. Sie rannte einfach weiter, und nur langsam wurde ihr bewußt, daß niemand sie verfolgte. Hazel blieb stehen und blickte zurück, aber sie konnte nur die Rücken der Gestalten erkennen, die sich auf die sich wehrende Figur in ihrer Mitte stürzten. Langsam senkte Hazel ihr Schwert. In ihren Augen war plötzlich ein Brennen, als würden jeden Augenblick die Tränen hervorschießen. Er hatte sie nie besonders gemocht, genausowenig wie sie ihn, aber jetzt würde er sein Leben opfern, um das ihre zu retten. Eine Sekunde lang wollte sie zurückrennen und wieder neben ihm kämpfen, aber damit hätte sie wahrscheinlich die Chance vertan, die er ihr verschafft hatte. Während sie hinsah, schob sich der Mob von allen Seiten schlagend, hackend und stoßend vor, und schließlich verschwand der Todtsteltzer unter der Masse von Angreifern. Ein lautes Schluchzen erzwang sich seinen Weg aus Hazels bebendem Mund.
»Trauert nicht um ihn«, sagte eine leise, seltsam summende Stimme neben ihr. »Noch ist es nicht vorbei.«
Hazel wirbelte herum, das Schwert erhoben, und sah sich einer hühnenhaften Gestalt in einer unbekannten dunklen Uniform gegenüber. Sie erhaschte einen flüchtigen Blick auf ein unterschwellig nichtmenschliches Gesicht mit strahlend goldenen Augen, dann war die Gestalt auch schon an ihr vorbei und rannte mit unglaublicher Geschwindigkeit auf den Pöbel zu. Einige wandten sich um und erwarteten den neuen Gegner, doch innerhalb von Sekundenbruchteilen war er mitten im Gewühl und ließ sein Schwert in langen, tödlichen Bögen kreisen, die seine Opfer zerrissen und zur Seite schleuderten wie Marionetten, deren Fäden man durchschnitten hatte. Zu beiden Seiten fielen Männer und Frauen, und die Menge begann sich zögernd zu verteilen, außerstande, der unglaublichen Schnelligkeit und Kraft des Fremden etwas entgegenzusetzen. Plötzlich erhob sich inmitten des größten Getümmels von neuem eine blutüberströmte Gestalt und schwang noch immer mit wilder Wut ihr Schwert. Todtsteltzer. Seine Stimme erhob sich über den allgemeinen Lärm, und kraftvoll ertönte sein Ruf:
»Shandrakor! Shandrakor!«
Hazels Herz setzte einen Augenblick aus, als sie Owen erkannte. Sie mußte blinzeln, um ihre Tränen zurückzuhalten.
Sie hätte wissen müssen, daß dieser Teufelskerl nicht so leicht sterben würde. Gemeinsam mit dem Fremden bewegte er sich durch die immer weiter zurückweichende Menge wie ein unaufhaltsamer, tödlicher Alptraum, und blutige Gestalten sanken reihenweise vor ihnen zu Boden und rührten sich nicht mehr. Niemand konnte ihnen widerstehen, und nach wenigen Minuten versuchte es auch niemand mehr. Die wenigen überlebenden Blutsüchtigen wandten sich in wilder Flucht ab und rannten davon, und plötzlich war alles vorbei.
Owen und der Fremde senkten ihre Schwerter und sahen den Flüchtenden hinterher, dann warfen sie sich gegenseitig anerkennende Blicke zu. Hazel rannte zurück und gesellte sich zu den beiden und dann mußte sie den Arm um Owen legen, weil seine Knie nachzugeben drohten. Er zitterte wie ein Pferd nach einem Rennen, trotzdem brachte er ein verzerrtes Grinsen zustande.
»Wißt Ihr eigentlich«, begann er mit schwerer Zunge, »daß dies schon das zweite Mal ist, daß mich jemand anderes retten mußte? Ein einziges Mal würde ich es gerne alleine schaffen, in Ordnung? Ist das zuviel verlangt?«
»Mann, Todtsteltzer! Halt endlich den Mund und sieh zu, daß du wieder zu Atem kommst!« sagte Hazel. »Wenn du am Ertrinken wärst, würdest du dich doch tatsächlich noch über den Ast beschweren, den man dir hinstreckt, weil seine Qualität nicht deinen Ansprüchen genügt. Was hast du da eben eigentlich gebrüllt?«
» Shandrakor! Der Kampfruf meines Clans«, erwiderte Owen. Seine Stimme klang wieder kräftiger. »Ich habe ihn noch nie zuvor benutzt. Ich hätte nie gedacht, daß ich es eines Tages tun würde. Es ist doch überraschend, was einem so alles durch den Kopf geht, wenn man erkennt, daß man am Ende vielleicht doch noch mit dem Leben davonkommt.
Apropos Leben – wer ist eigentlich Euer tapferer neuer Freund hier?«
»Frag mich nicht«, entgegnete Hazel. »Ich dachte, es wäre ein Freund von dir!«
Sie wandten sich beide zu ihrem unerwarteten Retter um, und er blickte ruhig zurück. Sein Gesicht war tatsächlich nicht ganz menschlich, wie Hazel vermutet hatte: Irgendetwas stimmte nicht in den Proportionen; beinahe, als wäre es von fremdartigen, ungewohnten Emotionen geprägt. Aber am fremdartigsten waren noch die Augen. Ihr Anblick jagte eine Gänsehaut über Owens und Hazels Arme und ihre Nackenhaare standen zu Berge. Die Augen des Mannes leuchteten im schwachen Licht der Straße golden, als glühten sie durch ein geheimnisvolles Feuer von innen heraus. Sie verrieten den Fremden wie ein Kainsmal. Er war ein Hadenmann. Einer der legendären Krieger der verlorenen Welt Haden. Man traf sie heutzutage nur noch selten, vielleicht einen auf jeder hundertsten Welt des Imperiums: die wenigen Überlebenden der schrecklichen Rebellion der Hadenmänner, als von Menschen geschaffene Kyborgs versucht hatten, die Menschheit mit Stumpf und Stiel auszulöschen. Die Hadenmänner hatten verloren, aber es war sehr knapp gewesen. Und jetzt hatten sich die letzten Überlebenden über das gesamte Imperium verteilt, gefürchtet und verehrt als die besten Krieger, die das Imperium je besessen hatte. Sie waren vogelfrei, auf Anordnung der Imperatorin hin augenblicklich zu erschießen, wenn man ihnen begegnete – aber niemand war dumm genug, sich mit ihnen einzulassen, wenn er nicht mindestens eine Armee im Rücken wußte.
Wenige und weit verstreut, verloren und vergessen – die Reste eines einst glänzenden Traums.
»Mein Name ist Tobias Mond«, stellte sich der Hadenmann mit einer rauhen, summenden Stimme vor, die unmöglich einer menschlichen Kehle entspringen konnte. »Ich bin ein nur teilweise funktionierender aufgerüsteter Hadenmann. Die meisten meiner implantierten Energiekristalle sind erschöpft, und mir fehlen die Mittel, um sie wieder aufzuladen. Die meisten Implantate kann ich deshalb nicht mehr benutzen, aber ich bin trotzdem immer noch ganz gut imstande, mit ein paar Blutsüchtigen fertig zu werden.«
»Und woher hast du gewußt, daß wir Hilfe benötigen?« fragte Hazel.
»Ich bekam eine Nachricht von Cyder. Sie ließ mir mitteilen, daß Ihr vielleicht ein wenig Beistand gebrauchen könntet und daß wir uns vielleicht gegenseitig weiterhelfen könnten.«
Hoch oben auf einem Dach über der Straße seufzte Katze erleichtert auf. Ihm tat noch alles weh von seinem Sturz, aber die Schneewehe war Gott sei Dank hoch genug gewesen, um den Aufprall zu dämpfen. Jetzt, da der Hadenmann endlich in Erscheinung getreten war, konnte er zum Schwarzdorn zurückkehren und sich die bitter benötigte Ruhepause gönnen.
Hazel und Owen Todtsteltzer zu beschatten hatte sich als ein echter Vollzeitjob erwiesen. In der Begleitung von Tobias Mond sollten sie relativ sicher sein. Es gab nicht viele Leute, die dumm genug waren, einen Hadenmann zu verärgern.