»Welch eine warme und verständnisvolle Brust diese Frau doch hat!«
»Hübsche Deltamuskeln«, erwiderte der Hadenmann.
»Wenn ihr beide wieder aus eurem Hormonrausch erwacht«, sagte Hazel mit eisiger Stimme, »dann nehmt ihr vielleicht davon Kenntnis, daß sie die Tür hinter uns verriegelt hat. Wenn sie euch erkannt hat…«
»Entspannt Euch«, unterbrach sie Mond. »Ich bin jetzt bei Euch.«
Hazel bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. »Halten deine Batterien denn noch?«
»Ich habe mehr als genug Energie in meinen Systemen, um mit allen Problemen fertig zu werden, die sich uns in den Weg stellen.«
Hazel rümpfte verächtlich die Nase. »Wenn du so stark und mächtig bist, großer Krieger, wieso hat es dich dann auf diese Welt verschlagen?«
»Ich vertraute den falschen Leuten.« In Monds unnatürlicher Stimme schwang ein Ton mit, der Hazel daran hinderte, weitere Fragen zu stellen.
Owen blickte sich in der Empfangshalle um. Es schien ihm im Augenblick das sicherste. Selbst wenn er ruhig dastand und schwieg, hatte der Hadenmann etwas zutiefst Beunruhigendes an sich. Er befand sich nun seit beinahe einer Stunde in Owens Nähe, doch seine Gegenwart war noch immer genauso bedrohlich wie im ersten Augenblick. Owen hatte das Gefühl, als wäre der Hadenmann immer bereit zuzuschlagen, bereit, im nächsten Augenblick zu töten. Er entschied, diesen Gedanken eine Weile nicht weiterzuverfolgen, und konzentrierte sich statt dessen auf den Empfangsraum.
Owen lag eine sarkastische Bemerkung auf der Zunge, doch er beherrschte sich und setzte ein herablassendes Lächeln auf.
Die Einrichtung des Olympus’ war seit mindestens zwanzig Jahren aus der Mode, und das Mobiliar war eindeutig von jemandem entworfen worden, der mehr an Stil als an Bequemlichkeit interessiert gewesen war. Nicht, daß Owen viel Ahnung von Stil gehabt hätte. Er entschied sich, lieber stehen zu bleiben. Er hatte die vage Vermutung, daß die Stühle schreckliche Dinge mit seinem Hintern anrichten könnten.
Nicht ganz unähnlich der Göttin an der Tür…
Seine Gedanken schweiften eben wieder ab, als die Tür am gegenüberliegenden Ende der Rezeption sich öffnete und ein Riese hereinkam. Nach einem Augenblick erkannte Owen, daß der Mann nicht wirklich so groß war, höchstens eins-neunzig, doch seine gewaltigen Muskelpakete ließen ihn viel größer erscheinen. Er war unglaublich gut entwickelt und hatte Muskeln an Stellen, wo Owen nicht einmal Stellen hatte.
Der Mann sah aus, als hätte er bereits als Säugling Gewichte gehoben. Als Owen bemerkte, wie seine Muskeln sich beim Gehen spannten und schwollen, fragte er sich überrascht, ob das Gehen dem Riesen keine Schmerzen bereitete. Der Gigant kam heran, baute sich vor ihnen auf und bedachte seine Besucher mit einem knappen, unpersönlichen Lächeln. Owen erkannte überrascht, daß der Mann recht gutaussehend war. Es fiel nur nicht gleich als erstes auf, weil der Riese nur mit einer äußerst eng sitzenden kurzen Hose bekleidet war, damit seine Muskeln besser zur Geltung kamen. Unter anderem. Owen bemerkte, daß Hazel den Riesen mit unverhohlener Faszination anstarrte. Sie sah aus, äs wolle sie ihn mit den Augen auffressen. Owen rümpfte indigniert die Nase. Es gab wichtigere Dinge als Muskeln.
Er hüstelte höflich, um die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich zu lenken, und der andere wandte sich ihm zu. Owen fühlte sich, als stünde er in einem Loch.
»Mein Name ist Tom Sefka«, sagte der Riese mit einer rumpelnden Baßstimme, die Owens Knochen vibrieren ließ.
»Geschäftsführer und Besitzer des Sportpalasts. Ich nehme an, es geht um etwas Wichtiges. Delia stört mich für gewöhnlich nicht, aber der Hadenmann dort hat sie beeindruckt.« Er blickte nachdenklich zu Mond. »Wenn Ihr ein wenig Geld verdienen wollt – einige meiner Gäste würden gut bezahlen, um im Ring gegen einen aufgerüsteten Mann anzutreten.«
»Danke«, erwiderte Mond höflich. »Aber ich mache immer alles kaputt, wenn ich spiele.«
Sefka zuckte zusammen, als er Monds Stimme vernahm.
Aber er ließ sich nichts weiter anmerken und wandte sich wieder an Owen. »Was kann ich für Euch tun?«
»Wir suchen nach Jobe Eisenhand«, drängte sich Hazel ein wenig kurzatmig vor. »Es ist wirklich wichtig, daß wir mit ihm sprechen.«
Sefka runzelte die Stirn. »Ihr habt mich deswegen aus meiner Arbeit gerissen? Was zur Hölle wollt Ihr von Jobe Eisenhand?«
»Wir hatten angenommen, daß er der Besitzer oder zumindest Teilhaber ist«, erklärte Owen. Sefka grinste unangenehm.
»Wohl kaum. Wenn Ihr mit Jobe reden wollt, er ist hinten bei seiner Arbeit. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr mit ihm reden, aber haltet ihn nicht von seiner Arbeit ab. Kommt zu mir zurück, wenn Ihr fertig seid. Ihr seht alle zusammen aus, als könnten Euch ein paar Gewichte auf den Schultern nicht schaden.«
Owen hob die Augenbrauen. »Macht es Eisenhand nichts aus, wenn wir ihn alle zusammen überfallen?«
»Es hat ihm nichts auszumachen«, erwiderte Sefka. »Er ist schließlich nur der Hausmeister hier. Ihr findet ihn, wenn Ihr durch diese Tür geht, dann die zweite rechts und den Korridor entlang. Wenn Ihr fertig seid mit ihm, sagt ihm bitte, daß die Duschen noch immer nicht sauber sind.«
Der Riese nickte ihnen kurz zu, drehte sich um und verschwand durch die gleiche Tür, durch die er die Empfangshalle betreten hatte. Zu Owens Überraschung bebte der Boden nicht unter seinen Füßen. Hazel blickte Sefka mit hungrigen Augen hinterher. Owen spürte, wie Ärger in ihm aufstieg.
Sefka war nichts Besonderes. Wahrscheinlich hatte er auch dort nur Muskeln, wo eigentlich ein Gehirn hätte sein sollen.
»Vielleicht sollten wir hinterher wirklich noch einmal zu ihm gehen«, sagte Hazel. »Ich würde meinen Körper zu gerne in seine Hände legen.«
»Es wäre nicht schlecht, wenn Ihr Eure animalischen
Gelüste für einen Augenblick unter Kontrolle halten könntet«, sagte Owen eisig. »Wie müssen diesen Jobe suchen und herausfinden, was hier vor sich geht. Das Abraxus muß einen Fehler gemacht haben. Vielleicht ist Ohnesorg irgend jemand anderes in diesem Sportpalast.«
»Gib mir eine Stunde mit diesem Körper, und ich zeige ihm ein paar animalische Gelüste, die er niemals vergessen wird«, sagte Hazel.
»Muskeln sind nicht alles«, bemerkte Mond.
»Wie wahr!« stimmte Hazel zu. »Ich bin nicht nur an seinen Muskeln interessiert.«
»Ich frage mich, ob es hier kalte Duschen gibt«, brummte Owen.
»Wir wollen Jobe Eisenhand suchen«, sagte Mond diplomatisch. »Vielleicht gelingt es uns herauszufinden, wie eine lebende Legende zu einer Arbeit als Hausmeister kommt.«
»Was gibt es daran auszusetzen?« fragte Hazel. »Es ist eine ganz normale Arbeit. Vielleicht wird er gut bezahlt?«
Mond blickte sich um. »Muß wohl so sein.«
Hazel zuckte die Schultern. »Selbst ein Berufsrevolutionär muß hin und wieder einer Arbeit nachgehen, um zwischen den Rebellionen etwas in den Magen zu bekommen.«
»Wahrscheinlich arbeitet er verdeckt«, beschloß Owen. »Er zieht den Kopf ein, weil Imperiale Agenten nach ihm suchen.
Das macht Sinn.«
Er setzte sich in Bewegung, ohne darauf zu warten, ob die anderen seiner Meinung waren. Die Tür führte in einen gekachelten Gang, von dem aus man nach den Schildern zu urteilen in den Gewichtsraum, zum Dampfbad und den Duschen gelangte. Owen nahm den zweiten Gang nach rechts, wie der Riese ihm gesagt hatte. An der Wand hing ein handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift Zu den Umkleideräumen.
Owen ging mit entschlossenen Schritten voran und versuchte, nicht über die Konsequenzen dessen nachzudenken, was man ihm erzählt hatte. Jakob Ohnesorg – der Jakob Ohnesorg – sollte als Hausmeister in einem Laden wie diesem hier arbeiten? Das mußte ein Irrtum sein. Eine Tarnung oder irgend etwas in der Richtung, oder…