Der Umkleideraum sah aus, wie Umkleideräume eben aussehen. Nackt und funktionell. Es roch nach Schweiß und Körperöl. Die meisten Spinde standen offen und waren leer. Anscheinend herrschte nicht viel Betrieb. Je weiter sie in den Raum kamen, desto stärker wurde der Geruch von billigem Desinfektionsmittel. Die Tür auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich, und ein Mann mit einem Eimer und einem Wischmop kam herein. Er war von durchschnittlicher Größe und schien Ende Sechzig zu sein. In seinem Gesicht zeigten sich tiefe Falten, und sein graues Haar war schütter. Er steckte in einem schlaff herabhängenden Overall, der für jemand viel Größeren geschnitten zu sein schien, und er sah aus, als hätte er schon längere Zeit nichts Vernünftiges mehr zu essen gehabt. Seine Hände zitterten, und seine Gesichtsfarbe war blaß und ungesund.
Eine Woge der Erleichterung durchflutete Owen. Wer auch immer das war, er war ganz eindeutig nicht Jakob Ohnesorg.
Diese halbe Portion in ihrem schlotternden Overall wußte mit Sicherheit nicht einmal, mit welchem Ende eines Schwertes man zustoßen mußte. Möglicherweise benötigte ein Sportpalast dieser Größe zwei Hausmeister, und das hier war der andere. Der Hausmeister blickte Owen und seine Begleiter ausdruckslos an. Seine wäßrigen Augen waren wegen der Helligkeit im Umkleideraum zusammengekniffen.
»Was macht Ihr hier hinten? Der Umkleideraum ist geschlossen!«
»Tut mir leid, wenn wir Euch stören«, erwiderte Owen liebenswürdig. »Wir suchen nach Jobe Eisenhand. Wißt Ihr vielleicht, wo wir ihn finden können?«
Der Hausmeister blinzelte Owen an. »Das bin ich. Ich bin Jobe Eisenhand. Was kann ich für Euch tun?«
Hazel tauschte einen vielsagenden Blick mit Mond. »Hast du nicht auch genau gewußt, daß er das sagen würde?«
Owen spürte, wie sein Kiefer nach unten fiel. Er schloß den Mund mit einer bewußten Anstrengung. Es mußte ein Irrtum sein. Das konnte unmöglich Jakob Ohnesorg sein. Zunächst einmal stimmte das Alter nicht. Und dann war Ohnesorg ein ausgebildeter Kämpfer, auf Hunderten von Welten respektiert und berühmt. Dieses zerbrochene Wrack hier hatte kaum genug Kraft, um Eimer und Mop zu halten. Das konnte unmöglich Jakob Ohnesorg sein.
»Es kann unmöglich Jakob Ohnesorg sein«, sagte Hazel.
»Ich meine… seht ihn euch doch nur an!«
»Dieses eine Mal stimme ich Euch zu«, sagte Owen niedergeschlagen. »Irgend jemand hat uns hereingelegt. Laßt uns von hier verschwinden.«
»Ich dachte, Ihr sucht nach Jakob Ohnesorg«, meldete sich Tobias Mond. »Das ist er.«
Owen und Hazel blickten überrascht zu Mond. »Wie kommst du auf diese verrückte Idee?« fragte Hazel.
»Ich habe neben ihm gekämpft. Bei der Rebellion von Eisfels. Einige Hadenmänner hatten sich ihm angeschlossen, um Erfahrungen zu sammeln, und ich war dabei. Ich habe Ohnesorg ein paar Mal bei Stabsbesprechungen gesehen, und ich vergesse niemals ein Gesicht.«
Hazel musterte den Hausmeister. »Dieses klapprige Gestell hier soll den Imperialen Truppen auf Eisfels das Fürchten gelehrt haben? Jetzt halt aber die Luft an!«
»Ach, zur Hölle«, sagte der Hausmeister unvermittelt. »Laßt uns besser hier verschwinden…«
Verblüfft blickten alle zu dem alten Mann. Seine Stimme klang plötzlich so… anders. Er setzte seinen Eimer und den Wischmop ab und zog einen abgewetzten silbernen Flachmann aus seinem Overall. Mit zitternden Fingern schraubte er die Kappe ab und nahm einen tiefen Schluck Sein Adamsapfel hüpfte eckig an seinem unrasierten Hals auf und ab. Er senkte die Flasche, seufzte erleichtert und drehte die Kappe sorgfältig wieder zu. Seine Hände schienen bereits viel weniger zu zittern als vorhin, und sein Blick war klar und direkt. Er musterte Hazel und Owen von oben bis unten, dann wandte er sich wortlos um und verschwand durch eine dritte Tür. Die anderen mußten sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten.
Eisenhand marschierte durch einen Korridor, ohne sich nach seinen drei Besuchern umzusehen oder darauf zu warten, ob sie ihm folgten. Dann öffnete er eine Tür, die im Schatten beinahe unsichtbar war. Er trat beiseite und bedeutete seinen Gästen einzutreten. Ein wenig zaghaft folgten sie der Einladung und fanden sich in einem Kesselraum wieder, der zugleich als improvisiertes Wohnquartier diente. Abgesehen vom Kessel nahm eine Pritsche mit einer zerzausten Decke den größten Raum ein. Eisenhand ließ sich mit einem erleichtertem Seufzen darauf nieder. Owen blickte sich nach einem Stuhl um, aber es gab keinen.
»Schließt die Tür und nehmt Platz«, sagte Eisenhand gereizt. »Wenn Ihr so herumsteht, vertreibt ihr jede Spur von Gemütlichkeit.«
Owen schloß die Tür und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf den Fußboden. Hazel ließ sich neben ihm nieder.
Mond blieb gelassen stehen. Owen warf dem Hausmeister einen prüfenden Blick zu und suchte verzweifelt nach einer Spur des berühmten Rebellen in dem geschlagenen alten Mann vor sich. Der Hausmeister erwiderte seinen Blick, und langsam dämmerte Owen, daß der Mann vor ihm nicht mehr annähernd so unbedeutend aussah wie noch einige Augenblicke zuvor. Sein Rücken war gerade, seine Hände zitterten keine Spur, und in seinem unrasierten Gesicht zeigte sich neue Kraft.
»Ich dachte, ich hätte mich ziemlich gut getarnt«, begann er grimmig. »Ich schätze, ich sollte als erstes erfahren, von wem Ihr meinen Namen habt?«
»Vom Abraxus-Informationszentrum«, erwiderte Owen.
Der Hausmeister knurrte verärgert.
»Diese verdammten Telepathen. Sie stecken ihre Nase in alles. Sieht so aus, als müßte ich wieder umziehen. Ich kann nicht sagen, daß es mir leid tut. Der Laden ist ein einziger Müllhaufen, und die Arbeit stinkt. Und sie nehmen mir sogar noch Miete für dieses Loch hier ab, könnt Ihr Euch das vorstellen? Man sollte nicht meinen, daß sie die Frechheit besitzen, oder? Trotzdem, ich habe es schon schlechter gehabt.
Den größten Teil meines Lebens war ich auf die eine oder andere Weise auf der Flucht, und die Leute haben ein gutes Gespür dafür, wenn man unter Druck steht. Dann werden Wohnungen plötzlich rar, Freunde drehen einem den Rücken zu, und die Preise für alles mögliche schießen durchs Dach.«
Eisenhand brach ab und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Flachmann. Er verzog das Gesicht und schraubte die Kappe wieder auf. »Ich erinnere mich an Zeiten, da hätte ich diesen Fusel nicht einmal zum Schuhputzen benutzt. Ist doch erstaunlich, an was man sich alles gewöhnen kann, wenn einem nichts anderes übrigbleibt. Ich erinnere mich an Zeiten, da habe ich nur die feinsten Jahrgänge getrunken, die härtesten Brandys, perlenden Champagner… Sicher, damals war ich noch wer. Damals galt mein Name noch etwas.«
»Wollt Ihr damit sagen, daß Ihr wirklich Jakob Ohnesorg seid?« fragte Owen. Er versuchte erst gar nicht, seine Skepsis zu verbergen.
»Ich war Jakob Ohnesorg. Heute bin ich Jobe Eisenhand.
Ich habe den Namen eines alten Freundes angenommen. Er starb bereits vor langer Zeit und hinterließ keinen Erben. Ich dachte, er hätte nichts dagegen, wenn ich seinen Namen benutze. Man sollte Respekt vor den Toten haben. Es gibt auch so schon genügend Geister, die mich plagen. Ich brauche nicht noch mehr davon.« Er unterbrach sich und musterte Tobias Mond. »Ich kann mich nicht an Euch erinnern. Ich habe zu viele Armeen geführt und zu viele Schlachten geschlagen.
Eisfels war eine der weniger guten. Am Ende hatten die Imperialen Angriffsschiffe die meisten meiner Leute umgebracht, und ich entkam nur, weil ich um mein Leben rannte. Ich bin am Ende eine ganze Menge gerannt, aber sie haben mich trotzdem erwischt.«
Er unterbrach sich erneut, und seine Augen blickten in weite Fernen. Owen beugte sich vor. »Sie haben Euch erwischt? Was geschah?«
»Sie zerbrachen mich«, erwiderte der Mann, der einmal Jakob Ohnesorg gewesen war. »Folter, Drogen, Hirntechs, Esper… irgendwann zerbricht jeder, wenn man nur lange und fest genug zuschlägt. Und ich war so unendlich müde…«