»Aber… wie seid Ihr ihnen wieder entkommen?« wollte Owen wissen.
»Ich bin nicht entkommen. Das Imperium hatte einen großen Schauprozeß vorbereitet, um der Bevölkerung meinen Sinneswandel zu demonstrierten. Ich sollte vor den Holokameras stehen und all meine alten Freunde und meine Überzeugungen verraten. Ihr kennt diese Art von Prozessen sicher.
Und ich hätte es getan. Sie hatten mich zerbrochen. Zum Glück hatten mich einige meiner Freunde in der Klon-Bewegung noch nicht aufgegeben und brachen in mein Gefängnis ein, um mich zu befreien. Sie hätten es nicht tun sollen. Zu viele gute Männer und Frauen ließen an diesem Tag ihr Leben, nur um mich zu retten, einen gebrochenen, alten Mann, der keine Kraft und keine Ideale mehr besaß. Sie schafften mich unter falschem Namen auf ein Schiff, und schließlich endete ich hier, wo jeder hinrennt, wenn es keinen anderen Platz zum Leben mehr für ihn gibt. Wenn Ihr also nach dem großen Krieger und dem berühmten Berufsrebellen sucht, dann verschwendet Ihr Eure Zeit. Er starb vor vielen Jahren in den Folterkammern unter dem Imperialen Palast von Golgatha.
Seht mich an. Ich bin siebenundvierzig und sehe doppelt so alt aus. Meine Hände zittern die meiste Zeit, weil mein Körper die Erinnerung an die Mißhandlungen der Folter nicht vergessen kann, und meine Erinnerungen sind ein einziges Durcheinander. Die Hirntechs haben wirklich ganze Arbeit geleistet. Ich bin nicht der, den Ihr sucht, und selbst wenn ich es wäre – ich würde Euch nicht nützen.«
»Habt Ihr einen Beweis, daß Ihr der seid, für den Ihr Euch ausgebt?« fragte Owen. »Alte Trophäen oder Erinnerungsstücke aus Eurer Vergangenheit?«
»Nein. Schnell und ohne viel Gepäck war immer meine Devise. Und außerdem ist mir egal, ob Ihr meinen Worten glaubt oder nicht. Tut uns allen einen Gefallen und laßt mich in Frieden.«
Owen musterte den alten Mann und fühlte sich beinahe enttäuscht wie ein Kind. Was hatte sein Vater ihm für Geschichten über den sagenhaften Jakob Ohnesorg erzählt! Als Owen dann älter wurde, hatte er seine Karriere als Historiker mit Nachforschungen über Ohnesorg begonnen und zu seiner Überraschung herausgefunden, daß die Wahrheit noch weit beeindruckender war als die Geschichten seines Vaters. Ohnesorg hatte tatsächlich alles vollbracht, was sein Vater erzählt hatte, und noch einiges mehr. Er hatte auf Hunderten von Welten gegen das Imperium gekämpft, einige Schlachten gewonnen, noch mehr verloren, aber niemals aufgegeben.
Von all den zweifelhaften Freunden und Bekannten seines Vaters war Jakob Ohnesorg der einzige gewesen, den Owen jemals respektiert hatte.
»Erinnert Ihr Euch an meinen Vater?« fragte er unvermittelt. »Mein Name ist Owen Todtsteltzer.«
»Ja. Ich erinnere mich an ihn. Er war ein guter Mann. Ein hervorragender Kämpfer und ein ganz außergewöhnlicher Intrigant.« Ohnesorg blickte Owen fest in die Augen. »Da Ihr hier seid nehme ich an, er ist tot?«
»Ja. Auf der Straße als Verräter niedergestochen. Ich bin jetzt der Todtsteltzer. Zumindest so lange, bis die Eiserne Hexe mich in ihre Finger bekommt. Ich wurde für vogelfrei erklärt, und man hat mir all meine Besitztümer und meinen Titel genommen.«
Ohnesorg musterte Owen nachdenklich. »Habt Ihr den Ring Eures Vaters? Er sagte immer, der Ring sei von größter Bedeutung, obwohl er nie den Grund erwähnte. Er war nie besonders gut im Abgeben von Erklärungen, Euer Herr Vater.«
»Ich habe den Ring. Soweit ich weiß, ist es wirklich nur ein ganz gewöhnlicher Ring.«
Er zeigte ihn Ohnesorg, der sich vorbeugte, den Ring betrachtete und sich wieder auf seine Pritsche zurücksinken ließ.
Seine Finger spielten mit dem Verschluß des silbernen Flachmanns, doch er nahm keinen weiteren Schluck mehr aus der Flasche.
»Es tut mir leid, vom Tod Eures Vaters zu hören. Ich habe im Lauf der Jahre eine Menge Freunde verloren, aber es wird nie leichter. Ihr seht ihm recht ähnlich, Owen Todtsteltzer, wißt Ihr das? Habt Ihr eigentlich einen Plan, oder seid Ihr nur auf der Flucht?«
»Ich habe einen Plan, ja«, entgegnete Oven ein wenig zögernd. »Wollt Ihr dabei mitmachen?«
»Nein. Aber ich schätze, mir bleibt gar keine andere Wahl.
Wenn Ihr mich gefunden habt, dann können das andere auch.
Ich mag nicht mehr viel wert sein, Todtsteltzer, aber was von mir übrig ist, das gehört Euch.«
»Kann ich einen Augenblick mit dir reden, Owen?« unterbrach Hazel die Unterhaltung der beiden Männer und packte ihn mit festem Griff am Arm. Er zuckte zusammen. Hazel zog ihn auf die Füße und auf den Gang hinaus. Owen riß sich
wütend los und schloß die Tür hinter sich.
»Bist du verrückt geworden?« sagte Hazel. »Wir können uns nicht mit einem derartigen Wrack belasten! Er wird uns nur im Weg stehen. Wir können noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, daß er wirklich Jakob Ohnesorg ist!«
»Es macht nichts, wer er wirklich ist« widersprach Owen.
»Allein sein Name wird die Leute auf unsere Seite ziehen. Für Jakob Ohnesorg werden Leute kämpfen und sterben, die für Euch oder mich nicht einen müden Finger krümmen würden.«
»Aber… er ist nur ein Hausmeister!«
»Na und? Also wirklich, Hazel! Wenn hier irgend jemand ein Snob sein sollte, dann ich! Und ich schätze, Ihr seid nicht in der Position, um Steine zu werfen, wenn man Eure frühere Beschäftigung in Nebelhafen bedenkt.«
Hazels Augenbrauen hoben sich gefährlich. »Wovon redest du, Mann?«
»Nun, nach dem, was ich aus Cyders Reden geschlossen habe, wart Ihr… eine Dame der Nacht! «
» Eine Dame der…! Ich sollte dir den Kopf abreißen und in deinen hohlen Hals pinkeln, Owen Todtsteltzer! Ich war niemals eine Hure!«
»Aber was dann?«
»Wenn du es unbedingt wissen willst – ich war Dienerin bei einer Dame!« Hazel bemerkte, daß sie schrie. Sie senkte ihre Stimme. Auf ihren Wangen leuchteten hektische Flecken.
»Du mußt mich gar nicht so dämlich anstarren. Es ist ein vollkommen ehrenhafter Beruf! Und damals war Arbeit ziemlich knapp.«
»Und warum habt Ihr dann… aufgehört?«
»Die Dame des Hauses hat mir einmal zu oft befohlen, die Ecken zu fegen. Ich habe ihr einen Kinnhaken verpaßt, das Tafelsilber eingesteckt und bin getürmt, bevor jemand die Wachen rufen konnte. Bist du jetzt endlich zufrieden?«
»Sehr, jawohl. Es ist immer von Vorteil, wenn man einen Beruf erlernt hat, auf den man zurückgreifen kann. Wenn die Zeiten wieder einmal hart werden, dann kann ich Euch sicher eine Stellung bei meinem Personal verschaffen…«
»Eher würde ich mich umbringen«, knurrte Hazel. »Nein.
Eher würde ich dich umbringen.«
»EISENHAND!!!« Owen und Hazel fuhren herum und erblickten die gewaltige Gestalt Tom Sefkas. Der Besitzer des Olympus’ stürmte durch den Gang auf sie zu. Sie wichen einen Schritt zurück, als er stehenblieb und gegen die Tür der
›Hausmeisterwohnung‹ hämmerte. »Eisenhand! Setz deinen wertlosen Arsch in Bewegung und komm raus! Ein Dutzend Gäste wollen die Dusche benutzen, und du hast sie immer noch nicht saubergemacht! Entweder setzt du dich augenblicklich in Bewegung, oder du bist gefeuert!«
Er wandte sich mit rotem Gesicht um und musterte Owen und Hazel. »Und ihr beide müßt nicht meinen, daß ihr irgendwo hingeht. Ich habe erfahren, wer du bist, Todtsteltzer.
Wenn ich schon früher Bescheid gewußt hätte, wärst du erst gar nicht in meinen Laden gekommen. Eine Bande blutrünstiger Kopfgeldjäger ist das letzte, was ich hier drin gebrauchen kann. Wenn du auch nur versuchst, dein Schwert zu ziehen, dann reiße ich dir den Arm aus! Der Preis auf deinen Kopf wird mich zu einem reichen Mann machen. Du gehörst mir, zusammen mit deinen Begleitern. Es sei denn, du willst dich mit mir anlegen?«