Выбрать главу

Ein schwerer Schatten fiel auf ihn und riß ihn mit sich in den Schnee. Owen schob einen Arm unter seinen Körper und drückte sich rollend zur Seite, wodurch er sich von seinem Angreifer lösen konnte. Er stolperte vorwärts, und eine Klinge bohrte sich genau an der Stelle in den Schnee, wo er noch einen Augenblick zuvor gelegen hatte. Owen fand sein Gleichgewicht wieder und wirbelte herum. Und sah sich einer Frau gegenüber, deren schwarze Lederkluft größtenteils von weißen Fellen bedeckt war. Kein Wunder, daß er sie im Nebel nicht hatte sehen können. Die weißen Felle bildeten eine perfekte Tarnung. Die Frau war mittelgroß und besaß ein blasses, spitzes Gesicht mit dunklen Augen. Ihr schwarzes Haar war kurz geschnitten, und sie grinste kühl und voller Selbstvertrauen. In der Hand hielt sie ein Schwert, und sie erweckte den Eindruck, als wüßte sie sehr genau, wie man damit umging.

Und sie wollte kämpfen, denn kaum hatte Owen einen flüchtigen Eindruck von ihr gewonnen, da war sie auch schon über ihm. Die Spitze ihrer Waffe zielte auf sein Herz. Er brachte sein eigenes Schwert gerade noch rechtzeitig hoch, um ihren Hieb zu parieren, und einen Augenblick standen sie sich gegenüber, Gesicht an Gesicht, Klinge an Klinge, bevor der Kampf weiterging und jeder die Fähigkeiten des anderen testete. Owen benötigte nicht lange zu der Feststellung, daß er einer meisterhaften Schwertkämpferin gegenüberstand, aber zu seiner eigenen Überraschung gab er einen Dreck darauf.

Das war genau die Sorte Kampf, die er bevorzugte. Einer gegen einen, von Angesicht zu Angesicht. Er war es müde, von gesichtslosen Verfolgern gehetzt und aus dem Hinterhalt angegriffen zu werden. Er wünschte sich einen Feind, den er sehen und treffen konnte. Seine Gegnerin war verdammt gut, ganz ohne Zweifel – aber er war der Todtsteltzer. Und sie würde herausfinden, was das hieß.

Sie stampften hin und her auf dem festgetrampelten, rutschigen Schnee; jeder suchte nach einer Lücke in der Deckung des anderen, und ihre Schwerter krachten immer und immer wieder klirrend aufeinander. Owen setzte all seine Kraft und Geschicklichkeit ein und geriet doch unter starken Druck. Die Versuchung, den Zorn aufzurufen, war beinahe übermächtig, aber er tat es nicht. Teilweise, weil er sich Gedanken machte, was der Zorn seinem bereits ziemlich geschwächten Körper zufügen würde, doch hauptsächlich, weil er verdammt sein wollte, wenn er sich wegen eines einzelnen Angreifers in den Zorn flüchten würde. Er hatte schließlich auch seinen Stolz. Owen hatte sich nie als Krieger gefühlt, aber er war von den besten Schwertkämpfern des Imperiums unterrichtet worden. Und ganz nebenbei – er war in letzter Zeit einfach zu oft davongelaufen.

Owen warf sich auf seine Gegnerin und drängte sie allein durch die Wucht und Geschwindigkeit seines Angriffs zurück, dann wischte er ihr Schwert zur Seite und rammte sie mit der Schulter. Der Aufprall raubte ihr die Luft und warf sie noch weiter zurück. Sie verlor das Gleichgewicht und krachte schwer auf den festgetretenen Schnee. Im gleichen Augenblick war Owen schon über ihr und stellte seinen Fuß auf ihr Handgelenk, um sie daran zu hindern, ihr Schwert zu heben.

Sie griff mit der anderen Hand nach ihrem Disruptor, doch Owens Waffe zeigte schon auf ihr Gesicht. Sie resignierte und sank zurück in den Schnee. Überwältigt, aber keineswegs geschlagen. Die Frau funkelte ihren Bezwinger wütend von unten herauf an, und als sie schließlich sprach, klang ihre Stimme kalt und beherrscht.

»Nun mach schon!«

Zu seiner eigenen Überraschung zögerte Owen. Es war eine Sache, jemanden in der Hitze des Kampfes zu töten, aber einen besiegten Feind zu ermorden, der hilflos auf dem Boden lag…? Das war die Methode des Imperiums, und er war nicht länger sein Untertan. Andererseits – wenn Owen sie nicht tötete, würde sie mit ziemlicher Sicherheit wieder aufstehen und sich auf ihn stürzen. Er dachte noch immer nach und bemühte sich um einen nichtssagenden Gesichtsausdruck, als die Gestalten seiner Kameraden sich aus dem Nebel schälten.

Das Geräusch des Kampfes hatte ihnen seine Position verraten. Hazel warf einen Blick auf die am Boden liegende Kopfgeldjägerin und schüttelte empört den Kopf.

»Owen, darf ich dir Ruby Reise vorstellen?«

»Natürlich«, erwiderte Owen schwer. »Es mußte ja wohl so kommen, oder?«

Er nahm den Fuß von Ruby Reises Handgelenk und trat einen Schritt zurück, damit sie aufstehen konnte. Sein Disruptor war unverwandt auf die besiegte Kopfgeldjägerin gerichtet.

Sie kämpfte sich vorsichtig auf die Beine, ohne ihre Augen von ihm abzuwenden. Owen bemerkte, daß sie zwar keine Schönheit war, trotzdem hatte sie etwas Faszinierendes an sich: kalt, aber sinnlich, wie eine giftige Schlange mit einer schönen Zeichnung. Der Gedanke überraschte ihn, und er versuchte ihn zu verdrängen. Owen hatte sich noch immer nicht entschieden, ob er sie töten sollte oder nicht.

»Ruby! Was zur Hölle hast du dir dabei gedacht?« fauchte Hazel ihre frühere Freundin an. »Hast du meine Nachricht nicht bekommen?«

Die Kopfgeldjägerin zuckte die Schultern. »Die Belohnung war zu verlockend. Außerdem wollte ich wissen, ob ich ihn schaffen kann. Ich habe noch nie einen Todtsteltzer getötet.«

»Nun, jedenfalls kannst du dir das jetzt wohl aus dem Kopf schlagen«, sagte Hazel steif. »Komm mit uns, und ich verspreche dir, daß du massenhaft Kämpfe haben wirst und mehr Beute, als du tragen kannst. Die Chancen stehen nicht schlecht, daß wir alle dabei drauf gehen, aber wenn nicht, dann haben wir das verdammte Imperium am Arsch. Was sagst du?«

Ruby warf einen Blick zu Owen. »Was sagt er?«

Owen senkte den Disruptor, aber er steckte ihn noch nicht weg. »Ich weiß, daß ich es bereuen werde… aber Ihr seid eine exzellente Kämpferin, Ruby Reise, und wir könnten eine weitere Mitstreiterin gebrauchen.«

»Dann bin ich dabei«, erwiderte Ruby. »Ich konnte noch nie einer Herausforderung widerstehen.«

»Wie können wir ihr vertrauen?« fragte Tobias Mond.

»Können wir nicht«, erwiderte Jakob Ohnesorg. »Sie ist eine Kopfgeldjägerin.«

»Und wir sind alle Gesetzlose«, fiel Hazel ein. »Niemand traut uns über den Weg. Jedenfalls ist sie meine Freundin, und ich bürge für sie. Hat irgend jemand damit Probleme?«

Owen hatte einige, aber er hatte nicht den Nerv, sich schon wieder mit Hazel zu streiten. Also zuckte er nur die Schultern, steckte seine Waffe weg und lächelte Ruby Reise an. »Willkommen bei unserer Rebellion.«

Ohne größere Zwischenfälle gelangten sie zurück an Bord der Sonnenschreiter. Hazel und Ruby kannten jede dunkle Ecke und jeden Hinterhof in der Stadt. Und außerdem verbreitete sich in Windeseile die Nachricht, daß der Todtsteltzer sich nun in Begleitung eines Hadenmanns, des legendären Jakob Ohnesorg plus der berüchtigten Kopfgeldjägerin Ruby Reise befand, und die meisten der Möchtegern-Attentäter bekamen plötzlich Skrupel und entschieden, daß sie für diese Art von Arbeit doch nicht so sehr talentiert waren.

Wieder an Bord, verschwendete Owen keine Zeit und begab sich auf dem schnellsten Weg in den Regenerationsapparat.