Die Unerschrocken war mit dem neuen Hyperraumantrieb ausgerüstet, trug mehr Disruptorkanonen als jedes andere Schiff und war mit Schutzschilden ausgestattet, die selbst das atomare Feuer von Sonnenprotuberanzen überstehen konnten.
Die Unerschrocken wog für sich allein genommen soviel wie eine ganze verdammte Flotte, und Schwejksam war nicht blind gegenüber dem Vertrauen, das Ihre Majestät Löwenstein XIV. in ihn gesetzt hatte, als sie ihm das Kommando übergab.
Jeder andere Kommandant wäre vielleicht in Versuchung geraten, das Schiff zu nehmen und über den innergalaktischen Rand zu verschwinden, um auf der anderen Seite sein eigenes kleines Imperium zu gründen. Er wäre sicher gewesen in dem Wissen, daß Jahre vergehen würden, bevor ähnliche Schiffe die Verfolgung hätten antreten können. Aber Löwenstein hatte gewußt, daß er, Johan Schwejksam, das nicht tun würde.
Sie hatte ihm das Leben und ein neues Kommando geschenkt, obwohl sie das nicht nötig gehabt hatte. Weil sie ihm vertraute. Und jetzt war er ihr Mann. Mit Leib und Seele. Bis beide tot und zu Staub zerfallen wären.
Aber bis zu diesem Zeitpunkt war er, Johan Schwejksam, der neue Kapitän eines brandneuen Schiffs, auf dem er nichts vertrauen durfte, bis es nicht sorgfältig erprobt und getestet und für zuverlässig befunden worden war. Hochtrabende Behauptungen waren gut und schön, aber Schwejksam behielt sich sein eigenes Urteil vor. Ingenieure hatten die Neigung zu überschwenglichem Enthusiasmus, ganz besonders dann, wenn es nicht ihr eigener Hintern war, der hinterher im Feuer stand. Außerdem wußte Schwejksam auch, woher der neue Antrieb stammte. Die Ingenieure hatten ihn nach dem Muster kopiert, das aus dem fremden Schiff geborgen worden war, welches er auf Unseeli vor knapp einem Jahr entdeckt hatte.
Schwejksam vermutete, es sei durchaus möglich, daß die Werften inzwischen das Prinzip der fremden Maschine voll verstanden hatten, aber trotzdem machte er es sich zur Gewohnheit, zu jedem gegebenen Zeitpunkt über die Position der nächstgelegenen Rettungskapsel Bescheid zu wissen. Das war die Kehrseite seiner Ernennung zum Kommandanten eines nagelneuen Schiffs. Wenn an Bord der Unerschrocken etwas schiefging, dann war er für die Imperatorin vollkommen entbehrlich.
Schwejksam verdrängte den unerfreulichen Gedanken und konzentrierte sich auf den großen Schirm an der Frontseite der Brücke. Die Unerschrocken war zwei Stunden zuvor aus dem Hyperraum gefallen und in einen Orbit um den Planeten Grendel eingeschwenkt, und die brandneuen Sensoren lieferten noch immer keine aussagekräftigen Daten. Die Informationen, die die Sensoren ausspuckten, waren bestenfalls fragwürdig, wenn nicht sogar unverständlich. Und sie nutzten ihm verdammt noch mal überhaupt nichts. Praktisch jede Frage, die Schwejksam seinen Lektronen gestellt hatte, waren mit
›ungenügende Datenbasis‹ beantwortet worden, und jetzt schmollte die KI der Unerschrocken, weil er die Nerven verloren und sie angebrüllt hatte. Aber er konnte die Landung auf dem Planeten nicht guten Gewissens noch länger
hinauszögern. Die Befehle der Imperatorin in dieser Hinsicht waren ziemlich unmißverständlich gewesen. Seine Aufgabe war die Lokalisierung der verbliebenen Gewölbe der Schläfer. Er hatte sie zu öffnen und alle Kreaturen zu unterwerfen oder zu vernichten, die er darin fand. Soweit nichts Neues; es war die Standardverhaltensweise des Imperiums gegenüber fremden Rassen. Aber die Wesen auf Grendel – besser gesagt, tief unter Grendels Oberfläche – waren etwas anderes. Bösartige, unnatürliche Tötungsmaschinen. Sie hatten das Imperiale Forschungsteam förmlich geschlachtet, das sie entdeckt hatte.
Irgend so ein Dummkopf hatte eines der Gewölbe geöffnet, und schon war es geschehen. Schwejksam hoffte, die Dinge würden diesmal anders laufen. Erstens wußte er, was ihn erwartete. Und zweitens hatte er eine volle Kompanie von fünfzig Marineinfanteristen, zehn Kampfesper und zwanzig Wampyre als Rückendeckung bei sich.
Was ihm zumindest einen leichten Vorteil verschaffen sollte.
Ehrlich gesagt war Schwejksam ziemlich überrascht, daß die Flotte tatsächlich noch zwanzig Wampyre in ihren Diensten hatte. Ihre Einsatzmöglichkeiten waren begrenzt, sie waren kostspielig im Unterhalt, und sie ängstigten jeden zu Tode, der mit ihnen zusammenarbeiten mußte… und inzwischen wußte mit Sicherheit auch der letzte an Bord, was es mit Plasmakindern auf sich hatte. Das hatte ihm an Bord eines neuen Schiffs mit einer neuen Mannschaft noch gefehlt: eine suchterzeugende Droge, die seine Leute in Versuchung führte.
Wahrscheinlich waren sie sowieso schon längst dabei, ihre illegalen Destillen aufzubauen und in ihren versteckten Labors neue Kampfdrogen zu synthetisieren, nur um herauszufinden, ob ihr neuer Kapitän das tolerieren würde. Was wahrscheinlich auch der Grund war, warum die Imperatorin darauf bestanden hatte, ihm einen verdammten Sicherheitsoffizier zur Seite zu stellen. K. Stelmach lautete sein Name. Einfach K. Er hatte seinen Vornamen nicht preisgegeben, und Schwejksam hatte nicht nachgefragt, für den Fall, daß er ihm peinlich war (Kurt, Konrad…. Kamillo!). Groß, breitschultrig, mit breitem Mund und bar jeden Humors. Der Sicherheitsoffizier war nie weit von Schwejksam oder Investigator Forst entfernt und hatte ein wachsames Auge auf beide. Nur eine Gedächtnisstütze, daß die beiden noch unter Bewährung standen. Schwejksam gab sein Bestes, um sich nichts anmerken zu lassen.
Er sah zu Frost, die unverrückbar und gelassen wie ein Fels in der Brandung schräg hinter seinem Kommandantensitz stand und den Planeten auf dem Hauptschirm mit entschlossenen Blicken musterte. Schwejksam hatte nicht viel Gelegenheit gehabt, mit Frost zu reden, seit Löwenstein sie beide begnadigt hatte. Es war viel zuviel zu tun gewesen, um das Schiff auf die Abreise vorzubereiten, und ihre Aufgaben hatten sie an verschiedenen Orten festgehalten… außerdem hätte er sowieso nicht gewußt, worüber er mit Frost reden sollte.
Investigator Frost hatte ihm das Leben gerettet, aber er wußte nicht, warum. Bei jedem anderen hätte er ein paar wohlbegründete Vermutungen anstellen können, aber nicht bei Frost.
Investigatoren besaßen keine menschlichen Emotionen. Ihre Ausbildung sorgte dafür. Manche behaupteten, Investigatoren wären genauso unmenschlich wie die fremden Rassen, die sie studierten, und in ihren Köpfen wäre kein Platz für etwas anderes als kühler, berechnender Mord.
In diesem Fall würde Frost sich auf Grendel wahrscheinlich wie zu Hause fühlen.
Schwejksam seufzte ein weiteres Mal leise vor sich hin und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Sichtschirm. Grendel füllte die Fläche aus, eine graue konturlose Aschenkugel, die ihre Geheimnisse vor ihnen verbarg. Der Planet hatte einst eine bewohnbare Oberfläche besessen, zusammen mit den Ruinen einer versunkenen fremden Kultur und unbekannten Maschinen und Technologien, aber das war Vergangenheit; verloren oder zerstört, als die Imperiale Flotte den Planeten aus dem Orbit herab sengte, um sicherzugehen, daß keine der schrecklichen Kreaturen überleben konnte, die aus dem Gewölbe der Schläfer entkommen war.
Seither war eine undurchdringliche Quarantäne über den Planeten verhängt worden. Sechs Imperiale Sternenkreuzer hingen permanent im Orbit und stellten sicher, daß niemand zum Planeten hinunter und erst recht niemand wieder von ihm wegkam. Schwejksam hatte die Maßnahme im ersten Augenblick als Überreaktion empfunden, doch das war gewesen, bevor er die verbliebenen Aufzeichnungen des ersten Kontaktteams gesehen hatte – und wie sie gestorben waren.