Schwejksam hatte die Aufzeichnungen der ersten Kontaktgruppe über ihre Stadt sehr genau studiert, aber sie ergaben nicht viel Sinn. Erstens waren sie weit davon entfernt, auch nur ein annähernd vollständiges Bild zu liefern, und zweitens war das, was er zu sehen bekam, ganz bestimmt kein erbaulicher Anblick. Die Einzelheiten waren einfach zu fremdartig.
Zu unähnlich allem, was Menschen je hervorgebracht hatten.
Zu unähnlich auch allem, das Schwejksam früher gesehen hatte.
Selbst Frost gestand, daß der Anblick sie beunruhigte, und sie hatte mehr Erfahrungen mit fremden Rassen als alle anderen an Bord der Unerschrocken zusammengenommen – obwohl es schon einige ziemlich seltsame Vögel an Bord des Schiffs gab. Schwejksam verzog bei dem Gedanken kurz das Gesicht. Allmählich wurde es Zeit, daß er sich mit seinem Kontaktteam in Verbindung setzte. Die Landeoperarion stand kurz bevor. Er stellte auf seinem privaten Kanal eine Verbindung zu Marinesergeant Angelo Null her und nickte dem breiten, leicht mürrisch dreinblickenden Gesicht freundlich zu.
»Wie kommen Eure Leute voran, Sergeant? Gibt es Probleme?«
»Nichts, womit ich nicht klarkäme, Sir. Sie wurden genau über alles informiert, was der letzten Kontaktgruppe zustieß.
Sie sind nicht besonders glücklich über ihre Aufgabe, aber sie wissen zumindest, was auf sie zukommt. Der dreifache Einsatzlohn hat ihre Laune erheblich steigen lassen, und die neuen Kampfdrogen tun ein übriges. Das Zeug, das man uns gegeben hat, würde sogar eine Nonne zu einem Killer machen, Sir. Aber ich denke, wir sparen uns das für den Notfall.
Chemisch erzeugter Mut ist gut und schön, aber ich bevorzuge das Echte. Persönlich halte ich mehr von der Bewaffnung, mit der man uns ausgerüstet hat. Das Neueste vom Neuesten.
Sehr geschmackvoll, Sir. Die Nachladezeit beträgt zwar immer noch zwei Minuten, aber wenn man Durchschlagskraft und Zerstörungspotential betrachtet, dann habe ich noch nie etwas Besseres als diese neuen Waffen gesehen. Ich fühle mich schon warm, sicher und geborgen, wenn ich die Dinger nur ansehe.«
»Ich bin froh, das zu hören, Sergeant. Aber ich denke, ich sollte Euch daran erinnern, daß auch die erste Kontaktgruppe bis an die Zähne bewaffnet war, und es scheint ihnen nicht geholfen zu haben. Ich möchte, daß Ihr all Eure Männer zusätzlich zu den Disruptoren mit Schrapnellgranaten, Splitterbomben, Brandbomben und persönlichen Schutzschirmen ausrüstet. Macht Euch um die Kosten keine Gedanken, ich kümmere mich darum. Ihr setzt Eure Leute mit soviel Waffen und Munition unten ab, wie sie nur tragen können, ohne in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein. Ich autorisiere außerdem die Benutzung von zwei transportablen Disruptorkanonen und einem transportablen Schirmgenerator. Seht zu, daß Ihr Eure Leute einsatzbereit macht, Sergeant. Wir werden von jetzt an in genau einer Stunde mit der Landoperation beginnen.«
»Verstanden, Kapitän.« Der Sergeant zögerte einen Augenblick. »Sir? Wir haben schon früher mit Kampfespern zusammengearbeitet, aber… Wampyre? Kommen wirklich Wampyre mit runter, Sir?«
»Das ist richtig, Sergeant. Habt Ihr ein Problem mit Wampyren? Würde es Euch gefallen, wenn ich an Euch und Eure Leute eine Sonderration Knoblauch und ein paar Kruzifixe austeilen lasse?«
»Nein, Sir. Keine Probleme, Sir.«
»Das freut mich zu hören, Sergeant.«
Schwejksam unterbrach die Verbindung, und das besorgte Gesicht des Unteroffiziers verschwand vom Schirm. Obwohl der Marinesergeant nicht deutlich geworden war, hatte Schwejksam verstanden, was er meinte. Die Wampyre waren keine echten Kampftruppen wie die Marineinfanteristen oder die Esper. Sie waren eher wie eine Waffe: Man richtete sie auf ein Ziel, sprang in Deckung und ließ sie los. Auch die Kampfesper waren nicht ganz leicht zu kontrollieren; sie waren schon halbe Psychopathen, oder sie wären nicht imstande gewesen, an einer Kampfhandlung teilzunehmen. Man umgab sie mit ESPB lockern, bis man sie benötigte, dann ließ man sie los und hoffte auf das Beste. Esper konnten weitaus
zerstörerischer sein als eine ganze Batterie von Disruptorkanonen, doch man durfte nicht darauf vertrauen, daß sie haltmachten, wenn man es wünschte oder das Ziel erreicht war. Offiziell hatte man die Esper außer Dienst gestellt, aber die Tatsache, daß die Imperatorin persönlich darauf bestanden hatte, die letzten Exemplare für diese Mission einzusetzen, sagte eine Menge darüber aus, was sie aller Wahrscheinlichkeit nach hier erwarten würde. Schwejksam hatte sich bereits ganz zu Beginn der Operation dafür entschieden, die Esper bis unmittelbar vor der Ausschiffung in Stasisfelder einzuschließen. Es war sicherer für den Rest der Besatzung. Er wünschte nur, er hätte dasselbe mit den Wampyren machen können.
Schwejksam runzelte sorgenvoll die Stirn. Offiziell waren die Wampyre Stelmachs Haustierchen. Sie unterstanden dem direkten Kommando des Sicherheitsoffiziers, und sonst niemandem. Es war ihre letzte Chance, ihre Nützlichkeit zu beweisen. Wenn sie sich bei dieser Mission nicht bewährten, würde man das Wampyr-Projekt einstellen. Das sollte sie bewegen, ihren Befehlen nachzukommen und nicht so viele Schwierigkeiten zu machen – doch Schwejksam glaubte nicht so recht daran. Wampyre gaben exzellente Einzelkämpfer ab, schnell, stark, furchtlos und beinahe unverwundbar, aber sie taugten überhaupt nichts, wenn es darauf ankam, mit anderen Truppen zusammenzuarbeiten. Ihr nie versiegender Blutdurst machte sie zu gefürchteten Kämpfern, aber auch anfällig für Ablenkungen. Schwejksam seufzte. Er hatte es vor sich her geschoben, so lange er konnte, doch er mußte mit ihnen reden.
Er schaltete eine Verbindung zu ihrem Quartier und wartete geduldig. Sie hatten ihr eigenes Territorium unten im Schiff, wo sie von den anderen Besatzungsmitgliedern getrennt leben konnten – zur Erleichterung aller Verantwortlichen.
Das Gesicht eines Toten erschien auf dem Schirm. Seine Haut war blaß und blutleer, und sein Ausdruck kalt und nichtssagend. Er schien geistesabwesend, beinahe als würde er ein Lied hören, das kein Ohr eines Sterblichen je wahrnehmen konnte. Das Quartier hinter dem Gesicht des Wampyrs war stockdunkel. Wampyre bevorzugten die Dunkelheit.
Schwejksam räusperte sich und bereute es im gleichen Augenblick. Es ließ eine Schwäche erkennen.
»Hier spricht der Kapitän. Wir werden innerhalb der nächsten Stunde landen. Sind Eure Leute in ihre Aufgaben eingeweiht und fertig?«
»Ja, Kapitän. Wir freuen uns darauf, anzufangen.« Die Wampyre hatten ihren eigenen Anführer, der das Bindeglied zu Stelmach darstellte. Es schien etwas mit Alpha-Dominanz zu tun zu haben. Noch so etwas, das die Menschen nicht verstanden an der Rasse, die sie selbst geschaffen hatten. Nach den Aufzeichnungen zu urteilen, hörte der Wampyr hier auf den Namen Ciannan Budd. Er war einst ein ganz gewöhnlicher, lebendiger Mensch gewesen, mit Hoffnungen und Träumen und menschlichen Emotionen. Dann hatte man ihn getötet und seine Adern mit synthetischem Blut gefüllt – und welche Gefühle er jetzt auch immer haben mochte, kein Mensch würde sie je als menschlich erkennen. Schwejksams Mund war beinahe schmerzhaft trocken, aber er zwang sich dazu, den Augenkontakt mit dem Wampyr aufrechtzuerhalten.
»Gab es Probleme mit dem Blutersatz, den wir bereitgestellt haben?«
»Er ernährt uns, aber er ist nicht besonders schmackhaft. Er ist nicht echt. Er befriedigt uns nicht.«
Ein eigenartiger Unterton in der tonlosen, leiernden Stimme jagte eine Gänsehaut über Schwejksams Arme, doch der Kapitän ließ sich nichts anmerken. »Haltet Euch bereit. Ich werde Euch rechtzeitig Bescheid geben, wenn es losgeht.«
Der Wampyr nickte und unterbrach die Verbindung, bevor Schwejksam dies von sich aus tun konnte. Der Kapitän der Unerschrocken seufzte resignierend und entspannte sich langsam in seinem Sitz. Es hätte auch schlimmer kommen können, sagte er sich. Es hätten Hadenmänner sein können.