»Tut, was immer Ihr tun müßt«, erwiderte Schwejksam.
»Wir gehen pünktlich runter. Wenn Ihr bis dahin nicht fertig seid, müßt Ihr zu Fuß hinterherkommen.«
Stelmach nickte knapp und verließ die Brücke. Frost rümpfte die Nase. »Der Mann braucht mehr Ballaststoffe in seiner Ernährung. Gibt es wirklich keine weiteren Filmaufnahmen vom ersten Kontakt?«
»Das ist alles, was zu sehen ist. Außerdem schätze ich, daß ich nicht viel mehr ertragen könnte. Ich glaube nicht, daß ich schon jemals so bösartige und tödliche Kreaturen gesehen habe.«
»Da habt Ihr verdammt recht«, stimmte ihm Frost zu. Sie grinste breit. »Ich kann es kaum abwarten, ihnen gegenüberzutreten. Muß Jahre her sein, daß ich richtig herausgefordert worden bin.«
Das Schlimme daran ist, dachte Schwejksam trocken, daß sie das ernst meint.
Die Oberfläche Grendels sah in Wirklichkeit noch viel deprimierender aus als auf den Schirmen aus dem Orbit herab. Ein einziges riesiges Aschenmeer erstreckte sich in alle Richtungen bis zum Horizont, geschwungen, eben, tot. In der Luft trieb Asche und trübte das Licht der purpurnen Sonne. Es schien, als würde der Himmel selbst bluten. Die fünf Pinassen der Unerschrocken landeten eine nach der anderen auf den eigens dazu errichteten stählernen Plattformen, die über der Asche schwebten. Sie blieben gerade lange genug, um die Mannschaft der Kontaktgruppe und ihre Ausrüstung zu entladen, bevor sie wieder abhoben und verschwanden. Kapitän Johan Schwejksam warf einen Blick in die Umgebung und versuchte zugleich, ein Gespür für die veränderte Gravitation zu entwickeln. Er fühlte sich ein wenig schwerer als gewöhnlich, aber es war auszuhalten. Der Atemregenerator in seinem Uniformkragen umgab seinen Kopf mit einer Blase aus frischer Luft. Selbst wenn das übelkeitserregende Gemisch von Grendels Atmosphäre atembar gewesen wäre, hätte die darin schwebende Asche ihn innerhalb von Sekunden geblendet und seine Lungen verätzt. Er blickte den startenden Pinassen mit gemischten Gefühlen durch den blutigen Himmel hinterher.
Jetzt war er wirklich ganz auf sich allein gestellt.
Schwejksam drehte sich um und musterte seine Leute. Sie hatten sich bereits jetzt in drei Abteilungen aufgespalten: Esper, Marineinfanteristen und Wampyre. Alle hatten ihre Augen auf den Kapitän gerichtet und erwarteten seine Befehle. Als wüßte er besser als sie, was als nächstes zu tun sei.
Wenn du Zweifel hast, dann gib dir wenigstens einen zuversichtlichen Anschein.
»Also gut, alles herhören! Die Minenroboter haben einen Aufzug konstruiert, der uns in die verschüttete Stadt unter den Landeplattformen bringt. Die schlechte Nachricht ist, daß nicht mehr als fünfzehn Leute gleichzeitig hineinpassen. Deshalb werden die Marineinfanteristen als erste hinuntergehen und die Situation begutachten. Sobald wir hier oben die Nachricht erhalten, daß alles in Ordnung ist, werden Investigator Frost und ich mit den Espern hinterherfahren. Anschließend folgen Sicherheitsoffizier Stelmach und seine Wampyre. Die Waffen sind schußbereit, meine Damen und Herren! Wenn sich etwas bewegt, das nicht zu uns gehört, wird sofort geschossen. Ihr müßt nicht auf meine Erlaubnis warten. Und haltet Euch unter Kontrolle, sobald wir unten sind. Die Technologie der Fremden hat einen eigenartig beunruhigenden Einfluß auf das menschliche Bewußtsein. Konzentriert Euch allein auf Eure Aufgabe, und alles sollte glattgehen. Fragen?«
»Wollt Ihr zuerst die schlechten Nachrichten oder die wirklich schlechten Nachrichten hören?« fragte Frost.
»Redet nicht um den heißen Brei«, erwiderte Schwejksam schwer. »Was ist jetzt schon wieder schiefgelaufen?«
»Erstens haben wir jeglichen Kontakt mit der Unerschrocken verloren. Irgend etwas unten in der Stadt stört unsere Kommunikationssysteme. Das ist eine neue Entwicklung, seit unser erstes Team auf diesem Planeten war. Und es bedeutet, daß wir hier feststecken, wenn irgendwas passiert. Wir können keinerlei Verstärkungen anfordern, und wir können uns nicht evakuieren lassen. Wir sitzen fest, bis die Pinassen zur vorher vereinbarten Zeit wiederkommen. Und das ist erst in vier Stunden. Vielleicht interessiert Euch in diesem Zusammenhang, daß die erste Mannschaft insgesamt zwei Stunden und siebzehn Minuten überlebt hat.«
»Und die wirklich schlechte Nachricht?« fragte Schwejksam nach einer kurzen Pause.
»Die Minenausrüstung hat aufgehört zu funktionieren. Der Aufzug arbeitet noch, aber der Schacht führt nur bis zum Rand der unterirdischen Stadt. Wir werden mindestens eine Stunde marschieren müssen, bis wir das Gewölbe erreicht haben.«
Großartig, dachte Schwejksam. Einfach großartig. Er hatte fest darauf gezählt, daß er die fremdartige Technologie der Stadt und ihre Auswirkungen auf das menschliche Bewußtsein würde vermeiden können. Außerdem würde jetzt weitaus weniger Zeit bleiben, um sich mit dem auseinanderzusetzen, was auch immer aus dem Gewölbe zum Vorschein kommen mochte. Schwejksam dachte angestrengt nach.
»Gibt es einen Verdacht, warum die Minenausrüstung versagt hat?«
»Nein. Die Telemetrie ist zusammen mit den Kommunikationssystemen ausgefallen. Die einzig halbwegs positive Nachricht ist, daß die Aufzüge noch arbeiten. Jedenfalls im Augenblick.«
»Also gibt es keinerlei Garantie, daß sie noch funktionieren, wenn wir aus der Stadt zurückkehren wollen?«
»Richtig.«
»Wunderbar. Also gut. Wir machen weiter wie geplant. Im Gegensatz zum ersten Kontaktteam haben wir Kampfesper und ESP-Blocker bei uns. Ich hoffe doch, daß entweder die einen oder die anderen uns einen gewissen Schutz vor dem schädlichen Einfluß der Stadt bieten können. Und wenn nicht, dann werden wir sehr schnell herausfinden, wie hart unsere Truppe wirklich ist. Setzt die Marineinfanterie in Bewegung, Investigator. Die Zeit läuft gegen uns.«
Die Fahrt im Aufzug war ziemlich ernüchternd. Es war eng, drückend und ganz entschieden nichts für Klaustrophobiker, aber jeder war in seinen Gedanken bei dem bevorstehenden Horror, der in der Stadt auf sie zukommen würde, und niemand nahm wirklich Notiz von der bedrückenden Enge. Da die Kommunikationssysteme ausgefallen waren, machte es auch keinen Sinn, auf das Signal der Infanteristen zu warten, und so hofften Schwejksam und Frost auf das Beste, als sie mit der ersten Abteilung Kampfesper in den Schacht einfuhren.
Die Stadt selbst schien still und friedlich, doch Schwejksam kam es vor wie die Stille eines Friedhofs. Die Marineinfanteristen hatten bereits einen Sicherungskordon gebildet, und helle Scheinwerfer drängten die Dunkelheit in alle Richtungen zurück. Die Soldaten hielten ihre Waffen feuerbereit und sahen mehr als entschlossen aus, sie beim geringsten Anlaß auch zu benutzen. Frost summte irgend etwas Aufmunterndes und setzte sich in Bewegung, um den Sicherungskordon zu inspizieren, während Schwejksam die Esper auf einer Seite in Stellung gehen ließ. Im Augenblick arbeiteten alle drei ESP-Blocker, und der Kapitän hoffte, daß ihr Feld stark genug sein würde, um die gesamte Mannschaft zu schützen. Trotzdem instruierte er die Esper, einen starken psionischen Schirm aufrechtzuerhalten – für den Notfall. Sie folgten seiner Aufforderung ohne Zögern, die Augen in unbestimmte Fernen gerichtet. Schwejksam machte ihnen keinen Vorwurf. Auch er hatte Mühe, seine Augen von der Dunkelheit dort draußen abzuwenden. Alles konnte dort auf sie lauern. Wirklich alles.
Die Wampyre warteten geduldig auf Befehle. Stelmach starrte mit offenstehendem Mund in die Runde. Es war eine Sache, die Stadt auf einem Bildschirm aus relativ sicherer Entfernung zu betrachten, und eine völlig andere, mitten drin zu stehen und alles aus erster Hand zu erleben. Er bemerkte, daß Schwejksam ihn beobachtete, und schloß mit einem schnappenden Geräusch den Mund. Dann bellte er seine Befehle, und die Wampyre bildeten ohne besondere Eile einen Ring um ihn. Was auch immer geschehen mochte – Stelmach war anscheinend fest entschlossen, unter allen Umständen zu überleben, um Bericht erstatten zu können. Schwejksam grinste schief. Keine schlechte Idee, sich mit einem Kordon aus Wampyren zu umgeben. Er wünschte nur, er hätte als erster daran gedacht. Frost kehrte von ihrer Inspektion zurück, und Schwejksam setzte sein ruhigstes und zuversichtlichstes Gesicht auf. Obwohl er nicht wußte, wozu es gut sein sollte. Er hatte Frost noch nie über seinen Gemütszustand hinwegtäuschen können. Sie nickte ihm lässig zu und trat dicht an ihn heran. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Murmeln.