Eine Falltür öffnete sich unter den Füßen des vorausgehenden Soldaten, und plötzlich war er einfach verschwunden. Er hatte eben noch genug Zeit, um zu einem Schrei anzusetzen, bevor er in der Finsternis verschwand und der Schrei sich entfernte. Schwejksam und Frost schoben sich an den anderen vorbei und blieben am Rand des Lochs stehen. Sie konnten den Schrei noch immer hören, aber er wurde rasch leiser und verstummte ganz, während sie auch den Helmscheinwerfer der fallenden Gestalt aus den Augen verloren. Die Soldaten drängten sich um das Loch und richteten ihre Scheinwerfer nach unten, doch das Licht schien irgendwie verschluckt zu werden, und sie sahen nichts außer Schwärze.
»Habt Ihr eine Idee, wie rief es ist?« fragte Schwejksam schließlich. »Können wir eine Leine hinablassen und ihn zurückholen?«
»Die Sensoren sind ausgefallen«, erwiderte Frost leidenschaftslos. »Auf den Bewegungsmeldern ist nichts zu erkennen. Nach allem, was wir bisher gesehen haben, kann es durchaus bodenlos sein.«
»Wir gehen weiter«, entschied Schwejksam und richtete sich auf. Ein Soldat funkelte ihn wütend an.
»Wir lassen unsere Kameraden nicht einfach zurück, Kapitän.«
»Diesmal schon, Soldat. Wir haben keine Möglichkeit, ihn da wieder herauszuholen, falls er überhaupt noch lebt – was ich für unwahrscheinlich halte. Wir werden mit ziemlicher Sicherheit noch weitere Verluste haben, bevor wir wieder an die Oberfläche kommen. Gewöhnt Euch besser an diesen Gedanken. Und jetzt setzt Euch in Bewegung, Soldat. Da Ihr so eifrig seid, macht es Euch sicherlich nichts aus, die Spitze zu übernehmen.«
Der Infanterist starrte ihn mit mühsam beherrschter Wut an, aber er sagte nichts mehr. Brüsk machte er auf dem Absatz kehrt und stapfte durch den engen Korridor voran. Schwejksam winkte den anderen Infanteristen, ihm zu folgen. »Alles bleibt dicht beisammen und hält die Augen offen. Mit Sicherheit warten hier unten noch mehr Fallen auf uns.« Er blickte über das Loch hinweg zu Frost. »Haben wir keine Instrumente mehr, die derartige Fallen vorher entdecken können?«
»Nein«, erwiderte sie leise. »Die Stadt scheint sie irgendwie… zu verwirren. Es ist alles zu fremd. Zu verschieden.«
Die Kontaktmannschaft marschierte weiter. Sie waren jetzt vorsichtiger. Die Erinnerung an das, was mit dem ersten Team geschehen war, lag allen wieder frisch im Gedächtnis. Damals hatte es noch keine Fallen gegeben. Es schien, als hätten die Städte gelernt, sich gegen die Eindringlinge zu verteidigen.
Mit einem Mal lauerten auf allen Seiten Fallen. Plötzlich und unerwartet schlugen sie zu. Spitze Metalldornen schossen aus einer scheinbar glatten Wand und durchbohrten einen vorbeigehenden Soldaten. Er hing für einen Augenblick an den Dornen wie ein aufgespießter Schmetterling, dann fuhren sie wieder in die Wand zurück, und sein Leichnam fiel zu Boden. Das Metall gab ein leises, saugendes Geräusch von sich, als es aus dem Körper zurückgezogen wurde; ein schrecklicher Laut in der bedrückenden Stille. Die Mannschaft rückte argwöhnisch weiter vor und ließ die leblose Gestalt zurück. Man würde die Leiche auf dem Rückweg nach oben bergen. Wenn alles gutging.
Dann fanden unerwartete Ausbrüche von Hitze oder Kälte statt, beides extrem genug, um nacktes Fleisch zu verbrennen oder zu erfrieren. Einmal folgte ihnen ein unheimliches Heulen durch einen engen Gang nach unten. Das Geräusch kreischte zuerst schrill in ihren Ohren, dann sank der Ton so tief, daß sie ihn nur noch in ihren Eingeweiden spüren konnten. Das Geräusch schien ihnen nichts anhaben zu können, also ignorierten sie es. In den Wänden öffneten sich verborgene Nischen voller Geheimnisse und Fremdartigkeit, und gleitende Paneele fuhren auf und schlugen zu wie hungrige Mäuler. Die Gravitation änderte sich sprunghaft von Beinaheschwerelosigkeit zu einem erdrückenden Gewicht, das jedes Fortkommen fast unmöglich machte. Einer der Esper blieb ohne ersichtlichen Grund stehen und begann zu kichern. Er lachte immer lauter und lauter und hatte ganz offensichtlich den Verstand verloren. Ein Infanterist hatte Mitleid – vielleicht war er auch nur durch das unheimliche Lachen völlig entnervt – und schoß ihm in den Kopf. Die Kontaktgruppe setzte ihren Weg fort. Eine Stunde verging, und sie verloren während dieser Zeit sieben Infanteristen, einen Esper und einen Wampyr, der nicht aufgepaßt hatte, wo er hintrat.
Schwejksam warf Frost einen zweifelnden Blick zu. »Seid Ihr sicher, daß diese Stadt verlassen ist?«
Investigator Frost zuckte die Schultern. »Soweit unsere Instrumente an Bord der Unerschrocken funktionierten, konnten sie keinerlei Anzeichen für Leben auf dem Planeten entdecken. Jedenfalls fanden sie nichts, das sie als Leben erkannt hätten. Natürlich waren sie nicht imstande, die Gewölbe zu durchdringen. Vielleicht ist ja die Stadt selbst ein lebender Organismus…?«
»Und hungrig.«
»Nicht unbedingt. Es ist grundverkehrt, menschliche Motive in die Handlungsweise fremder Rassen zu projizieren. Diese Zwischenfälle könnten genausogut ihre Methode sein, mit uns in Kontakt zu treten.«
»Dann möchte ich wirklich nicht wissen, was sie uns sagen wollen. Obwohl ich denke, wir können getrost davon ausgehen, daß es nichts Freundliches ist.«
»Vielleicht ist es eine Warnung?« überlegte Frost laut.
»Vielleicht will irgend jemand uns sagen, daß wir umkehren sollen, bevor wir zum Gewölbe kommen und dem begegnen, was darin auf uns wartet?«
»Ihr seid stets voll erbaulicher Information, Investigator, nicht wahr?« brummte Schwejksam. Er warf einen Blick auf die hinter ihm ziehende Mannschaft. »Stelmach, schafft Eure Wamypre herbei. Ich möchte, daß sie von nun an die Führung übernehmen, da wir so dicht beim Gewölbe sind.«
»Warum?« wollte Stelmach wissen.
»Nun, erstens, weil ich hier der Kapitän bin und das Kommando habe, und zweitens, weil sie nicht so einfach zu töten sind. Also macht schon.«
»Ihre Reaktionsgeschwindigkeit ist der unseren weit überlegen, und sie können eine ganze Menge mehr einstecken«, sagte Stelmach. »Aber die Wampyre sind viel zu kostbar, um sie unnötigen Risiken auszusetzen.«
»Mein lieber Stelmach, schickt die Wampyre nach vorn.
Noch ein weiteres Wort des Widerspruchs, und Ihr geht selbst voraus. Habt Ihr mich verstanden?«
Der Sicherheitsoffizier dachte einen Augenblick über die Angelegenheit nach, bevor er zögernd nickte. Langsam ging es weiter, und die Wampyre bildeten die Vorhut. Die Marineinfanteristen murrten unzufrieden. Sie waren nicht sicher, ob sie erleichtert oder beleidigt reagieren sollten. Langsam zog die Stadt an ihnen vorbei, dunkel und glitzernd und sich vielleicht der Eindringlinge bewußt.
Endlich, nach einer Stunde und siebzehn Minuten, erreichten sie das Gewölbe.
Es war groß. Monolithisch. Seine schimmernden Stahlwände erstreckten sich in jede Richtung, so weit die Scheinwerfer die Finsternis durchdrangen. Die Ausrüstung spielte verrückt, selbst die Apparate, die bis jetzt klaglos funktioniert hatten.
Die Wampyre und die Infanteristen ließen sich ein wenig zurückfallen, als würden sie zögern, sich dem Gewölbe weiter zu nähern, jetzt, da sie vor ihm standen. Es war zu groß. Zu gewaltig, um einfach in einen menschlichen Verstand zu passen. Schwejksam ging voran, Frost an seiner Seite. Er streckte die Hand aus, um den schimmernden Stahl zu berühren, doch im letzten Augenblick zögerte er. Es war, als würde ein eiskalter Wind von den Mauern ausgehen. Schwejksam konnte ihn auf seinem Gesicht spüren. Sein Spiegelbild auf der Oberfläche des glatten Stahls blickte unsicher, verwirrt, beinahe wie ein Geist; vielleicht eine Vorahnung, die auf ihn zurückfiel, um ihn zu warnen.