»Wenn Ihr endlich fertig seid, unsere Moral noch weiter zu senken, dann habe ich eine Information, die Euch ebenfalls den Tag verderben wird«, brummte Schwejksam. »Wir werden zurückkehren und ein Gewölbe nach dem anderen öffnen und uns davon überzeugen, ob sie von den Geistkriegern geöffnet und ausgeplündert wurden oder nicht. Und Ihr habt gesehen, was uns allein dieses eine Gewölbe hier gekostet hat.«
»Kommt zur Flotte und besucht das Universum, hieß es immer. Ihr habt Echt, wir müssen sichergehen, Kapitän. Aber wir haben ja jetzt Stelmachs Maschine.«
»Zumindest so lange, wie sie unter diesen Umständen funktioniert. Wir können uns hier unten auf nichts verlassen. Auf rein gar nichts.«
Wieder zurück auf der Brücke der Unerschrocken, saß Schwejksam zusammengesunken in seinem Kommandantensitz und kämpfte verzweifelt gegen den Schlaf, der ihn zu übermannen drohte. Er hatte ein Mittel eingenommen, das ihn wachhalten würde, aber es dauerte ziemlich lange, bis die Wirkung einsetzte. Frost stand wie immer neben ihm, und wie immer wirkte sie kühl und gefaßt – und frisch, als wäre sie eben erst zum Dienst angetreten. Aber auch das war eigentlich wie immer. Es lag an der Ausbildung der Investigatoren. Der Rest seiner Mannschaft war ein einziges Chaos. Die wenigen Überlebenden des Kontaktteams schliefen unter dem Einfluß von Betäubungsmitteln in der Med-Abteilung, wo sie sich von dem Schock, der Erschöpfung und den Auswirkungen der extraterrestrischen Stadt erholten. Schwejksam wäre ihrem Beispiel nur allzugern gefolgt, doch dringende Arbeit wartete auf ihn. Er hatte noch einhundertzwanzig Marineinfanteristen an Bord, aber er war nicht bereit, ihr Leben dort unten vor den Gewölben aufs Spiel zu setzen, wenn ihm nicht ein Weg einfiel, sie zu schützen. Die Kampfesper und die Wampyre waren tot. Ihr Tod machte ihm nichts aus. Jedenfalls nicht halb soviel wie der Tod seiner Soldaten. Unwillig schüttelte er den Kopf. Es gab Wichtigeres, über das er nachdenken mußte.
Zum Beispiel, wie Stelmach unten im Forschungslabor mit seinen Untersuchungen des gefangenen Schläfers vorankam.
Er stellte eine Verbindung zu seinem Sicherheitsoffizier her.
Stelmachs müdes, geistesabwesendes Gesicht erschien auf dem kleinen Schirm vor dem Kommandantensitz.
»Habt Ihr inzwischen etwas herausgefunden?« »Nein, noch nicht. Der Schläfer ist so anders als jede uns bisher bekannte Lebensform, daß die Hälfte meiner Instrumente nutzlos ist.
Aber meine wenigen bisher gesammelten Informationen reichen auch so völlig aus, um Euch graue Haare wachsen zu lassen. Eines kristallisiert sich jedenfalls immer deutlicher heraus: Die Kreatur ist das Produkt einer genetischen Manipulation. Sie ist eine lebende Mordmaschine, ein perfekter Krieger. Auf physischer Ebene fast buchstäblich unschlagbar. Wir konnten sie nur durch Hinterlist überwältigen.«
»Aber die Geistkrieger haben sie doch geschlagen.«
»Ja, aber nach dem, was der Esper berichtete, waren sie mit überlegenen Waffen ausgerüstet und weit zahlreicher als wir. Shub war uns in technologischer Hinsicht immer mindestens zwanzig Jahre voraus, wenn nicht mehr. Ich melde mich später wieder bei Euch, Kapitän. Sobald ich etwas Neues herausgefunden habe. Stelmach Ende.«
Das Bild des Sicherheitsoffiziers war noch nicht richtig verblaßt, als plötzlich das harte Gesicht des Imperialen Komm-Offiziers von Golgatha auf dem Schirm vor Schwejksam erschien. Der Kapitän der Unerschrocken fuhr hoch und versuchte, sich einen Anschein von Aufmerksamkeit zu geben.
»Kapitän Schwejksam, ich habe neue Befehle für Euch. Sie haben Priorität über alle vorhergehenden Aufträge. Ihr werdet Sicherheitsoffizier Stelmach und seinen Gefangenen auf der Herausforderung zurücklassen und augenblicklich Kurs auf den Planeten Shandrakor setzen. Der Verräter Owen Todtsteltzer befindet sich zusammen mit anderen Feinden des Imperiums auf dem Weg dorthin. In seiner Begleitung befindet sich auch der berüchtigte Jakob Ohnesorg. Ein Spion, den wir in ihre Gruppe eingeschleust haben, konnte uns die Koordinaten Shandrakors durchgeben. Ihr habt Befehl, Kapitän, diese Leute lebend gefangenzunehmen. Sie kennen das Versteck des Dunkelwüsten-Projektor s. Ihr werdet hiermit autorisiert, alle notwendigen Maßnahmen durchzuführen, um den Dunkelwüsten-Projektor aufzuspüren und dem Imperium wiederzubeschaffen. Nachdem Ihr den Projektor habt, seid Ihr ermächtigt, die Gesetzlosen zu exekutieren. Diese Information ist streng geheim und nur für Eure Augen bestimmt. Ende der Nachricht.«
Das Gesicht verschwand genauso abrupt vom Schirm, wie es erschienen war. Schwejksam blickte zu Frost. »Offiziell habt Ihr nichts gehört und gesehen.«
»Selbstverständlich nicht, Kapitän. Eine Schande, daß wir Grendel genau in dem Augenblick verlassen, wo es interessant wird. Aber Todtsteltzer, Ohnesorg und der Dunkelwüsten-Projektor… das nenne ich einen Auftrag!«
»Der Dunkelwüsten-Projektor«, sagte Schwejksam. »Ich kann nicht glauben, daß dieser Alptraum nach all den Jahren plötzlich wieder aufgetaucht sein soll.«
»Wir sollten lieber hoffen, daß es stimmt«, entgegnete Frost. »Es ist die einzige Waffe, die wir den KIs von Shub entgegenzusetzen haben, wenn es ihnen wirklich gelungen ist, die Schläfer in Geistkrieger umzuwandeln. Und Jakob Ohnesorg und Owen Todtsteltzer… wie ich mich darauf freue, sie zu töten!«
»Ich dachte mir schon, daß Euch dieser Teil des Auftrags besonders gefallen würde«, sagte Schwejksam trocken. »Vergeßt nur nicht, daß wir zuerst den Dunkelwüsten-Projektor finden müssen. Tote Männer verraten keine Geheimnisse.
Also – Shandrakor, wir kommen! Ich dachte mein ganzes Leben, dieser Planet sei nur ein Mythos aus der Vergangenheit, eine Legende wie die Wolflingswelt. Es wird sich zeigen.«
»Was?«
»Wie bitte?«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte Schwejksam. »Irgendwas.«
»Was wird sich zeigen?«
»Sehr geistreich«, sagte Frost. »Also gut. Hier ist noch etwas, über das Ihr Euch den Kopf zerbrechen könnt: Stelmach scheint ziemlich sicher zu sein, daß die Schläfer genetisch manipulierte Lebewesen sind. Daraus folgt zwingend, daß man sie mit einer besonderen Absicht geschaffen hat. Oder zumindest als Waffe gegen einen bestimmten Feind. Was könnte Eurer Meinung nach so gefährlich, so tödlich sein, daß Wesen wie die Schläfer erschaffen werden mußten, um dagegen zu kämpfen? Und weiter: Wartet dieser Feind noch irgendwo dort draußen darauf, daß wir über ihn stolpern?«
Schwejksam musterte sie für einen Augenblick. »Ich weiß wirklich nicht, warum ich Euch noch immer mit mir herumschleppe, Investigator. Ihr könnt richtig deprimierend sein, wenn Ihr es Euch in den Kopf setzt.«
Frost nickte ruhig. »Eines meiner größten Talente.«
KAPITEL SIEBEN
EINE HOCHZEIT
Es war heiß im grellen Licht der Arena, aber so war es immer.
Der Maskierte Gladiator lag auf dem Rücken im blutigen Sand und blickte zu dem Engel hinauf, der mit ausgestreckten Flügeln über ihm schwebte, und er fragte sich, ob dies der Tag war, an dem er schließlich sterben würde. Er rollte sich zur Seite und stöhnte vor Anstrengung. Die Klauenfüße des Engels verfehlten ihn nur um Zentimeter, als das Wesen einen neuen Angriff startete. Der Maskierte Gladiator kam unsicher auf die Beine und hob erneut sein Schwert. Leidenschaftslos musterte er den Engel. Wer immer das Wesen genetisch manipuliert hatte – er mußte sich eine ganze Menge Gedanken dabei gemacht haben. Die weiten, gefiederten Schwingen und ein Hauch von Psychokinese ermöglichten ihm einen mühelos scheinenden Flug, was bedeutete, daß das Wesen mit unglaublicher Geschwindigkeit aus allen möglichen Lagen angreifen konnte. Die Klauen an seinen Händen und Füßen waren lang und geschwungen und stark genug, um das Kettenhemd des Maskierten Gladiators zu zerreißen. Und sie waren mehr als ausreichend, um ihn mühelos aufzuschlitzen oder seine Kehle zu durchtrennen, wenn er auch nur einen winzigen Augenblick lang nicht auf seine Deckung achtete. Der Maskierte Gladiator beobachtete, wie die Silhouette des Engels durch die Luft der Arena glitt, eine Luft, die so heiß und trocken war, als stammte sie direkt aus der Hölle selbst. Der Engel umkreiste ihn unablässig und stieß immer wieder auf den Gladiator hinab; dabei hielt er sich stets außer Reichweite des Schwertes seines Gegners. Die Kreatur mußte einfach ermüden, so schnell wie sie sich bewegte, aber sie machte keinerlei Anstalten, ihre Angriffe zu verlangsamen oder zu verzögern. Sie schoß heran, und die von den weitgefächerten Schwingen aufgewirbelte Luft warf den Maskierten Gladiator mit brutaler Gewalt erneut in den Sand. Irgendwie schaffte er es, seine Waffe nicht zu verlieren. Er erhob sich wieder auf die Knie, doch dann kam der Engel von hinten und packte ihn mit seinen muskulösen Armen. Er trug ihn hinauf in die Luft, und sein fester Griff trieb dem Gladiator die Luft aus den Lungen. Aber wenigstens waren seine Arme noch frei. Der Sand schwebte mit schwindelerregender Schnelligkeit unter ihm vorbei. Der Maskierte wandte den Blick ab.