preßte den Daumen seiner freien Hand auf die Sensorplatte des Sicherheitsschlosses, und die Tür schwang im gleichen Augenblick auf, als der Lektron seinen Daumenabdruck erkannte. Er stolperte durch die Tür, und sie schloß sich hinter ihm.
Sein Mentor und Trainer Georg McCrackin stürzte auf ihn zu, und Besorgnis spiegelte sich in seinem Gesicht. Der Gladiator grinste hinter seiner Maske und warf ihm den Kopf zu.
»Hallo Süßer; ich bin wieder zu Hause.«
Plötzlich schien ihn alle Kraft zu verlassen. Georg ließ den Kopf fallen und war gerade noch rechtzeitig zur Stelle, bevor der Maskierte auf den Boden aufschlagen konnte. Vor seinen Augen wurde alles dunkel. Der nächste klare Gedanke kam, als Georg ihm aus der Regenerationsmaschine half. Er trug noch immer sein Kettenhemd, aber der Schmerz in seiner Seite und seinem Rücken war zusammen mit den Wunden verschwunden. Nicht einmal Narben würden zurückbleiben. Er brummte anerkennend. Die Maschine war eine exzellente Erfindung und jeden einzelnen Penny des kleinen Vermögens wert, das er für sie hatte hinlegen müssen. Der Maskierte Gladiator grinste Georg unter seiner Maske an, der damit beschäftigt war, ihm die Rüstung abzunehmen, dann blickte er in den großen Spiegel an der Wand. Er sah schon verdammt furchterregend aus, wenn er sich so betrachtete. Einen Augenblick lang blieb er schweigend stehen, atmete langsam aus und ließ die Person des Maskierten Gladiators langsam aus sich herausströmen und sein anderes Ich wieder die Oberhand gewinnen. Dann erst nahm er den glatten Helm ab, und das ruhige Gesicht des berüchtigten Stutzers Finlay Feldglöck kam zum Vorschein.
Vater hätte auf der Stelle einen Herzanfall bekommen.
Der Gedanke hörte niemals auf, Finlay zu amüsieren. Er spielte seine Doppelrolle inzwischen lange genug, um sich an vieles gewöhnt zu haben, aber diese Facette brachte noch immer ein schelmisches Grinsen auf sein Gesicht. Er streifte den Rest seiner Rüstung ab und überließ es Georg, sie wegzuräumen. Nackt stand er vor dem Spiegel und streckte sich ausgiebig und unbefangen wie eine Katze. Der Schweiß auf seiner Brust und seinen Armen begann langsam zu trocknen, und geistesabwesend nahm er das von Georg angebotene Handtuch. Er frottierte sich sorgfältig ab, während seine Gedanken weit weg waren.
Georg McCrackin war schon seit Jahren bei ihm und etwas wie seine rechte Hand geworden. Georg war ursprünglich der Maskierte Gladiator gewesen, bevor er die Rolle leid geworden war und sowohl Helm als auch Legende an seinen
Schüler und Nachfolger Finlay Feldglöck übergeben hatte. Niemand hatte je davon erfahren. Er rieb Finlays Rücken mit einem zweiten Handtuch ab; eine dunkle, brütende Gestalt, die leise etwas von bodenlosem Leichtsinn und unnötigem Risiko vor sich hinmurrte.
»Ich fühle mich nach einem solchen Kampf immer ganz besonders gut«, sagte Finlay beinahe verträumt. »Einen Gegner zu töten vertreibt all die dunklen Gedanken und Triebe. Es reinigt Körper und Geist.«
»Zum Glück«, sagte Georg. »Wenn du deinen Blutdurst nicht in der Arena stillen könntest, wäre niemand vor dir sicher. Wahrscheinlich würdest du die halbe Aristokratie in irgendwelchen Duellen auslöschen. Ich wußte gleich vom ersten Augenblick an, in dem ich dich kämpfen sah, daß du eine natürliche Mordmaschine bist.«
Finlay blickte Georg an. »Willst du mir etwa erzählen, daß dir die Zeit als Maskierter Gladiator im Sand der Arena nicht gefallen hat?«
»Nein, das nicht. Aber ich kämpfte wegen der Herausforderung, und du kämpfst wegen des Nervenkitzels. Da besteht ein kleiner Unterschied. Und genau deswegen wird es dir auch ein gutes Stück schwerer fallen als seinerzeit mir, mit dieser Rolle aufzuhören. Aber schließlich wird selbst dein Blutdurst versiegen, und dann bist du an der Reihe, den Helm und die Legende an einen anderen Dummkopf mit Blutgier in den Augen und dem Teufel im Herzen weiterzugeben.«
»Vielleicht hast du recht«, gestand Finlay in einem Ton, der seine Zweifel nicht verbarg, genausowenig wie die Tatsache, daß er überhaupt keine Lust hatte, mit Georg zu streiten.
»Weißt du, das ist alles meines Vaters Schuld. Ich wußte schon als Kind, daß ich zum Kämpfer geboren war. Ich kämpfte gegen jeden, schon bei der geringsten Andeutung einer Beleidigung – ganz gleich, um wieviel größer oder stärker sie waren als ich. Und ich gewann überraschend viele dieser Auseinandersetzungen, Ich wäre zu gerne zum Militär gegangen und hätte gegen die Feinde der Imperatorin gekämpft – aber nein, ich war der Älteste und der Erbe, und das bedeutete, daß man mir nicht erlauben konnte, irgend etwas zu unternehmen, bei dem meine kostbare Haut auch nur einen Kratzer abbekommen könnte. Ich erhielt trotzdem eine hervorragende Ausbildung mit Schwert und Pistole, aber nur, weil es Teil meines Erbes war und mir nicht verwehrt werden durfte. Aber es war mir nie genug. Nicht annähernd. Ich benötigte mehr, um mein Blut anzuheizen, meine Sinne zu befriedigen, mich lebendig zu fühlen…
Mein erstes Duell focht ich mit fünfzehn. Ich schnitt den armen Bastard in Streifen, und es fühlte sich so gut, so richtig an. Danach hatte ich auf Schritt und Tritt einen Leibwächter an meiner Seite, der alle Duelle in meinem Namen ausfocht.
Du kannst dir sicher denken, wie populär mich das bei den Peers machte. Ich wurde schon vorher alles andere als bewundert, aber danach galt ich als Paria. Ich habe meinem Vater in dieser Hinsicht eine Menge zu verdanken.
Doch das ist lange her… bevor ich auch nur daran dachte, regelmäßig in der Arena zu kämpfen. Es begann damit, daß ich der Aufsicht meines Leibwächters entschlüpfte, die Angestellten der Arena bestach und meinen ersten Kampf unter einer Holomaske bestritt. Nichts Außergewöhnliches, keine auserlesenen Tricks, einfach nur Schwert gegen Schwert. Und als alles vorüber war und ich lebte und mein Gegner tot war, da hatte ich ein Gefühl, als gehörte ich hierher. Ich entschloß mich, meine Rolle als Dandy und Stutzer zu entwickeln, damit niemand hinter mein kleines Geheimnis kommen konnte.
Immerhin hätte es zu einem ausgemachten Skandal gereicht, wenn etwas davon an die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Der Erbe eines der mächtigsten Adelshäuser kämpft gegen jeden, der sich ihm in der Arena stellt… meinen lieben Vater hätte der Schlag getroffen.«
»Du hast mir diese Geschichte noch nie erzählt«, sagte Georg. »Sicher, das meiste davon wußte ich bereits. Ich machte es mir zur Aufgabe, alles herauszufinden. Aber du wolltest nie darüber sprechen, also fragte ich nie danach. Was bringt dich dazu, deine Meinung so plötzlich zu ändern?«
Finlay zuckte die Schultern. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Vielleicht liegt es einfach nur daran, daß ich heute da draußen zum ersten Mal meine eigene Sterblichkeit geschmeckt habe.«
Georg rümpfte die Nase. »Das wurde allerdings auch Zeit.
Nur weil du bisher immer gewonnen hast, bedeutet das noch lange nicht, daß du unbesiegbar bist. Du bist in letzter Zeit ein wenig anmaßend geworden. Du kannst so gut sein, wie du nur willst – es gibt immer irgendeinen, der besser ist. Das lehrt uns die Arena jeden Tag aufs neue.«
»Und wer zum Beispiel?« fragte Finlay herausfordernd. Er warf das Handtuch achtlos in eine Ecke und griff nach seiner normalen Kleidung.
»Nun, da wäre zum Beispiel Kid Death. Er ist jetzt der neue Lord Sommer-Eiland. Geh ihm nur schön aus dem Weg. Er ist verrückt.«
»Und das soll ihn unschlagbar machen?«
»Vielleicht nicht in der Theorie, aber in der Praxis ganz sicher. Es schert ihn nicht, wenn er stirbt – solange er seinen Gegner nur mit sich nehmen kann. Hör wenigstens einmal im Leben auf das, was ich dir sage, Freund. Ich habe dich nicht zum besten Kämpfer der Arena ausgebildet, damit ich dich an einen genialen Verrückten mit einem unbewußten Todeswunsch verliere.«
»Schon gut, ich habe verstanden.« Finlay setzte sich auf eine Bank und begann, seine kniehohen Lederstiefel anzuziehen. »Ich war vielleicht in letzter Zeit ein wenig zu zwanghaft mit meinen Kämpfen. Die Arena ist so einfach, geradlinig und unkompliziert im Vergleich zu den endlosen Ränken und Intrigen am Hof und der Politik in den oberen Schichten. Jedes verdammte Wort hat mindestens ein Dutzend Bedeutungen, jede Aussage ein Dutzend Ebenen, und man kann nicht einen Schritt hin, ohne über einen Konspirateur zu stolpern, der einem Verräter die Ohren vollflüstert. Zum Glück betrachtet mich meine Familie genauso wie alle anderen auch nur als einen Stutzer und Feigling; also läßt man mich meistens in Ruhe, weil ich sowieso zu nichts nutze bin. Es liegt nicht einmal Ehre darin, jemanden wie mich in einem Duell zu besiegen, und ich bin zu dumm, als daß man mir die Geheimnisse irgendwelcher Verschwörungen anvertrauen könnte. Ich habe von Anfang an gewußt, daß diese Rolle eine hervorragende Tarnung abgeben würde. Sie verschont mich vor Intrigen, schützt mein geheimes Doppelleben und ermöglicht mir unendliches Vergnügen. Ah, das Leben ist doch etwas Schönes, Georg. Obwohl der Tod noch viel mehr Freude bereitet.«