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»Sie scheint sehr… resolut zu sein?«

»O ja. Ich bewundere Frauen mit Geist.«

»Ihr müßt mich ihr unbedingt vorstellen, Valentin. Eines Tages.«

»Nichts leichter als das, Finlay. Hier kommt die Dame bereits. Sieht sie nicht prächtig aus?«

Finlay drehte sich um und erblickte eine große, schlanke Frau Ende Zwanzig, die auf die kleine Gruppe zuhielt. Sie steckte in einem hellroten Kleid mit goldenen und silbernen Spitzen, die ihre makellose, bleiche Haut und ihr natürliches rotes Haar betonten. Finlay überlegte, ob die Mode der fluoreszierenden Gesichter und metallisierten Haare vielleicht vorüber war. Die Dinge änderten sich heutzutage so rasend schnell. Die junge Dame verlangsamte ihren Schritt und blieb schließlich vor Valentin und Finlay stehen. Sie zitterte vor mühsam unterdrückter Wut, und ihre Augenbrauen trafen sich in der Mitte ihrer Stirn und steuerten ihren Teil zu einer wild entschlossenen Miene bei. Ihr Mund war kaum mehr als ein gerader Strich und sprach von mühsam beherrschtem Zorn.

Finlay bemerkte, daß seine Hand bei ihrem Anblick beinahe automatisch auf den Griff des Schwertes gefallen war. Sein Instinkt erkannte eine wirkliche Bedrohung, sobald er sie sah.

Er verbeugte sich höflich, und sie schoß einen unverhohlt giftigen Blick auf ihn ab. Finlay verspürte plötzlich den Drang, sich nach dem nächstgelegenen Notausgang umzusehen. Sie machte ganz den Eindruck einer Person, die mit Gegenständen um sich warf. Mit schweren Gegenständen. Valentin schien von all dem überhaupt nichts zu bemerken und lächelte seiner Braut freundlich zu.

»Finlay Feldglöck, darf ich Euch Beatrice Cristiana vorstellen, meine zukünftige Gattin?«

»Friß Scheiße und stirb, du ungehobelter Klotz!« zischte die zukünftige Ehefrau. »Und nimm bloß deine blöde Hand weg.

Ich habe ganz bestimmt nicht die Absicht, sie zu schütteln.

Ich würde eher einem Leprakranken einen Zungenkuß geben als dich anzufassen. Wahrscheinlich macht sogar dein Schweiß süchtig, wenn man bedenkt, wie viele Drogen durch das zirkulieren, was von deinem Kreislauf noch übrig ist. Jedenfalls habe ich deine letzte Botschaft erhalten. Ich schätze, der Schleier ist eine ganz ausgezeichnete Idee. Ich würde vorschlagen, daß du auch noch einen Maulkorb und einen Keuschheitsgürtel anziehst, weil du mich ganz bestimmt nicht anfassen wirst, du Penner! Ich für meinen Teil werde in einem Dekontaminationsanzug erscheinen und einen elektrischen Viehstock statt eines Buketts tragen.«

»Ich muß Euch unbedingt mit meiner Gemahlin bekanntmachen!« sagte Finlay.

»Ist sie nicht wundervoll?« strahlte Valentin. »Ich liebe Frauen mit Mumm! Wir sind wie füreinander geschaffen, liebe Beatrice. Denk nur, wie prächtig unsere Kinder sein werden!«

»Du hast größere Chancen, den jährlichen Kirchenpreis für Bescheidenheit und vorbildliches Bürgertum zu gewinnen, als mit mir ein Kind zu zeugen, Valentin Wolf! Ich hasse künstliche Befruchtung in der Retorte, und wenn du es auch nur wagen solltest, eines deiner ekelhaften Körperteile in meine

Nähe zu bringen, dann stopfe ich sie dir in einen Mixer. Das ist eine rein politische Ehe, Valentin, und dabei wird es auch bleiben. Und wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich muß nämlich los und etwas wirklich Teures und Zerbrechliches suchen, um es an die Wand zu werfen.« Sie bedachte Finlay mit einem kurzen, verächtlichen Blick. »Habt Ihr eigentlich eine Vorstellung davon, wie Ihr ausseht? An Eurer Stelle würde ich diesen dämlichen Ausdruck aus meinem Gesicht wischen, Finlay Feldglöck, bevor Ihr es nicht mehr könnt.«

Sie wandte sich ab und stampfte durch die Menge davon, die sich bemühte, ihr aus dem Weg zu gehen – aber die meisten waren nicht schnell genug und mußten sich beiseite rempeln lassen. Finlay bemerkte, daß er die Luft angehalten hatte.

Jetzt atmete er langsam und unter lautem Seufzen wieder aus.

Vollkommen sprachlos blickte er zu Valentin, doch der junge Wolf schien unbeeindruckt. Er schnippte einen imaginären Fleck von seinem Revers und lächelte Finlay an.

»Eines Tages wird sie meine kleinen Geheimnisse zu schätzen lernen. Früher oder später.«

Nicht weit weg von den beiden stand Evangeline Shreck, groß, schlank, und trotz ihres aufregenden, schulterfreien Kleids wie ein verlorenes Kind aussehend, und beobachtete, wie ihr geliebter Finlay sich mit dem berüchtigten Valentin Wolf unterhielt. Sie spürte ein beinahe übermächtiges Verlangen, hinzustürzen und Finlay vor diesem Kerl zu retten. Oder ihn zumindest zu beschützen. Valentin war für sie nichts weiter als eine Gestalt in einer Karnevalsmaske, ein lebendiger Harlekin, und er verkörperte in ihren Augen all das Kranke und Korrupte der gegenwärtigen Gesellschaft. Aber sie durfte sich Finlay ohne guten Grund keinesfalls auch nur nähern.

Selbst wenn man die bevorstehende Hochzeit berücksichtigte, durch die die beiden Häuser der Feldglöcks und der Shrecks eine Verbindung miteinander eingingen, blieb noch genug an Vorbehalten und heimlichem Groll übrig. Es war schon ein kleines Wunder, daß während der bisherigen Feiern noch niemand eine offene Aufforderung zum Duell ausgesprochen hatte. Wenn sie jetzt zu Finlay gehen und mit ihm ein Gespräch beginnen würde, dann sähe es bestenfalls eigenartig aus, und schlimmstenfalls könnte ein aufmerksamer Beobachter sogar Verdacht schöpfen. Offiziell trafen sie sich höchstens bei Gelegenheiten wie dieser hier, und auch dann nur im Vorübergehen. Die Leute würden die Augenbrauen heben und Kommentare abgeben. Vielleicht würden sie sogar beginnen, unangenehme Fragen zu stellen. Evangeline zwang sich dazu, den Blick von ihrer Liebe abzuwenden, und plötzlich stand ihr Vater neben ihr. Sie gewann rasch ihre Fassung zurück und hoffte, daß er ihr Zusammenzucken als Überraschung und nicht als verräterisches Schuldgefühl interpretierte.

Lord Gregor Shreck lächelte seine Tochter liebevoll an und tätschelte ihr mit seiner pummeligen Hand den Arm. Der Shreck war ein kleiner Fettklops von einem Mann, dessen Augen tief in seinem rundlichen Gesicht lagen. Er zeigte ein nie endendes, leicht nervtötendes Grinsen. Der Shreck liebte gutes Essen und Trinken und scherte sich einen Dreck um die herrschende Mode – welche sich im Gegenzug einen Dreck um ihn scherte. Er war kein sehr geselliger Mensch, der Shreck, und er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, alle Feierlichkeiten zu vermeiden, bei denen seine Anwesenheit nicht aus zwingenden Gründen erforderlich war. Er war ungeachtet seines hohen Standes und seiner vorzüglichen Verbindungen nie besonders beliebt gewesen oder gar hofiert worden, aber auch darauf gab er einen Dreck, der Shreck. Er hatte andere Sorgen. Privater Natur.

»Kann ich dir einen Drink anbieten, meine Liebe?« fragte er seine Tochter freundlich. »Oder vielleicht eine Kleinigkeit zu essen? Du weißt, daß ich mir Gedanken mache, wenn du nicht vernünftig ißt.«

»Danke, lieber Vater. Aber ich mag nichts. Wirklich nicht.«

Der alte Shreck schüttelte unglücklich den Kopf. »Du mußt darauf achten, daß du nicht vom Fleisch fällst, mein Kind. Du möchtest doch hübsch aussehen für deinen Papa, oder nicht?«

Die Hand auf ihrem Arm schloß sich zu einer schmerzhaften Warnung. Evangeline nickte artig und lächelte verkrampft.

Es war nicht klug, Vater zu verärgern. Er wirkte nach außen wie ein gutmütiger Mann, doch er besaß ein äußerst jähzorniges Temperament, und in ihm wohnte eine häßliche, erfinderische Bosheit. Also ließ Evangeline zu, daß ihr Vater sein übliches Theater veranstaltete und versuchte ansonsten, sich so weit wie nur möglich von ihm entfernt zu halten, ohne ihn zu verärgern. Es war ein Drahtseilakt, den sie da vollführte, und obwohl sie sich inzwischen daran gewöhnt hatte, wurde es nie einfacher. Der alte Shreck ließ seine Augen über die laut schnatternde Menge schweifen und zog eine verdrießliche Miene.