»Sieh sie dir nur gut an: Leben einfach so in den Tag, und kein Gramm Gehirn belastet ihre Köpfe. Sie stopfen sich mein Essen in den Bauch und kippen meinen Wein hinter ihre Binden, und meine arme Nichte ist noch immer eine willenlose Sklavin der Eisernen Hexe. Sie tun sich hier auf meine Kosten gütlich, aber frag mal einen einzigen von ihnen, ob er mir dabei hilft, meine arme Nichte zu befreien. Ich kann bitten und betteln, aber nein. Keiner von ihnen weiß, wieviel sie mir bedeutet hat. Genausoviel wie du, Evangeline. Aber ich werde sie irgendwie befreien und zurückholen, eines Tages, und dann werde ich mich an all jenen rächen, die mir ihre Hilfe verweigert haben.«
Die dunklen Wolken verzogen sich ebenso rasch wieder aus seinem pummeligen Gesicht, wie sie gekommen waren, und der Shreck ließ endlich den Arm seiner Tochter los. Er pochte dumpf und schmerzte von seinem eisernen Griff, aber Evangeline wagte nicht, die schmerzende Stelle zu reiben. Es war nicht klug, ihren Vater abzulenken, wenn seine Stimmung ausnahmsweise einmal nicht ganz so schlecht war.
»Reden wir von etwas Erfreulicherem«, sagte er mit einem strahlenden Gesichtsausdruck. »Ich erwarte mir viel von dieser Hochzeit, mein Kind. Die liebe Letitia gibt eine hübsche Braut ab, und Robert Feldglöck soll ein feiner, aufrechter junger Mann sein. Ich habe mir nie viel Zeit für die Feldglöcks genommen, für keinen von ihnen, aber man muß ihnen zugestehen, daß sie eine Menge guter Verbindungen zu interessanten und wichtigen Leuten haben. Und diese Verbindungen werden mir in den Schoß fallen, wenn unsere beiden Häuser erst durch die Heirat miteinander verflochten sind. Als Gegenleistung müssen wir ihnen nur den Rücken freihalten und sie vor Angriffen aus unerwarteten Richtungen schützen, während sie sich um die Kontrakte für die Massenproduktion des neuen Hyperraumantriebs kümmern. Einige ihrer Einkünfte aus diesem Geschäft werden in meine Richtung fließen. Die Dinge entwickeln sich gut, mein Kind. Bald schon kann ich dir all die phantastischen Dinge zu Füßen legen, die ich dir schon immer schenken wollte. Du warst stets sehr geduldig mit mir, hast dir all meine Versprechungen angehört und dich nie beschwert, aber wenn wir erst zu Geld kommen, soll keiner deiner Wünsche mehr offenbleiben, meine Liebe… kein einziger. Und als Gegenleistung wünsche ich mir nur, daß du deinen Vater liebst. Ist das denn zu viel verlangt, Evangeline?«
»Nein, Vater.«
»Wirklich nicht?«
»Nein, Vater«, erwiderte Evangeline fest. »Du weißt, daß ich dich als meinen Vater ehre und all meine Pflichten dir gegenüber erfülle. Mein Herz gehört dir.«
Gregor Shreck lächelte seine Tochter liebevoll an. »Du siehst deiner Mutter von Tag zu Tag ähnlicher, mein Kind, weißt du das?«
Evangeline dachte noch immer über eine unverbindliche, sichere Antwort nach, als sich James Kassar, der Vikar der Kirche von Christus dem Krieger, zu ihnen gesellte. Groß und muskulös und mit einer Ausstrahlung physischer Überlegenheit, sah der Vikar in seinem tiefschwarzen militärischen Chorhemd einfach umwerfend aus – und er wußte es nur zu gut. Die Imperatorin hatte der Kirche ihre offizielle Unterstützung gewährt, nachdem sie an die Macht gekommen war, und als Gegenleistung unterstützte die Kirche die Eiserne Hexe mit all ihrer nicht unbeträchtlichen Macht. Die Kirche besaß im gesamten Reich ihre Anhänger und kam inzwischen einer offiziellen Staatskirche ziemlich nahe, wenn es denn eine gegeben hätte. Die Kirche hatte der Eisernen Hexe den Titel Hüterin der Kreuzwegstationen, Kriegerin aller Seelen und Verteidigerin des Glaubens verliehen und ihre zahlreichen militärischen Schulen unter Imperiales Kommando gestellt. In der Praxis bedeutete dies, daß die Kirche von Christus dem Krieger alle anderen Religionen verdrängt hatte – zumindest in der Öffentlichkeit – und daß ihr Einfluß praktisch bis in den letzten Winkel des Imperiums reichte. Die Imperatorin hatte die Kirche von sämtlichen Steuern befreit und ihr sogar erlaubt, einen Zehnt (oder mehr) von ihren Anhängern einzutreiben. Auch hierfür erhielt die Imperatorin eine Gegenleistung: Sie benutzte die elitären Jesuitenkommandos der Kirche, um in ihrem Namen Verräter auszumerzen. Und so kam es, daß man sich nicht mit der Kirche stritt oder sie kritisierte.
Ersteres nie, und letzteres zumindest nicht in der Öffentlichkeit.
James Kassar war der aufgehende Stern am Himmel der Kirche. Er hatte sich mehrere Jahre als Soldat ausgezeichnet und die Feinde des Reiches mit unerbittlicher Härte ausradiert, ohne Rücksicht auf eigene Verluste und Kosten. Er wurde rasch zum Major befördert, bis er eines Tages den Ruf des Heilands vernahm und zur Kirche hinüberwechselte. Dort wandte er sich mit großem Eifer der Aufgabe zu, all diejenigen zu finden und zu verfolgen, die sich der Einen und Wahren Kirche von Christus dem Krieger zu widersetzen wagten.
In seiner Hingabe an den Glauben übertrat er hin und wieder die weltlichen Gesetze und radierte ein paar unbeteiligte Dritte zusammen mit den eigentlichen Bösewichten aus – man kann eben kein Omelett machen, ohne Eier aufzuschlagen… und so weiter. Kassar war der aufgehende Stern am Himmel der Kirche, und so schwieg man eben. Zumindest dort, wo Entscheidungen getroffen wurden. Für die Feldglöcks und die Shrecks bedeutete es eine große Ehre, daß Hochwürden zugestimmt hatte, diese Ehe zu schließen – und Hochwürden gab sich alle Mühe, damit es auch das letzte der anwesenden Schafe kapierte. Lord Gregor Shreck verbeugte sich vor dem Vikar, und Evangeline knickste höfisch.
»Wie freundlich von Euch, Euer Gnaden, daß Ihr uns mit Eurer Anwesenheit ehrt«, sagte Gregor mit Honig in der Stimme. »Ich hoffe doch sehr, alles ist zu Eurer Zufriedenheit?«
»Dann hofft Ihr falsch, mein Lieber«, entgegnete der Vikar scharf. »Ich habe noch nie zuvor so viele dekadente Parasiten in einem einzigen Raum versammelt gesehen! Eine Verpflichtung beim Militär würde ihnen wieder Rückgrat verleihen. Ich bezweifle stark, daß mehr als die Hälfte von ihnen seit ihrer Taufe eine Kirche von innen gesehen hat. Oder auf Verlangen den Katechismus des Kriegers rezitieren könnte. Aber solange die Aristokratie sich in die Arme der Imperatorin – lang möge sie leben! – kuschelt, kann sich Euereins erlauben, der Kirche eine lange Nase zu machen. Doch das wird nicht ewig so weitergehen, das verspreche ich Euch!«
»Sicher habt Ihr recht«, stimmte der Shreck dem Vikar zu.
»Darf ich Euch ein Glas Wein oder etwas anderes anbieten?«
»Ich habe dieses Teufelszeug noch niemals angerührt!« empörte sich der Vikar. »Der Körper ist der Tempel des Herrn und nicht dazu da, mit giftigen Substanzen angefüllt zu werden! Ich nehme an, die Einzelheiten für diese Heirat sind sorgfältig ausgearbeitet worden, Shreck? Ich habe noch weitere Verabredungen, und wenn ich meine Termine verschieben muß, wird jemand darunter leiden – aber nicht ich.«
Genau in diesem Augenblick erschien unter lautem Donnergetöse mitten im Ballsaal und scheinbar aus dem Nichts ein wild dreinblickender Zelot. Er war lediglich mit einem zerfetzten Lendenschurz bekleidet, und seine nackte Haut war über und über von frischen und alten Narben bedeckt. Auf der Stirn trug er eine Dornenkrone, und als er das Gesicht verzog, rannen kleine Ströme von Blut an seinen Wangen hinab. Er sah halb verhungert aus. Sein Blick war der eines wahren Fanatikers und Sehenden. Die betäubte Menge begann mit lautem Stimmengewirr auf sein Erscheinen zu reagieren, bis plötzlich aus dem Nichts Flammen aufzüngelten und an dem Zeloten emporleckten, ohne ihm jedoch etwas anhaben zu können. Ehrfürchtig verstummte die Menge aufs neue. Der Zelot funkelte die Umstehenden an, und die Leute wichen ängstlich zurück. Dann begann er zu sprechen. Seine Stimme war überraschend ruhig und wohlklingend.
»Ich bin hier, um gegen die fortwährende Versklavung von Espern und Klonen zu protestieren. Ich protestiere gegen die Schändung der Einen und Wahren Kirche von Christus dem Erlöser! Christus war ein Mann des Friedens und der Liebe, aber wenn er sehen könnte, was heutzutage in seinem Namen geschieht, würde er sein Gesicht von uns allen abwenden und verzweifeln. Ich fürchte Eure Wachen und die Verhöre nicht; ich habe mein Leben dem Heiland gewidmet, und ich opfere es jetzt als ein Zeichen für Euch alle, daß Esper und Klone eine eigene Persönlichkeit und einen eigenen Glauben besitzen, der ihnen nicht verweigert werden darf!« Der Zelot machte eine kurze Pause, blickte die Anwesenden böse grinsend an und fuhr fort: »Wir sehen uns in der Hölle.«